Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie Die Gottesdienstbesucher sind multikulturell

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Der Kirchensaal gehört wohl zu den angenehmsten Plätzen in der JVA. Die Seelsorger Stefan Ilg (links) und Thomas Wagner halten hier die Gottesdienste ab. Foto: Kathrin Klette

Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Kirchlicher Dienst.

Ein Pult mit einer aufgeschlagenen Bibel. Dahinter ein großes hölzernes Kruzifix. Rechts und links hängen mehrere bunte Bilder an den Wänden. Der Holzboden gibt dem Raum ein warmes Ambiente. Die Kapelle der Justizvollzugsanstalt Heimsheim, zugleich Veranstaltungsraum, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den anderen Nutzräumen des Gebäudekomplexes. Eine Sache bleibt: Die breite Fensterfront zu beiden Seiten des Saals ist vergittert.

Hier halten der evangelische Pfarrer Thomas Wagner und der katholische Gemeindereferent Stefan Ilg abwechselnd die Gottesdienste des Gefängnisses ab. Doch das ist nur eine ihrer Aufgaben. Die beiden Vollzeitkräfte sind in erster Linie die Gefängnisseelsorger. Damit sorgen sie sich „um die seelischen Belange aller am Vollzug Beteiligten“, umschreibt Stefan Ilg ihre Aufgaben. Und das sind nicht nur die Gefangenen – das sind auch die Mitarbeiter und die Familien der Betreffenden.

Das Beichtgeheimnis gilt auch im Gefängnis

Unter den Bediensteten im Vollzug nehmen die Seelsorger eine Sonderstellung ein. „Wenn jemand mit uns spricht, ist das eigentlich immer freiwillig“, erklärt Thomas Wagner. Gespräche mit den Psychologen beispielsweise sind im sogenannten Vollzugsplan festgesetzt. Der Gefangene kann sich diesen Gesprächen zwar verweigern. Dann besteht aber keine Chance für ihn, dass er jemals frühzeitig entlassen wird. „Wer mit uns spricht, hat davon keinen vollzuglichen Vorteil“, so Wagner. Aber, und das ist mit das Wichtigste: „Er hat dadurch auch keinen Nachteil.“ Im Detail heißt das: Das Seelsorge- und Beichtgeheimnis gilt auch im Gefängnis. Wenn zum Beispiel jemand weiß, dass seine Frau ihn verlassen möchte, gibt es einen Unterschied, ob er das den Psychologen oder den Seelsorgern seiner Anstalt erzählt. Die Therapeuten entscheiden mit darüber, ob eine Entlassung für einen Gefangenen infrage kommt. Eine fehlende Bezugsperson in Freiheit kann sich darauf negativ auswirken. Wer sich den Seelsorgern öffnet, muss nicht befürchten, dass es ihm schadet. „Wir haben keine Meldepflicht.“

Nun leben im Gefängnis natürlich nicht nur evangelische und katholische Christen. Es gibt Orthodoxe, Muslime und noch viele andere Glaubensrichtungen. Die Anfragen und Bitten um Gespräche sind deshalb nicht weniger geworden. „Oft geht es ja um ganz pragmatische Anliegen, bei denen es egal ist, welche Religion oder Konfession man hat“, so Ilg. „Ich hatte aber auch schon einige Muslime, die zu mir gekommen sind mit einem tief reichenden Anliegen und dann sagten: ,Sie sind doch auch ein Mann Gottes‘.“ „Wir sortieren auch nicht danach, wer ist jetzt getauft und wer nicht“, ergänzt Thomas Wagner. Jeder kann das Angebot der Seelsorger wahrnehmen. „Unser Gottesdienst ist ebenfalls für alle da.“

