„Stadt für morgen“ in Leonberg Ein kniffliges Puzzle

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Die Kräne auf der Bosch-Baustelle zeigen: Es geht was voran in Leonberg. Foto: Simon Granville

Leonberg - Wie sieht eine Stadt der Zukunft aus, was erwartet deren Bewohner? Einblicke geben Planstädte wie etwa die südkoreanische Songdo City. Sie ist ein Teil der Millionenstadt Incheon und liegt 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Seoul. Songdo City besteht zu 40 Prozent aus Grünflächen, in der Mitte ist ein riesiger Park angelegt. Das Grün soll zum einen die Lebensqualität der Stadtbewohner verbessern, zum anderen für eine gute Ökobilanz sorgen.

Der CO2-Ausstoß ist niedrig, die Versorgung mittels erneuerbarer Energien selbstredend. Die städtische Infrastruktur wird in einer Rechenzentrale bis ins kleinste Detail gesteuert. Der umweltschonende Individualverkehr sowie der öffentliche Verkehr haben Vorrang. Kaum jemand besitzt noch ein eigenes Auto, autonome Elektroautos chauffieren die Bewohner in einem Taxisystem durch ihre Stadt. Bildungs-, Kultur- und Einkaufsangebote sowie Gesundheitsdienste sind vor Ort und gut erreichbar.

Wo beginnt man bei solch einem Projekt?

So weit ist man in der rund 50 000 Einwohner zählende Kommune unterm Engelberg noch lange nicht. Doch Leonberg beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Stadt für morgen“. Dabei stellt sich die Frage: Wo beginnt man mit solch einem Mammutprojekt? Der Stadtumbau ist bereits in vollem Gange. In den vergangenen Jahren ist das Layher-Areal unterhalb der Altstadt bebaut worden. Auf dem ehemaligen Gelände der TSG Leonberg – im Bereich von Feuerbacher-, Strohgäu- und Jahnstraße - wächst das Wohnquartier des Investors Pandion. Ein neues Wohn- und Geschäftsviertel wird auch auf dem ehemaligen Postareal entstehen.

Ein weiteres Etappenziel ist die Verkehrswende. Für dieses zukunftsweisende Projekt hat sich Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD) einen Experten ins Rathaus geholt. Stephan Kerner leitet das vierköpfige Team im „Referat für innovative und intermodale Mobilität“. Mit einem geplanten Umbau des Stadtzentrums möchte Leonberg Vorbild für andere Kommunen werden.

„Wir wollen Fußgängern und Radfahrern mehr Raum geben. Wir stärken den nachhaltigen Verkehr sowie den öffentlichen Personennahverkehr“, bringt es der OB auf den Punkt. Die Innenstadt solle künftig vor allem den Menschen, nicht den Autos gehören.

Anträge sind fristgerecht eingereicht

Im ersten Schritt widmet sich die Stadt dem Gebiet Poststraße, Obi-Kreisel und Max-Eyth-Straße. Hier soll mit dem Neubauprojekt der Firma Bosch ein einheitliches und attraktives Stadtbild entstehen, die Poststraße wird baulich umgestaltet. Der Antrag für ein entsprechendes Förderprogramm wurde beim Regierungspräsidium Stuttgart fristgerecht eingereicht. Umgesetzt werden soll das Ganze im Jahr 2023.

Das Thema Verkehrswende beinhaltet ebenso den Umbau der Kernstadt. Dabei kommt die Frage auf: Lässt sich der Autoverkehr selbst bei einer Reduzierung von zwei auf einen Fahrstreifen je Richtung noch leistungsfähig abwickeln? Im Fokus stehen hier die beiden zentralen vierspurigen Hauptverkehrsachsen: die Brennerstraße zwischen Leonberger Straße und Reinhold-Vöster-Straße sowie die Eltinger Straße von der Lindenstraße bis zum Neuköllner Platz. Auf einer Spur je Richtung sollen künftig Radfahrer und Busse Vorfahrt haben.

Simulation ist wie ein Computerspiel

Ein Test ohne größeren baulichen Aufwand wird von März bis September über die Bühne gehen. „Dabei ist das Nadelöhr in der Eltinger Straße nicht ganz so einfach“, sagt der Stadtrat Dieter Maurmaier (FDP), der Mitglied im Planungsausschuss ist. Deshalb brachte der 72-jährige Professor, der an der Hochschule für Technik Ausbilder der Bauingenieure im Fachbereich Verkehr war und selbst ein Ingenieurbüro leitete, eine computergesteuerte Verkehrssimulation ins Spiel.

„Die soll vor den realen Versuch geschaltet werden, dabei schnell und einfach klären, wie die Reduzierung der Fahrstreifen in diesem Bereich vonstatten gehen kann, das spart am Ende Zeit“, sagt der Fachmann. „Vorstellen muss man sich das wie ein Computerspiel“, sagt Maurmaier. „Aufwendig ist es, das Modell aufzubauen. Denn man muss versuchen, die Realität so gut wie möglich abzubilden, sonst macht es keinen Sinn.“

Auch der Neuköllner Platz soll umgestaltet werden

In der Zwischenzeit hat sich Stephan Kerner mit seinem Team abgestimmt, die Simulation für die Eltinger Straße selbst in die Hand zu nehmen: „Die Software und das Know-how dafür haben wir.“ Und da das neue Jahr bereits begonnen hat, würde ein Ausschreibungsverfahren den zeitlichen Rahmen einfach sprengen.

Anders sieht es mit dem Neuköllner Platz aus, der ebenfalls neu gestaltet werden soll. Auch hier ist eine Simulation vorgesehen. „Wir sind bereits im Planungsprozess, dabei sollen mehrere Varianten untersucht werden“, sagt Kerner. Den Zuschlag für dieses Projekt hat das Aachener Planungsbüro Richter-Richard bekommen, die mit dem Karlsruher Softwareentwickler PTV Group zusammenarbeiten.

Verkehr soll intelligent gesteuert werden

Ein weiteres Teilchen im Puzzle der „Stadt für morgen“ ist die Kooperation mit dem Verband Region Stuttgart und dem Landesverkehrsministerium. Die Stadt Leonberg ist auch am Projekt „Regionale Mobilitätsplattform“ beteiligt, das eine großräumige digitale Verkehrssteuerung mit Ampeln vorsieht. Damit ist die Verkehrsinfrastruktur aller beteiligten Städte, der Autobahn und der Region Stuttgart vernetzt.

Die gesammelten Daten liefern ein detailliertes Bild zur Verkehrslage. Ziel dabei ist es, den Verkehr in Abhängigkeit von der Verkehrslage intelligent entlang bestimmter Routen zu steuern. Vorgesehen sind Pförtnerampeln, die den Zufluss des Verkehrs ins Leonberger Zentrum regeln und damit Überlastungen vermeiden.

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Finanziell kann die Stadt all diese Projekte nicht allein stemmen. Mindestens 50 Prozent sollen aus Fördertöpfen des Landes kommen. Rein theoretisch seien auch 75 Prozent möglich, meint Stephan Kerner. Die ersten Förderanträge sind gestellt. Die weiteren sollen in diesem Jahr und 2023 folgen.

Zurück ins südkoreanische Songdo. Dort haben sie nicht nur eine gute Ökobilanz, sondern sind auch voll digitalisiert. Ein fragwürdiger Nebeneffekt? Die totale Überwachung im öffentlichen Raum. Ganz so weit ist man in Leonberg – zum Glück – noch nicht.

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