Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie „Manche könnten locker in der Landesliga spielen“

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Klaus Talmon ist der Sportleiter der JVA Heimsheim. Foto:  

JVA Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Sporthalle.

Montag. Zweimal Breitensport steht auf der Liste, dann Volleyball, Arbeitersport und später noch mal Volleyball. Bis auf den Punkt mit dem Arbeitersport sieht der Belegungsplan der Sporthalle in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim ein bisschen so aus wie ein Schulstundenplan. In der großen Halle bekommen die Gefangenen Gelegenheit, sich zu betätigen und sich auszupowern. Wer nicht regelmäßig zur Arbeit gehen kann, aus welchen Gründen auch immer, bekommt hier Sport als Ausgleich. Alle übrigen Stunden sind für die Freizeit­gestaltung der Insassen gedacht.

Die große Halle bietet Platz und Ausstattung für alle möglichen Sportarten, von Volleyball über Basketball und Fußball bis Tischtennis. Dazu gibt es noch einen Kraftraum und mehrere Home­trainer sowie im Außenbereich Platz für Beachvolleyball. „Die Männer können auf dem Stockwerk einen Rapportzettel ab­geben und sagen: Ich möchte gerne das oder das machen“, erklärt der Sportleiter Klaus Talmon. Dann schaut er nach, ob und wie er den Gefangenen unterbringen kann. Bei nur einer Sporthalle und einem Trainer für 400 Strafgefangene ist die Warteliste zum Teil aber lang, bedauert Talmon. „Man muss zum Teil sechs bis zwölf Wochen warten, bis man in eine Gruppe reinkommt.“

Gutes Verhältnis zu den Gefangenen

Zu den Gefangenen hat er ein sehr ­gutes Verhältnis. Hier verbringen sie ihre Freizeit und gehen etwas nach, das sie ­gerne tun. So lernt Klaus Talmon die meisten von ihnen von einer sehr positiven Seite kennen. „Ich lese inzwischen auch keine Akten mehr von den Gefangenen, die zu mir kommen. So kann ich ­meine Arbeit professioneller machen.“ Der Blick auf die Männer ist dann un­getrübt, sein Umgang mit ihnen unvoreingenommen. „Ich bin auch dankbar, dass man mir hier weitgehend freie Hand lässt, wie ich mit den Gefangenen arbeite.“

Jedoch: Mit seinem Engagement für die Männer im Vollzug ist er auch schon des Öfteren angeeckt, wie er erzählt. Selbst bei Kollegen. „Wenn man außerplanmäßig etwas für die Insassen veranstaltet, wird das selten honoriert, eher im Gegenteil“, bedauert er. Auch mit der ­Vollzugsdienstleitung liege er öfter mal im Clinch, wenn es um das Thema Resozialisierung geht. „Wir hatten früher sehr viel mehr Mannschaften von außerhalb bei uns, die mit den Gefangenen Turniere ausgetragen haben. Da wurde viel zurückgeschraubt.“ Doch gerade der Umgang mit Menschen von außerhalb sei für die ­Re­sozialisierung besonders wichtig. Grund für die Reduzierung sind die gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen in der JVA.

Mannschaftssport fördern

Auch wenn die Angebote im Kraftraum die größte Resonanz finden, besonders fördern möchte Klaus Talmon natürlich den Mannschaftssport. Vor allem Zirkel- und Techniktraining gehören dabei zu seinen Aufgaben. Den Schiedsrichter gibt er bei Spielen aber nicht. Das sollen die Gefangenen selbst in die Hand nehmen. Eine unschöne Entwicklung der Gesellschaft, hin zu mehr Gleichgültigkeit und einer Art Null-Bock-Mentalität, spiegele sich leider auch im Vollzug wider, hat Talmon die Erfahrung gemacht. „Das Niveau ist schon gesunken. Früher hatte ich im Fußball immer eine schlechtere, eine gute und eine Profimannschaft. Heute bin ich froh, wenn ich eine gute Gruppe zusammenbekomme“, sagt der Sportleiter. „Trotzdem habe ich auch heute noch immer wieder welche dabei, die könnten locker in der Bezirks- oder Landesliga spielen.“

Und auch die übrigen Männer genießen die Zeit in der Sporthalle. Ein Grund, weshalb Talmon die Arbeit hier nach wie vor viel Spaß bereitet. Ernste Auseinandersetzungen seien die absolute Ausnahme, sagt der Sportleiter, – auch wenn mal dicke Luft herrschen kann. „Aber die Leute kennen mich und wissen, dass ich eine relativ strenge Linie habe. Sie wissen, was sie sich erlauben können und was nicht.“

Klischee vs. Realität

Klischee: Gefangene verbringen viel Zeit in der „Muckibude“.

Realität: „Das ist ein klassisches Knast­-Klischee, das ausnahmsweise stimmt“, erzählt Sportleiter Klaus Talmon. Der Kraftraum ist unter den Gefangenen der JVA Heimsheim besonders beliebt. „Wäre der Platz da, könnte ich da täglich 150 Leute reinbringen.“

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