Strohgäu Ein Leben für die Bahn

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Der Bahnhof Korntal heute und im Jahr 1936 mit Blick Richtung Westen: Das Empfangsgebäude aus roten Standsteinen existiert noch immer. Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen - Züge und Bahnhöfe haben Bernd Natterer schon immer magisch angezogen. Schon als Kind reiste er viel und gerne mit dem Zug – vor allem mit dem Nachtzug, und an den Bahnsteigen genoss er den Trubel. In Form von Modellbahnen, von denen er im Laufe der Zeit viele aus Urlauben mitgebracht hat, holte er sich seine Leidenschaft nach Hause. Nach der Schule entschied er sich, fast klar, für eine Ausbildung bei der Bahn. Als Beamter im nichttechnischen Dienst habe er sein halbes Leben lang in Stellwerken verbracht, erzählt der 64-Jährige. An diversen Bahnhöfen in der Region war er dafür zuständig, dass der Zugverkehr reibungslos lief, stellte Weichen und Signale. Zuletzt war er als Personaler für die Stellwerker tätig. An seine Zeit bei der Unfallbereitschaft denkt der Gerlinger indes bedrückt zurück: Bei Unfällen koordinierte er die Zusammenarbeit etwa mit der Polizei und vertrat die Interessen seines Arbeitgebers.

Während der Lehre war der gebürtige Weilimdorfer einige Zeit im Korntaler Stellwerk, zudem fuhr er vom Korntaler Bahnhof aus zur Arbeit. Der Bahnhof – besonders die Strohgäubahn und die Dampflok Feuriger Elias – hat es Bernd Natterer so angetan, dass er sich nicht nur umfassend mit der Geschichte in Wort und Bild befasst, zu einem Buch gar ein Kapitel beitrug: Er steuert ihn bei den Korntaler Modellbahntagen auch im Kleinformat bei. Vorigen September wurde die Station 150 Jahre alt. Anlässlich des Geburtstags widmen die Macher der Modellbahntage dem Korntaler Bahnhof eine Sonderschau. Dafür nutzen sie die Mensa der Realschule. Dort können die Besucher jetzt am Freitag und Samstag auf zwölf Metern Länge den Bahnhof bewundern. An den Wänden hängen historische Bilder, das zweistöckige Bahnhofsgebäude gibt es zudem als Bastelbogen. Das Original ist aus roten Sandsteinen gefertigt – und gleicht den Empfangsgebäuden in Ditzingen und Renningen (Kreis Böblingen).

Getreu dem Vorbild nachgebaut

Eines trübt Bernd Natterers Freude: Der ModellBahnhof sei ein Provisorium, bedauert der Gerlinger, der zuvor 30 Jahre in Korntal lebte und schon bei der Premiere der Modellbahntage mitwirkte. Ursprünglich sollte der Besitzer eines Miniatur-Bahnhofs seine Anlage in der Mensa zeigen. Das Vorhaben scheiterte. Nun baut Natterer den Bahnhof, wie er in den 1960er Jahren aussah, anhand historischer Vorlagen und aus seiner Erinnerung nach. Die Anordnung der Gleise und die Züge seien getreu dem Vorbild, das Bahnhofsgebäude jenes Modell aus Pappe.

Korntals Bahnhof hatte einst große Bedeutung, wie sich schon bei seiner Einweihung zeigte. Der württembergische Landtag hatte 1865 beschlossen, die Schwarzwaldbahn von Stuttgart durch das Strohgäu nach Calw zu bauen. Der Abschnitt von Zuffenhausen über Korntal nach Ditzingen wurde 1868 fertig, die Station Korntal in jenem Jahr am 23. September eröffnet. Ein Bahnhof habe Fortschritt bedeutet, sagt Natterer: Mit Güterzügen konnte Korntal bequem Kohle oder Düngemittel empfangen und Getreide oder Kartoffeln verladen.

Volle Züge

Viele Jahre habe die Station Korntal-Weilimdorf geheißen, sagt Natterer. Die Nachbarn wollten keinen eigenen Bahnhof vor Ort, aus Angst vor „Gesindel“. Ungeachtet dessen stellte sich heraus, dass in nur wenigen Tagen mehr als 3500 Menschen die neue Bahnlinie benutzten. Die Züge dürften voll gewesen sein, verkehrten doch zunächst täglich gerade einmal vier von Stuttgart nach Ditzingen. 43 Minuten dauerte laut Natterer einst die Fahrt. 1906 wurde dann die Strohgäubahn eingeweiht. Durch deren Inbetriebnahme, sagt Natterer, sei Korntal zum Abzweig- und Umsteigebahnhof geworden, zudem bis heute zum Übergangsbahnhof zwischen zwei verschiedenen Eisenbahnunternehmen.

Bernd Natterer hat sich fest vorgenommen, den Korntaler Bahnhof einmal ganz ohne Provisorien nachzubauen. Sein Hobby koste allerdings viel Zeit, Geld und Platz. Bis dahin gibt er sich mit seinem Modell aus Holz zufrieden: Sein Vater, „auch eisenbahnverrückt und handwerklich sehr geschickt“, hat es ihm als Kind geschenkt. Überdies hat Natterer noch andere Orte im Blick: Derzeit baut er mit einem Freund den Bahnhof Weil der Stadt nach.

Termin: Die Modelltage sind am Freitag, 4. Januar, und Samstag, 5. Januar, jeweils von 11 bis 18 Uhr in der Alten Lateinschule sowie in der Mensa der Realschule. Eintritt: fünf Euro.

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