Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie Und schon wirkt alles nicht mehr so fremd

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Bei Panoraia Lambrinou lernen die Schüler, sich im Alltag zu verständigen. Foto: Kathrin Klette

Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Pädagogischer Dienst.

„Wie viele Monate hat ein Jahr?“ „Ein Jahr hat zwölf Monate.“ „Welche Monate hat das Jahr?“ „Das Jahr hat den Januar, den Februar, den März…“ Im Deutschkurs in der JVA Heimsheim stehen heute Monate und Jahreszeiten auf dem Stundenplan. Die Artikel der Sätze an der Tafel sind unterstrichen. Für einen Nicht-Muttersprachler sind sie besonders schwer zu durchschauen, weiß Panoraia Lambrinou. Die 63-Jährige ist eine von zwei festangestellten Lehrern in der JVA, eine weitere halbe Stelle kommt zukünftig noch dazu. Außerdem unterstützen Ehrenamtliche die Arbeit des pädagogischen Dienstes.

Eigentlich ist Panoraia Lambrinou gelernte Grund- und Hauptschullehrerin. Im Gefängnis in Heimsheim gestaltet sie den Unterricht aber je nach Bedarf. In den Klassenzimmern der Anstalt erteilt sie Deutschunterricht, gibt Alphabetisierungskurse oder bereitet ihre Schüler auf den Hauptschulabschluss vor. Die Kapazitäten reichen jedoch nicht für alle Unterrichtsformen gleichzeitig. „Und im Moment liegt der Bedarf klar bei den Deutschkursen“, sagt sie.

Panoraia Lambrinou arbeitet schon seit den 80er-Jahren im Vollzug, seit der Eröffnung der JVA Heimsheim 1990 ist sie hier. Für den Unterricht muss sie sehr viel früher aus den Federn als ihre Kollegen in Freiheit. „Ab 6.20 Uhr kommen die Schüler zu mir“, erzählt Lambrinou. Sie müssen zur selben Zeit los wie die Gefangenen, die in den Betrieben arbeiten. „Ich nehme sie hier in Empfang und hake ab: Wer ist gekommen, wer nicht und warum?“ Dann beginnt der Unterricht, ganz klassisch mit Heft und Stift, Tafelaufschrieben und Tageslichtprojektor.

Am Ende jedes Kurses gibt es eine Prüfung

Bis zu zwölf Schüler sitzen in einer Klasse, das ist das Maximum. Die Plätze sind damit ebenso begrenzt wie begehrt. Denn wer im Unterricht ist, ist von der Arbeit in den Betrieben befreit. Doch die Entscheidung, wer als Schüler infrage kommt, treffen allein die Mitarbeiter der JVA. Sie müssen überzeugt sein, dass der Unterricht für den Betreffenden wichtig und zielführend ist. Wer dann nicht mitmacht, kann von der Schule auch ganz schnell wieder ausgeschlossen werden.

Die Inhalte des jetzigen Deutschkurses sind ganz rudimentär, Lambrinou muss bei den meisten bei null anfangen. „Da machen wir auch noch keine Grammatik oder so etwas. Es geht erst mal darum, dass sich die Männer verständigen können.“ Der Fokus wird auf Inhalte gelegt, die sie im Vollzug benötigen: Wie heißen zum Beispiel die ganzen Gegenstände, die mir hier begegnen? Wie sage ich dem Arzt, was für Schmerzen ich habe?

Am Ende jedes Kurses gibt es eine Prüfung. Der Abschluss für den Deutschkurs ist offiziell zwar nicht anerkannt, er kommt aber in die Akte des Mannes. „Nach dem Sommer bieten wir dann eine Vorbereitung für die zweijährige Hauptschule an.“ Dieser Kurs ist gleichbedeutend mit den offiziellen Integrationskursen. „Die letzte Stufe ist der Prüfungskurs, der dann in die Hauptschulprüfung mündet.“ Die Prüfung wird von der Ludwig-Uhland-Schule Heimsheim abgenommen, auch das Zeugnis wird von dort ausgestellt. Die Absolventen haben dann einen ganz normalen Hauptschulabschluss in der Tasche – ohne jedes Stigma, dass dieser in der JVA erlangt wurde.

Ganz neues Selbstbewusstsein

„Früher hatten wir hauptsächlich solche Abschlusskurse“, erinnert sich Panoraia Lambrinou. „Inzwischen geht das aber nicht mehr, weil die Vorkenntnisse nicht da sind.“ Für potenzielle Hauptschulabsolventen besteht trotzdem die Chance, ihren Abschluss nachzuholen, allerdings müssen sie dafür in eine andere Anstalt verlegt werden. Im Gefängnis in Freiburg können Insassen sogar das Abitur machen.

Unterricht ohne alle Vorkenntnisse bei den Schülern kann schon eine ziemliche Herausforderung sein, weiß Panoraia Lambrinou. Vor allem, wenn man deren Sprache nicht kennt. „Ich habe Schüler aus Moldawien, Rumänien, dem Kosovo, Albanien, Pakistan, Sri Lanka, Libyen und Italien in einer Klasse“, zählt sie die beeindruckende Liste auf. „Das ist schon sehr spannend. Und natürlich kann ich da zwangsweise nur auf Deutsch unterrichten.“ Viel wird mit Zeichen und Bildern gearbeitet oder auch mal mit anderen Fremdsprachen wie Englisch und Französisch. „Irgendwie findet man immer einen Weg, um zu kommunizieren“, erzählt die Lehrerin lachend.

Die Freude an ihrem Beruf ist ihr deutlich anzumerken. „Die Schüler sehen am Ende eines Kurses auch immer ganz anders aus als am Anfang. Die positiven Auswirkungen sieht man ihnen optisch richtig an. Sie entdecken sich selbst und erhalten ein neues Selbstbewusstsein, wenn sie merken: Ich kann ja doch was.“ Ihre Umgebung erscheine gleich nicht mehr so fremd und feindlich, wenn sie sie besser verstehen, sagt Panoraia Lambrinou und schwärmt: „Meine Arbeit hier hat mich sehr positiv geprägt und ich habe viel zurückbekommen.“

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