Tabuthema Sternenkinder Alisa ist jetzt bei den Sternen

Von Ulrike Otto
  Foto: Pixabay

Leonberg - Es war Karsamstag 2015. Der Friedhofspfleger ließ eine winzig kleine Urne in ein kleines Erdloch gleiten. Darin: Alisa. Alisa hat nie geatmet. Sie hat nie die Augen geöffnet und das erste Mal ihre Mama erblickt. Nie nach einem Finger gegriffen und zugepackt. Alisa ist ein Sternenkind. Zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin starb sie im Mutterbauch. Bevor die Ärzte feststellen konnten, was nicht stimmt, hatte ihr Herz aufgehört zu schlagen.

Alisa ist nicht mein Kind. Sie ist die Tochter einer meiner besten Freundinnen. An Ostern 2015 ist sie bereits ein dreiviertel Jahr tot. Meine Freundin Anja ließ sie umbetten, von einem anonymen Gemeinschaftsgrab drei Orte weiter auf den kleinen Friedhof in ihrer Gemeinde, den sie fast von ihrem Wohnzimmer aus sehen kann.

„Ich wurde noch im Kreißsaal gefragt, wie ich mein Kind beerdigen möchte“, erinnert sich Anja. In dem Moment habe sie mit der Frage nicht umgehen können. „Das war ganz schlimm. Ich wollte am Anfang gar kein Grab, keinen Ort, um daran erinnert zu werden.“ Doch sehr schnell habe sich das für sie als die falsche Entscheidung herausgestellt.

Das kleine Mädchen heimgeholt

Alisas Grabstelle ist immer bunt geschmückt. Foto: privat
Nur Anjas Zwillingsschwester, ihre Mutter und ich waren bei der Umbettung dabei. Wir weinten. Anja nicht. Liebevoll arrangierte sie Blumen um die Grabstelle, kleine Herzen aus Ton. Und immer dabei: ein Schmetterling. Anjas Symbol für Alisa.

„Ich weiß, dass es viele nicht verstehen können. Aber ich habe gelacht, weil ich mich gefreut habe. Weil ich den Wunsch hatte, mein Mädchen heim zu holen“, sagt Anja, die immer sehr offen mit dem Erlebten umgegangen ist.

Ein paar Monate später treffe ich zufällig meine Freundin Sophia in der Stadt. Sie wirkt ein bisschen traurig, doch wir müssen beide weiter. Erst später fällt mir auf, was an der Begegnung merkwürdig war. Sophias Bauch unter der weiten Jacke war weg. Sie war im siebten Monat schwanger gewesen. Es sollte auch ein Mädchen werden, Tara. Sophia redet sehr selten darüber. In ihrer Wohnung gibt es kein Foto, kein sichtbares Erinnerungsstück an Tara. Mittlerweile hat sie zwei Kinder. Ob es ein Grab für ihr kleines Mädchen gibt, auf das ich Blumen legen könnte, ich weiß es nicht.

Diese beiden Erlebnisse so kurz nacheinander haben mich sehr bewegt. Ich schreibe über viele Themen. Auch über Neujahrsbabys. Die Arbeit des Hospizes. Trauerbegleitung. Aber Sternenkinder?

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