Strafvollzug für Jugendliche In der Coronazeit bleibt das Seehaus eine Insel

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Seehaus-Gründer Tobias Merckle ist auch in Zeiten der Coronapandemie unermüdlich im Sinne seiner Projekte unterwegs. Foto: factum//Simon Granville

Leonberg - Der Abstand, den Seehaus-Gründer Tobias Merckle an diesem Tag zu den Besuchern hält, ist mehr als coronasicher. „Guten Tag aus Kolumbien“, begrüßt er seine Gäste per Videoübertragung. „Eigentlich wäre mein Flug nach Deutschland schon vor ein paar Tagen gegangen, aber er wurde wegen Covid-19 gestrichen“, berichtet er.

Das sei aber nicht schlimm. „Es gibt hier genug zu tun“, sagt er mit Blick auf die Arbeit der Organisation Prison Fellowship, die in Kolumbien beispielsweise Wiedereingliederungsprojekte für ehemalige Farc-Rebellen leitet und mit der der Seehaus-Verein und die Hoffnungsträger-Stiftung aus Leonberg zusammenarbeiten.

Wie wirkt sich die Pandemie aus?

Vor einem Jahr ist die Coronapandemie auch in und um Leonberg angekommen – und damit auch im Seehaus, einem Strafvollzug für Jugendliche in freien Formen. Hier werden die straffällig gewordenen Jugendlichen von Gastfamilien und in Wohngruppen betreut, sie können eine Ausbildung beginnen oder den Schulabschluss nachholen. Dabei sind sie an einen strikten Tagesablauf gebunden. Abgeschottet ist das Seehaus nicht. Doch welche Auswirkungen hatte und hat die Coronapandemie?

„Das Areal kann man schon wie eine Insel sehen“, sagt Ingrid Steck, die die Projektentwicklung im Seehaus betreut. So müssen Mitarbeiter, die von außen kommen, überall eine Maske tragen. Das betrifft etwa Berufsschullehrer, die zum Unterricht ins Seehaus kommen. Im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr durften die Jugendlichen gar keinen Besuch empfangen. „Das geht nun mit Abstand und in einem gesonderten Raum“, sagt sie.

14 Jugendliche in drei Wohngemeinschaften

„Da steht ein großer Tisch dazwischen, und es darf leider immer nur eine Person zu Besuch kommen“, sagt Emin. Anstatt in einer Justizvollzugsanstalt seine Strafe abzusitzen, lebt er derzeit im Seehaus. 14 Jugendliche sind es im Moment, verteilt auf drei Wohngemeinschaften. „Am Anfang haben wir die WGs nach den Betrieben eingeteilt“, erzählt er.

In vier Bereichen kann derzeit eine Ausbildung absolviert werden, vom Garten- und Landschaftsbau über die Schreinerei bis hin zum Metallbau und der Zimmerei. „Aber das ist schon anstrengend, wenn man zusammen arbeitet und auch wohnt“, meint Emin. Bislang ist das Seehaus coronafrei geblieben. „Wir schauen, dass wir möglichst wenig Kontakt nach außen haben“, sagt Steck. Deshalb kommen aktuell keine ehrenamtlichen Helfer vorbei, vieles wurde auf online umgestellt.

Abstand zu halten, ist fast unmöglich

Es macht die Arbeit im Seehaus aber nicht unbedingt einfacher. „Es ist schwer, zu Personen von außen Kontakt aufzubauen“, sagt Emin. Denn auch das ist Teil der Arbeit mit den Jugendlichen. Schließlich sollen sie nach ihrer Zeit in Leonberg allein zurechtkommen, ohne wieder in alte Muster zurückzufallen und straffällig zu werden. Untereinander Abstand zu halten, sei aber fast nicht möglich. „Wir trainieren zusammen, wir arbeiten und essen zusammen“, sagt Emin. Kommt ein Neuling ins Seehaus, „dann muss der erst einmal auf Armlänge mitlaufen“, erzählt er.

Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Nur wer sich gut benimmt und sich an die Regeln hält, steigt in der Hierarchie auf. Das bedeute mehr Privilegien, aber auch mehr Verantwortung.

Zwei Projekte in Deutschland

Seit mittlerweile 17 Jahren gibt es das Seehaus in Leonberg. Und es ist längst über den reinen Jugendstrafvollzug in freier Form, der über das Land finanziert wird, hinaus gewachsen. Ein zweites solches Projekt gibt es inzwischen in der Nähe von Leipzig. Angebote des Täter-Opfer-Ausgleichs wurden nach und nach ausgebaut.

Und im vergangenen Jahr wurde die mittlerweile sechste Beratungsstelle in Stuttgart eröffnet. Am Glemseck sind zudem ein Wald- und Tierkindergarten untergebracht, das Hotel Glemseck gegenüber wurde von der zum Seehaus gehörenden Hoffnungsträger-Stiftung gekauft und wird derzeit umgebaut.

Die Stiftung selbst ist inzwischen in ganz Baden-Württemberg mit ihren Hoffnungshäusern in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit aktiv. Doch all diese Arbeit ist projekt- oder spendefinanziert.

Zu den Gästen im Leonberger Seehaus an diesem Tag zählen neben der Leonberger CDU-Landtagsabgeordneten Sabine Kurtz auch der CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Schwarzwald, Volker Kauder. „Was Sie brauchen, Herr Merckle, ist eine institutionelle Förderung“, meint Volker Kauder und versprach, sich dafür einzusetzen.

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