Suchtprävention in Renningen Für viele eine Flucht aus dem Alltag

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Lange Zeit war Alkohol die Nummer-1-Droge bei Jugendlichen. Inzwischen geht es mehr in Richtung Cannabis. Foto: Pixabay

Renningen - Das Team der Jugend- und Schul­sozialarbeit vom Verein für Jugendhilfe hat einen Suchtpräventionsmonat am Renninger Schulzentrum organisiert. Ein Programmpunkt ist der öffentliche Vortrag des ­ehemaligen Süchtigen und Ex-Dealers ­Dominik Forster. Wie präsent das Thema ­Drogen unter den ­Jugendlichen ist, weiß Tim Dietterle vom Jugendhaus Renningen, Mitorganisator des Präventions­monats.

Herr Dietterle, immer wieder ist zu hören, dass der Alkoholkonsum von Jugendlichen eher zurückgeht. Wie aktuell ist das Thema Drogen und Suchtprävention?

Drogen sind immer ein aktuelles Thema, es ändert sich nur die Form. Es stimmt, dass früher Alkohol die Nummer 1 war, jetzt geht es eher in Richtung Cannabis. Das merkt man schon an der Musik. ­Gefühlt geht es in jedem zweiten Rap-Song ums Kiffen, das wird für die Jugendlichen immer attraktiver. Das „Koma­saufen“, von dem so oft die Rede ist, gibt es dafür fast gar nicht mehr. Und auch das Rauchen geht zurück. Nichtsdestotrotz gibt es auch heute noch junge Leute, die mit 14 schon damit anfangen, da ist jeder einzelne einer zu viel.

Ist Ihnen der Konsum von Drogen im ­Jugendhaus je begegnet?

Ja, wir haben hier schon Erfahrung damit gemacht. Wie gesagt: eher mit Kiffen als mit Alkohol. Wenn die Jugendlichen nüchtern das Gebäude verlassen und kurze Zeit später gut gelaunt und mit einem Fressflash wiederkommen, das ist schon vorgekommen.

Wie gehen Sie in solchen Situationen vor?

Erst mal sind wir natürlich offen, wir wollen niemanden vergraulen. Die Betreffenden sollen nicht das Gefühl haben, dass wir sie hier nicht haben wollen, nur weil sie kiffen, wenn sie sich ansonsten benehmen. Und wir unterliegen der Schweigepflicht. Wenn sich uns also jemand anvertraut und zugibt, dass er das Zeug nimmt, dann dürfen wir das gar nicht weitergeben. Wir geben aber klare Regeln vor, zum Beispiel ein absolutes Verbot zu Zeiten, wenn auch jüngere Kinder im Jugendhaus sind, und die Betreffenden sollen das auch nicht auf unserem Gelände tun. Zudem sprechen wir über das Thema, genauso wie über alle möglichen anderen Sachen. Wir versuchen, hier einen guten Mittelweg zu finden.

Was für Rückmeldungen kommen darauf?

Die meisten, die das betrifft, haben noch nicht so den Weitblick, die sehen das eher locker. Es ist eben „cool“, also machen sie es. Das sind oft auch Jugendliche, die nicht aus dem besten Umfeld kommen, für die ist das Kiffen auch ein Stück ­Vergessen. Jede Sucht ist ja eigentlich ­immer Flucht aus dem Alltag.

Der Monat November dreht sich im Schulzentrum nun komplett um das Thema Suchtprävention. Wie kann man sich das in etwa vorstellen?

Das Suchtberatungszentrum des Vereins für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen kommt vorbei und organisiert in allen Klassen spezielle Projekte. Beteiligt sind alle Schüler ab Klasse 7, von Werkrealschule, Realschule und Gymnasium. Da gibt es zum Beispiel interaktive Aktionen wie einen Parcours, den die Schüler mit einer Rauschbrille absolvieren müssen. Diese Brillen simulieren das Sehvermögen nach dem Konsum von Cannabis oder ­Alkohol.

 

Vor 20 Jahren war Suchtprävention an Schulen nicht gerade dafür bekannt, besonders schülernah zu sein. Wie muss man aus Ihrer Sicht dabei vorgehen?

Wichtig ist es, mit den Schülern in den Dialog zu gehen. Sich einfach nur vor sie hinzustellen und zu sagen: „Drogen sind schlecht“, das bringt nichts. Es ist wichtig, das gemeinsam zu reflektieren und die Thematik von allen Seiten zu beleuchten. Jede Droge vermittelt einem erst mal ein gutes Gefühl, sonst würde man sie ja nicht nehmen. Das muss genauso Teil der Diskussion sein wie die Frage nach den Konsequenzen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn ich süchtig werde? Welche strafrechtlichen Folgen kann das haben?

Foto: privat

Der Präventionsmonat richtet sich auch an ältere Schüler. Aber bringt Suchtprävention bei einem 17-Jährigen überhaupt noch ­etwas? Hat der seine Entscheidung nicht schon getroffen?

Das Ziel einer solchen Aktion ist es ja nicht, den Konsum komplett zu ver­hindern, sondern aufzuklären. Vielleicht merkt dabei auch der 16-jährige Kiffer erstmals: He, vielleicht ist das doch alles nicht so super. Und selbst wenn jemand bis dahin noch nicht mit Drogen in Berührung gekommen ist, heißt das nicht, dass es nie passieren wird. Fast in jedermanns Leben ergibt sich irgendwann eine solche Situation, und dafür sollen die Jugend­lichen gerüstet sein.

Das Herzstück des Projektmonats sind die Vorträge des Autors Dominik Forster. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben?

Meine Kollegin Dorothe Riedl ist eines ­Tages auf seinen Namen gestoßen, und wir wollten ihn unbedingt zu einer Veranstaltung nach Renningen holen. Dominik Forster ist selbst Ex-Dealer und Ex-Junkie und hat darüber zwei Bücher geschrieben. Jemand, der das Ganze selber schon durchlebt hat, kann die Jugendlichen noch mal aus einem ganz anderen Kontext heraus erreichen. Leider wäre der Effekt eines einzelnen Vortrags schnell verpufft, deshalb hatten wir die Idee mit dem ­Präventionsmonat um die Veranstaltung herum. So ist das Projekt überhaupt erst entstanden.

Dominik Forster wird aber nicht nur vor den Schülern sprechen, sondern auch ­öffentlich.

Das stimmt. Am 19. November kommt er abends in die Mediathek und liest aus seinen Büchern. Danach gibt es Gelegenheit für eine offene Diskussion. Das ist sicher nicht nur für Schüler und Lehrer interessant, sondern auch für alle anderen.


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