Start-Up aus Oberjettingen Frischhalten ohne Folie als neues Geschäft

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Von Hand gemacht: Susanne Golzheim produziert Bienenwachstücher. Foto: factum/Granville

Oberjettingen - Frischhaltefolie hat Susanne Golzheim früher meterweise verbraucht. Die Zahnpasta kam aus der Plastiktube. Das Duschgel, das Spülmittel, das Waschmittel: alles in Plastik verpackt. Säckeweise hat sich bei der vierköpfigen Familie in Oberjettingen der Müll angesammelt. Bis die 40-Jährige eine Reportage über die verschmutzten Weltmeere im Fernsehen gesehen hat. „Es ist Wahnsinn“, sagt sie. Seither gibt es in ihrem Haushalt den Sprudel wieder aus Glasflaschen, Putzmittel stellt sie selbst her. Der Umweltschutz hat Susanne Golzheim sogar zur Unternehmerin gemacht: Ihr Frischhaltefolien-Ersatz wurde im Freundeskreis sofort als Verkaufsschlager erkannt. Bee Food Wraps heißt ihr Start-up, das von Hand gefertigte Bienenwachstücher im Internet und deutschlandweit bei mehr als 30 Händlern anbietet.

Tücherproduktion im Hobbyraum

Susanne Golzheim hat ihren Mann aus dem Hobbyraum verdrängt. Seine Musik musste Platz machen für die Produktion. In einem Topf lässt sie das Bienenwachs langsam schmelzen, auf eine Warmhalteplatte legt sie ein Stück Stoff, tunkt den Pinsel in den Topf und streicht das Bienenwachs dünn über das Tuch. Danach wird es zum Trocknen an die Wäscheleine gehängt. Mit einem Rollenschneider entfernt sie noch die Fransen an den Rändern – und fertig ist die Mehrweg-Frischhaltefolie. Eigentlich wollte sich Susanne Golzheim damit nur zum Eigenverbrauch eindecken. Weil es im Februar des vergangenen Jahres Bienenwachstücher nur in den Vereinigten Staaten zu bestellen gab, schaute sie sich im Internet Filme über die Herstellungsweise an. Es handelt sich schließlich nicht um eine Innovation: „Meine Oma hat sie früher auch gemacht“, sagt sie, „Bienenwachstücher gab es schon, bevor es Plastik gab.“

Zwischen dem ersten Tuch und der Gewerbeanmeldung lagen nicht einmal fünf Monate. Mehrere hundert Stück von Bee Food Wraps verkauft Susanne Golzheim mittlerweile in der Woche. Sie hat gerade die zweite Mitarbeiterin eingestellt. „Es war von Anfang an ein Selbstläufer“, erzählt sie. Sie setzt konsequent auf ökologisch und nachhaltig produzierte Zutaten – von den Stoffen über das Bienenwachs bis hin zur Verpackung aus Graspapier. Ihre Frischhaltefolie hält ein Jahr, danach lässt sie sich wieder mit etwas Bienenwachs auffrischen. Man kann darin zum Beispiel Käse und die angeschnittenen Gurke einwickeln oder das Tuch wie Frischhaltefolie über eine Schüssel Spaghetti spannen. Sandwichtüten gibt es von Bee Food Wraps und der neueste Renner ist die Brottasche.

Plastikfreies Angebot im Shop erweitert

Als die Konkurrenz im Internet zunahm, hat Susanne Golzheim ihr Shopangebot außerdem um weitere plastikfreie Produkte von anderen Herstellern erweitert wie Zahnbürsten, Wattestäbchen und Seifen. Sie verkauft auch die Bücher, die sie selbst gelesen hat, „Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie“ ist eines davon. „Mir geht es darum, die Leute zu inspirieren und mitzureißen“, sagt sie. Kürzlich hat sie beim Waldkindergarten in Jettingen einen Vortrag gehalten, „Schritt für Schritt zu weniger Plastikmüll im Haushalt“ lautete logischerweise das Thema. Waschmittel selbst zu machen, gehe ganz schnell, erklärt sie bei solchen Gelegenheiten. Sie rührt einfach nur Waschsoda, Olivenkernseife und Wasser zusammen, fünf Liter kosten keine zwei Euro, fügt sie an. Ihre drei und sieben Jahre alten Töchter lässt sie dabei gerne mitmischen. „Wenn man sich damit beschäftigt, macht es richtig Spaß“, sagt die Wirtschaftsinformatikerin, die als IT-Consultant bei einer Daimler-Tochter beschäftigt, aber gerade noch in Elternzeit ist.

Susanne Golzheim würde sich selbst nicht in die Öko-Schublade stecken. Sie fährt mit den Auto, kauft auch im Supermarkt ein, geht mit der Familie in Urlaub. „Man muss mitdenken“, findet sie allerdings. Zum Metzger bringt sie die eigene Schüssel mit, im Supermarkt packt sie Obst und Gemüse nicht extra in Tüten. Der Plastikmüll der Familie Golzheim hat sich mittlerweile um drei Viertel reduziert. „Es fühlt sich richtig an“, sagt die Unternehmerin über ihr Start-up. Ihren Traum hat sie damit allerdings noch nicht verwirklicht: Susanne Golzheim würde gerne einen Unverpackt-Laden eröffnen, wo kein einziges Lebensmittel mehr in Plastik eingewickelt wird. „Da könnte ich meine Mission dann voll ausleben“, sagt sie und lacht.

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