Stadtentwicklung in Sindelfingen Die Botschaft: Autos raus aus der Innenstadt

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Die Sindelfinger schauten sich auch Biberach an – und profitierten gleich von der dortigen Leihschirm-Aktion. Wicke-NaberFoto: Wicke-Naber Foto:  

Sindelfingen - Die vor sich hin dümpelnde Sindelfinger Innenstadt ist bei Kommunalpolitikern und Bürger gleichermaßen ein Thema. Wie kann sie belebt werden, lautet die große Frage, für die bisher keine Antwort gefunden wurde. Wie machen es andere? Mit dieser Fragestellung sind in der vergangenen Woche Vertreter der Stadtverwaltung, des Gemeinderats und des Gewerbe- und Handelsvereins gemeinsam auf einer Städte-Tour im Württembergischen. Ausgesucht hatte Matthias Reithinger, Referent bei der Sindelfinger Wirtschaftsförderung, drei Städte, in denen es offenbar brummt: Ravensburg, Biberach und Nagold.

Blumen statt Autos

Wer schon einmal am Wochenende in der 22 000-Einwohner-Stadt Stadt Nagold gewesen ist, weiß, wie beliebt sie ist: Shopping-Touristen, Wanderer und Flaneure aus dem Umland fallen in Massen ein. Das war freilich nicht immer so. Dahinter steckt eine konsequente Politik. „Der wichtigste Punkt für uns war die Verkehrsberuhigung“, berichtete Angela Nisch, die zehn Jahre lang das Stadtmarketing geleitet hat. Wurde die kleine Stadt bis Anfang des Jahrtausends noch von zwei Bundesstraßen durchzogen, auf denen täglich 18 000 Autos rollten, hat man den Verkehr nun aus der Innenstadt hinausgedrängt. Blumenrabatte säumen die Straßen. Unter der Woche darf nur mit Schrittgeschwindigkeit gefahren werden, am Wochenende ist die komplette Altstadt Fußgängerzone.

Kampf für Verkehrsberuhigung

„Das war ein schwerer Kampf. Es gab viel Widerstand gegen die Verkehrsberuhigung“, erinnert sich Helmut Raaf, ein Schuhhändler und langjähriger Vorsitzender des Gewerbevereins. Heute kämen dieselben Leute, die damals protestiert hätten und sagten: „Das habt ihr richtig gemacht“, berichtet Raaf.

Etwas anders ist die Situation in Ravensburg, wo es nur eine winzige Fußgängerzone gibt. „Im ländlichen Raum hat das Auto einen hohen Stellenwert“, sagte Simon Blümcke, der Erste Bürgermeister der Stadt, beim Rundgang. Deshalb seien ausreichende Parkplätze eine wichtiges In­strument, um Kunden anzulocken. Denn diese kommen überwiegend aus dem Umland. Gleiches gilt für Biberach. „Eine Stunde kostenloses Parken ist das beste Marketingmittel“, sagt Flavia Gutermann, die ein Haushaltswarengeschäft führt.

Was alle drei besuchten Städte von Sindelfingen unterscheidet, ist ihre Lage: Sie sind alle Mittelzentren im ländlichen Raum ohne Konkurrenz durch eine Großstadt. Allerdings setzt man in allen drei Städten auch konsequent auf die Innenentwicklung. „Wir haben uns schon vor 30 Jahren gegen Märkte auf der Grünen Wiese entschieden“, sagte Blümcke. Auch das ist anders als in Sindelfingen mit dem Breuningerland im Osten der Stadt.

Viel Engagement kommt in allen drei besuchten Kommunen von den örtlichen Händlern und Immobilienbesitzern. So wird viel in die Sanierung der Altbauten gesteckt. Das Problem der historischen Gebäude, die sich schlecht für modernen Handel eignen, löst man in Biberach, in dem man mehrere Häuser verbindet, um große Ladenflächen zu schaffen. Dabei arbeiten die Eigentümer eng mit dem Denkmalamt zusammen – und es entstehen architektonisch interessante Gebäude mit einer Mischung aus Alt und Neu. Auch mit kleineren Aktionen werben die Händler um Kunden, zum Beispiel mit einem Schirmverleih, den die Sindelfinger Gäste auch gleich nutzen mussten.

Sperrstunde erst um 3 Uhr

Viel Engagement fordert die Stadt von den Händlern in Nagold. Eine Verpflichtung müssen sie unterschreiben. Verbindlich sind Kernöffnungszeiten, samstags zum Beispiel bis 18 Uhr, und eine einheitliche Außengestaltung. Bis auf die Form der Sonnenschirme ist alles geregelt. Die Kunden würden dies schätzen. „Das haben auch die Händler gemerkt“, sagt Nisch.

Auch die Gastronomie ist in allen drei Städten weit besser aufgestellt als in Sindelfingen. In Ravensburg ist die Sperrstunde sogar erst um 3 Uhr. Dafür gebe es einen breiten Konsens auch von den Anwohnern, berichtete der Bürgermeister Blümcke. „Es ist hipp, mitten in der Stadt am Marienplatz zu wohnen – trotz oder gerade wegen der Außengastronomie.

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