Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie Wenn Ersatzdrogen zum Leben dazugehören

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Nicht gemütlich, aber wichtig: Der Zahnarztstuhl in der JVA Heimsheim. Das gute Stück wird aber bald durch ein neueres ersetzt, sagt Rolf Schaaf. Foto: Kathrin Klette

Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Krankenrevier.

Ein Zahnarztstuhl ist für die meisten schon so kein sehr angenehmer Anblick. Wenn hinter diesem Stuhl die Fenster auch noch vergittert sind, macht das das Ambiente nicht wirklich einladender. Doch auch Gefangene müssen ab und an nach ihren Zähnen sehen lassen. Sie müssen ihre Wunden versorgen, Erkältungen kurieren oder schwere Krankheiten behandeln lassen.

Zwei Allgemeinmediziner sind deshalb in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim fest angestellt, einmal in der Woche kommt eine Zahnärztin vorbei. Darüber hinaus gibt es noch weitere Angebote vor Ort, zum Beispiel regelmäßige Physiotherapie. Operationen und dergleichen werden in den Räumen der JVA natürlich nicht durchgeführt. Auch für Spezialuntersuchungen und Besuche bei Fachärzten müssen die Gefangenen meist die Anstalt verlassen. Für viele Anliegen des Alltags sind die Mitarbeiter vor Ort aber gut ausgerüstet.

Auch die „Telemedizin“ kommt zum Einsatz

„Wir haben bei uns Krankenpfleger, Krankenpflegerhelfer, Rettungssanitäter und Ärzte. Insgesamt arbeiten hier zehn Kollegen, die sich um die gesundheitlichen Belange der Gefangenen kümmern“, erklärt Rolf Schaaf. Der 59-Jährige ist der Leiter des Krankenreviers. Schon seit der Eröffnung der Anstalt 1990 arbeitet er in Heimsheim und war bereits in deren Vorgänger-Einrichtung in Ludwigsburg tätig. „Einige sind rund um die Uhr im Haus, im Schichtdienst, nur die Ärzte sind allein in der Kernzeit da.“ Dass Ärzte von außerhalb, zum Beispiel ein Orthopäde oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Sprechstunden geben, sei mittlerweile eher selten. Stattdessen werden die Insassen mit dem Bus zu den Praxen oder Krankenhäusern gebracht. Regelmäßig kommt außerdem die „Telemedizin“ zum Einsatz. Dabei wird ein Arzt oder Psychiater live via Internet zugeschaltet, der Insasse kann seine Beschwerden dann über den Bildschirm schildern.

Vieles in den Räumen des Krankenreviers kommt einem bekannt vor, nicht nur der Zahnarztstuhl: Von der Liege bis zum Stethoskop und den anatomischen Bildern an den Wänden gleicht die Ausstattung in den Untersuchungszimmern einer ganz üblichen Praxis. Jeder Gefangene, wenn er nicht ohnehin regelmäßig hierher muss, kann sich einen Termin geben lassen und wird von den Vollzugsbeamten zur Krankenabteilung gebracht. Wie in jeder Praxis kann es dann auch mal etwas dauern, bis man dran ist, falls die Untersuchung eines anderen Patienten länger dauert. Für solche Fälle gibt es sogar ein Wartezimmer. Abgesehen von den paar Zeitschriften hat das aber nur wenig Ähnlichkeit mit einem Wartezimmer in Freiheit – zum Sitzen gibt es eine einfache Holzbank, die Wände werden von den Insassen gerne mal vollgekritzelt.

Etwa 40 Prozent haben Drogenprobleme

Zwei Ärzte für 400 Patienten – das ist ein ungewöhnliches Verhältnis. „Normalerweise behandelt ein Hausarzt bis zu 1000 Patienten“, sagt Rolf Schaaf. „Aber aufgrund der sozialen Umstände sind viele Menschen hier gesundheitlich vorbelastet. Viele haben virale Infekte wie Hepatitis oder sogar HIV.“ Beides Folgen von Drogenmissbrauch und verunreinigten Spritzen. Etwa 40 Prozent der Insassen, schätzt der Abteilungsleiter, haben Drogenprobleme, eher mehr. Auch die wenige Bewegung im Vollzug kann ihre Spuren hinterlassen. „Was wir häufig haben, das sind Gelenk­erkrankungen.“ Denn die Zellen bieten keinen großen Bewegungsspielraum. „Wir haben zwar die Sporthalle, aber die Zeiten dort sind natürlich begrenzt.“ Ein wesentlicher Teil der medizinischen Arbeit betrifft außerdem die Substitution. „Derzeit haben wir rund 40 Patienten in der Substitution, Tendenz steigend“, so Schaaf. „Das ist ein immer größeres Thema, alle zwei Wochen haben wir deshalb auch einen Suchtmediziner vor Ort.“

Substitution bedeutet, dass ein Drogenabhängiger von einem Arzt eine Ersatzdroge bekommt, die er regelmäßig einnimmt. Im Fall von Opiaten wie Heroin kann das beispielsweise Methadon sein. Dieses Verfahren ist für Menschen gedacht, die derart abhängig sind, dass ein Entzug bei ihnen nichts bringen würde. Methadon ist zwar kein Eins-zu-eins-Ersatz für Heroin, weiß Schaaf. Ein Grund, warum selbst in der Substitution Patienten immer wieder rückfällig werden. „Aber es hilft den Männern, über die Zeit zu kommen. Wenn der Suchtdruck nicht so stark ist, können die Leute einem geregelteren Tagesablauf nachgehen.“ Das Ziel der Substitution ist ein drogenfreies Leben, indem die Dosis langsam reduziert und die Patienten entwöhnt werden. Manche jedoch bleiben ein Leben lang auf die Ersatzdrogen angewiesen.

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