Stadt hinter Mauern: JVA-Sommerserie Die Begegnung auf Augenhöhe ist wichtig

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Auf jedem Stockwerk gibt es kleine Freizeiträume mit Tischen und Tischkicker. Foto: Kathrin Klette

Heimsheim - In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen Blick hinter die Mauern der Justizvollzugsanstalt Heimsheim und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen einmal genauer vor. Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen und von den Herausforderungen des Gefängnisalltags. Heute: Die unterschiedlichen Facetten des Vollzugs.

Die Türen zu den Zellen sind weit geöffnet. Gefangene sind auf den Gängen unterwegs, einer besucht gerade seinen Zellennachbarn. Ein paar sitzen im Gemeinschaftszimmer, das wie ein ganz normales Wohnzimmer eingerichtet ist, mit Sofas und Fernseher. Auf den ersten Blick wirkt die Behandlungsabteilung wie eine Art Sonderabteilung für Vorzeige-Insassen, die sich nur wenig haben zuschulden kommen lassen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Behandlungsabteilung, der Name sagt es schon, ist für Gefangene, die eine intensive therapeutische Behandlung bekommen – viele sind Sexualstraftäter.

Wenig Verständnis bei Unbeteiligten

Bei Außenstehenden oder anderen Gefangenen stößt das oft auf wenig Verständnis, wissen die Mitarbeiter. Dann taucht die Frage auf: Warum bekommt ausgerechnet ein schwerer Gewaltverbrecher eine solche „Sonderbehandlung“? Denn auch soziale Aktivitäten wie gemeinsames Kochen, Spielen oder Turnen gehören in der Behandlungsabteilung dazu. „Doch das dient alles der Therapie“, erklärt der Abteilungsdienstleiter Bertram Hof. „Wir müssen ein Behandlungsklima schaffen, in dem wir an die Gefangenen herankommen. Diejenigen, die bereit sind, etwas an sich zu ändern, die sollen sich uns auch öffnen. Das ist nötig für die Resozialisierung.“

Dass die Gefangenen hier ein lockeres Leben führen, ist allerdings ein Trugschluss, betont der Psychotherapeut Bert Mäckelburg, der mit für die Abteilung zuständig ist. „Die müssen hier sehr viel mehr machen als die anderen und sich die ganze Woche über intensiv mit ihren Straftaten auseinandersetzen.“

Der Alltag in der Behandlungsabteilung ist geprägt von zahlreichen Therapiesitzungen, in der Gruppe oder alleine, von Besprechungen und der Aufarbeitung der Taten. Zusätzlich zur täglichen Arbeit der Männer beispielsweise in den Betrieben. Niemand kommt außerdem automatisch in die Abteilung oder wird schon irgendwie „durchgeschleift“. „Wenn wir merken, dass einer nicht mitmacht oder das Behandlungsklima stört, muss er uns verlassen“, sagt Bertram Hof.

Motivation ist der Opferschutz

Die Arbeit in dieser Abteilung ist nicht immer leicht. „Das kann auch nicht jeder“, weiß Hof. „Gerade, wenn man Frau und Kinder zu Hause hat und mit Sexualstraftätern arbeitet, ist das immer schwer miteinander in Einklang zu bringen. Aber das muss man ausblenden. Es ist wichtig, den Gefangenen auf Augenhöhe zu begegnen, sonst kommt man gar nicht weiter.“ Die Motivation für die Mitarbeiter ist vor allem der Opferschutz. Denn früher oder später wird jeder Gefangene entlassen, sobald seine Strafe abgesessen ist. Wenn er in Freiheit dann keine Verbrechen mehr begeht, dann habe sich die Behandlung auf jeden Fall gelohnt.

Der Erfolg der Arbeit in der Abteilung sei auch statistisch belegbar, sagt Mäckelburg. „In Freiheit folgt immer auch noch ein Nachsorgeprogramm, damit die Männer lernen, daheim das umzusetzen, was sie hier gelernt haben.“

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