50 bis 90 Besucher bei jedem Gottesdienst

Immer abwechselnd gestalten Thomas Wagner und Stefan Ilg die wöchentlichen Gottesdienste. Zwischen 50 und 90 Personen, schätzt Ilg, nehmen regelmäßig daran teil. Eine vorherige Anmeldung ist aus organisatorischen Gründen notwendig. 90 Teilnehmer – das wäre dann fast ein Viertel der kompletten „Einwohnerschaft“. Eine Quote, von der so mancher Pfarrer in Freiheit nur träumen kann. „Man darf aber nicht meinen, dass die einfach alle so fromm sind“, erklärt Ilg schmunzelnd. Der Alltag im Gefängnis ist wenig abwechslungsreich. „Da ist sogar ein Gottesdienst spannend“, sagt sein evangelischer Kollege und lacht. „Zugleich ist das hier ein Ort der Begegnung“, ergänzt er. Männer, die im üblichen Gefängnisalltag kaum oder gar nicht zusammenkommen, weil sie vielleicht auf unterschiedlichen Stockwerken leben oder in unterschiedlichen Betrieben arbeiten, können sich hier auch mal unterhalten. „Das ist etwas, das in Gottesdiensten draußen eher selten vorkommt, dass man die Zuhörer auch mal um Ruhe bitten muss.“ Am Anfang bekommen die Männer deshalb die Gelegenheit, sich in Ruhe auszutauschen, bevor die eigentliche Veranstaltung beginnt. „Wir wollen ja mit ihnen feiern und nicht gegen sie.“

Im Gottesdienst selbst sei es vor allem wichtig, sich einer klaren Sprache zu bedienen, weiß Ilg. „Hier kann man nicht so salbungsvoll reden wie man es oft draußen in den Gemeinden tut“, betont er. „Hier ist es wichtig, dass man die Sachen klar auf den Punkt bringt und nicht drum herumredet.“ Bei mancher Predigt, die er seither außerhalb des Gefängnisses gehört habe, habe er sich schon gedacht: Diese Maxime wäre für einige Gemeindepfarrer auch ganz sinnvoll.

Zusätzliche Angebote für Andersgläubige

Die Besucher des Gottesdienstes im Gefängnis sind so multikulturell wie die Insassen selbst. „Wir haben sogar Muslime im Kirchenchor“, erzählt Wagner. Ergänzend gibt es für die unterschiedlichen Glaubensrichtungen aber noch spezielle Angebote: In regelmäßigen Abständen gibt es ein Freitagsgebet für Muslime und einen russisch-orthodoxen Gottesdienst, außerdem werden für die Gläubigen einmal in der Woche Gesprächsrunden angeboten. Beides wird über Ehrenamtliche organisiert.

Zusätzlich zu ihrer Arbeit als Seelsorger und Gestalter der Gottesdienste befassen sich die beiden Geistlichen noch mit den unterschiedlichsten Aufgaben, nicht alle haben etwas mit klassischer Seelsorgearbeit zu tun. Hier ein Besuch auf dem Friedhof mit einem Gefangenen, der seinen Vater verloren hat, dort eine Zusammenarbeit mit einer Schulklasse oder Konfirmandengruppe in der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir machen zum Beispiel auch regelmäßig Fotos von den Gefangenen, die sie an ihre Familien schicken können“, erklärt Thomas Wagner. „Dafür muss man natürlich nicht Theologie studiert haben. Aber sonst macht es kein anderer“, resümiert er nachdenklich.

Klischee vs. Realität

Klischee
In Gefängnisgottesdiensten geht es nur um Gefangensein und Freiheit, Schuld und Vergebung.

Realität
Das ist von der Wirklichkeit gar nicht so weit entfernt. Zumindest gibt es viele Themen aus Gottesdiensten in „Freiheit“, die man in einem Gefängnis ausklammern muss, einfach weil die Männer keinen Bezug dazu haben und sie ganz andere Dinge bewegen, weiß der Seelsorger Stefan Ilg. „Es ist wichtig, dass die Predigten etwas mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben, die man anspricht. Man muss sie da abholen, wo sie sind.“ Das gelte im Gefängnis wie auch draußen. „Das Wort Knast muss da gar nicht fallen, aber das Thema Gefangensein taucht doch immer wieder auf.“

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