Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie Schach und Skat, Yoga und Kunst

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Das Kunstwerk eines Gefangenen ist in der Sporthalle ausgestellt. Foto: Kathrin Klette

Serie - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Freizeitgruppen.

„Hier begegnet man Gefangenen auf einer anderen Ebene.“ Als Freizeitleiter und Ehrenamtsbeauftragter der Justizvollzugsanstalt Heimsheim ist Ernst Weigandt häufig abends ­beruflich unterwegs. Dann, wenn die ­Gefangenen Freizeit haben. Doch er bekommt auch viel zurück. „Als Stockwerksbeamter will man von den Gefangenen etwas, dass sie aufstehen, dass sie arbeiten gehen. Hier ist es umgekehrt. Ich erlebe sie deshalb von einer ganz anderen Seite.“

Jeder Gefangene hat täglich eineinhalb Stunden Freizeit, die er außerhalb seiner Zelle verbringen kann, plus eine Stunde Hofgang. Was er dann tut, bleibt ihm ­weitgehend selbst überlassen. Eine Möglichkeit ist die Teilnahme an einer der ­Freizeit­gruppen. An drei Tagen in der ­Woche, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, kommen abends Ehrenamtliche in die JVA Heimsheim, um die Freizeitgruppen zu gestalten. Da gibt es zum Beispiel eine Schachgruppe und eine Skatgruppe, Bibelgruppen und sogar einen Englischkurs und eine Yoga-Gruppe. Freitags ist außerdem noch der Chor von Seelsorger Thomas Wagner.

Beitrag zur Sicherheit

„Viele Bürger sagen: Was muss ein Gefangener sich betätigen oder basteln oder so etwas? Sie verstehen nicht, dass das auch ein Beitrag zur Sicherheit ist. Ein ­Gefangener, der Fußball spielt, der prügelt sich nicht und der ist nicht aggressiv.“ Der Zusammenhang zwischen dem Freizeitverhalten und dem Straffällig-Werden ist zudem nicht zu unterschätzen, glaubt Weigandt. Wer als Jugendlicher nur vor dem Supermarkt sitzt und säuft, für den    ist der Weg manchmal nicht weit, „Dummheiten“ zu begehen. „Viele lernen hier überhaupt erst eine andere Art von Freizeitgestaltung kennen.“

Dass es solche Angebote gibt, ist keine Erfindung aus Heimsheim. „Das ist sogar unser gesetzlicher Auftrag, dass wir mit Menschen und Einrichtungen zusammenarbeiten, die einen positiven Einfluss auf die Gefangenen haben“, erklärt Ernst ­Weigandt. Und die Ehrenamtlichen üben einen positiven Einfluss aus. Ungefähr 50 von ihnen helfen an der Gestaltung der Abendgruppen mit oder unterstützen Gefangene kurz vor und nach der Entlassung als Betreuer und geben Hilfestellung für deren Leben in Freiheit. Sie gehen zum Beispiel mit dem Betreffenden aufs Arbeitsamt, schauen sich mit ihm neue Wohnungen an und dergleichen.

Sich ehrenamtlich einbringen kann im Grunde jeder, sagt Weigandt. Eine Sicherheitsüberprüfung vom Landeskriminalamt ist notwendig – damit soll sichergestellt sein, dass keine Vorbestraften Kontakt mit den Gefangenen haben. Darüber hinaus gibt es aber keine besonderen ­Einschränkungen. „Am liebsten sind uns natürlich Anfragen von Menschen, die schon eine konkrete Idee haben“, sagt der   Ehrenamtsbeauftragte. Zum Beispiel ­Köche oder Künstler, die ihr Wissen an die Gefangenen in Koch- und Malkursen weitergeben möchten. Doch auch alle anderen Helfer sind willkommen. „Wir freuen uns über jeden“, sagt Weigandt. Denn Schlange stehen die Ehrenamtlichen wahrlich nicht. Gerade, was die wöchent­lichen Angebote angeht. Es ist das Phänomen, mit dem auch viele Vereine zu kämpfen haben. „Viele Jüngere kennen kaum noch Verbindlichkeiten und wollen sich nicht mehr festlegen“, hat Weigandt die Erfahrung gemacht. „Aber die Männer hier brauchen diese Verbindlichkeit. Man spürt richtig, wie enttäuscht sie sind, wenn ein Angebot einmal ausfallen muss.“

„Ein Stück Würde zurückgeben“

Tatsächlich sind es vornehmlich Senioren, die sich an diesem Mittwochabend in der JVA eingefunden haben. Da ist zum Beispiel Heinz Zipperer, der seit 15 Jahren eine Skatgruppe leitet. Schon früher war er in der Suchthilfe tätig und wollte sich auch weiter in dieser Richtung engagieren. „Ich hatte schon öfter Leute, die mir sagten: Das war für sie das Highlight der ganzen Woche.“ Oder Christel Luck­scheiter-Raub, Leiterin der Malgruppe. Die Ergebnisse ihrer Arbeit, oder besser gesagt: der ihrer Schüler, sind längst weit über die Grenzen der JVA hinaus bekannt. Regelmäßig finden Ausstellungen mit der „Knast-Kunst“ statt, zum Beispiel bei der Langen Kunstnacht in Leonberg.

Siegfried Mädicke leitet seit mehreren Jahren die Bibelgruppe. „Es war mir wichtig, den Männern hier ein Stück Würde zurückzugeben und ihnen zu zeigen, dass Vergebung trotz ihrer Schuld möglich ist.“ Für seine Arbeit hier bekommt er viel positive Resonanz, manche Gefangene halten auch nach ihrer Entlassung den Kontakt noch aufrecht. „Es ist schön, auf diese Weise zu erfahren, dass sie einen ­guten Weg eingeschlagen haben“, erzählt Mädicke. Einen der Männer trifft er sogar regelmäßig im Gottesdienst wieder. „Er ist inzwischen verheiratet und hat auch Arbeit, darüber freuen wir uns natürlich riesig.“

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