Sommerserie: JVA Heimsheim Wie eine eigene kleine Stadt

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Die JVA Heimsheim aus der Vogelperspektive. Foto:  

Heimsheim - Wie eine kleine Stadt: Diese Bezeichnung für die Justizvollzugsanstalt in Heimsheim hat ihr ehemaliger Leiter Hubert Fluhr schon geprägt, sein Nachfolger Frank Jansen hat sie übernommen. Denn zu einem Gefängnis gehört weit mehr als ein paar Zellen, die hinter ein paar schweren Gittertüren verschanzt sind – abgesehen davon, dass die Türen der Heimsheimer Einrichtung ohnehin massiv sind und keine einzige mehr vergittert. Eine Verwaltung, eine Arztpraxis, eine Schreinerei und Druckerei, eine große Sporthalle und sogar eine eigene Zisterne sind nur ein paar der Abteilungen und Bereiche, die sich hinter den hohen Mauern im Norden von Heimsheim verbergen. Auch die Arbeit mit den Gefangenen geht weit über das reine Beaufsichtigen hinaus.

In unserer Serie „Stadt hinter Mauern“ werfen wir einen genauen Blick hinter eben diese Mauern und stellen die unterschiedlichen Arbeitsbereiche und Abteilungen der JVA Heimsheim einmal genauer vor. Langjährige Mitarbeiter berichten von ihren Aufgaben und ihren Erfahrungen, von den Herausforderungen des Gefängnisalltags und von so manchem kuriosen Erlebnis.

Die JVA Heimsheim existiert seit 1990 und ist ein reines Männergefängnis. 400 Plätze gibt es im Strafhaftbereich. Dort findet sich so ziemlich alles: Vom Mörder, der eine lebenslange Strafe absitzen muss, bis hin zum Raser, der als Ersatz für eine Geld- eine Haftstrafe angetreten und nach drei Monaten wieder draußen ist.

Wo die Gefangenen untergebracht sind, hat aber nichts mit ihrer Haftdauer zu tun, sondern hängt von anderen Faktoren ab: Kann der Mann in den normalen Regelvollzug oder ist er zum Beispiel drogenabhängig oder aggressiv? Was die Haftzeit angeht, sind die Abteilungen daher bunt gemischt.

Bis zu 470 Gefangene

Knapp 70 weitere Plätze sind in der Anstalt für „Kurzbesucher“ reserviert. In Heimsheim befindet sich nämlich auch die Transportzentrale Baden-Württemberg. Diese ist für den Sammeltransport sämtlicher Gefangener innerhalb von Baden-Württemberg zuständig. Auf diese Weise kommen regelmäßig Verurteilte nach Heimsheim, die ihre Strafe eigentlich in einem anderen Haus absitzen müssen. Manchmal kann es aber ein paar Tage dauern, bis der Bus die dafür passende Route fährt. Und so lange müssen die Gefangenen in Heimsheim versorgt werden.

Mit den rund 470 Gefangenen ist das Ende der Fahnenstange aber nicht erreicht – obwohl das Gelände in seiner jetzigen Form in sich schlüssig wirkt und auch gut gefüllt ist. Bis zum Jahr 2022 erhält die JVA Heimsheim einen Anbau in Fertigbauweise – für weitere 120 Gefangene, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen - also mit einer sehr kurzen Haftdauer -, und rund 50 neue Mitarbeiter.

Der Neubau ist schon geplant

Die Zeit der Ruhe ist damit bald wieder vorbei – und das, nachdem die vergangenen vier Jahre schon nicht gerade entspannt für die Anstalt waren, um es vorsichtig auszudrücken. „Das Trinkwassernetz musste erneuert werden, das war mit erheblichen Bauarbeiten verbunden“, so Jansen. Drei Abteilungen, also Gefangengentrakte, waren während dieser Zeit komplett geschlossen. „Leider konnten wir nur einen Bruchteil der Gefangenen in dieser Zeit verlegen.“ In Heimsheim wurde es daher eng: Doppelbelegungen der Zellen wurden zum Standard, inklusive regelmäßiger Umbelegungen, wenn zwei Inhaftierte nicht miteinander auskamen. „Für die Gefangenen und das Personal bedeutete das große Herausforderungen und Einschränkungen jeden Tag.“ Immerhin: Manche Zimmergenossen verstanden sich so gut, dass sie auch fortan eine Zelle teilen wollten. Seit wenigen Wochen herrscht in der JVA wieder „Normalzustand“, alle Abteilungen sind belegt, nur wenige letzte Bereiche sind noch nicht ganz fertig.

Und schon steht die nächste Herausforderung ins Haus. Jansen rechnet mit einem Baubeginn für die neue Erweiterung etwa um 2021 – da es sich um einen Modulbau handelt, starten die Arbeiten erst sehr zeitnah vor der geplanten Eröffnung. Was neben der schwierigen Suche nach Mitarbeitern die Gefängnisleitung noch umtreibt, sind ganz wesentliche offene Fragen. „Der Neubau wird leider keinen Keller haben“, bedauert Jansen. „Denn die Gefangenen bringen ja auch Gepäck mit, es ist noch gar nicht geklärt, wo das hin soll.“ Auch ein überdachter Weg zu dem neuen Gebäude ist in den Planungen bislang nicht inbegriffen. „Zum Glück werden es keine Container, das hätte das schöne Bild hier wohl komplett zerstört.“ Skepsis bleibt trotzdem – zumal der neue Anbau sehr viel dichter an die Außenmauer heranreichen wird als die übrigen Gebäude. „Und man darf sich, denke ich, auch nicht der Illusion hingeben, dass der Modulbau nach ein paar Jahren wieder verschwindet. Der wird uns bestimmt ein paar Jahrzehnte erhalten bleiben.“

Klischee vs. Realität

Klischee: Die Lebenslangen gelten im Vollzug als die gefährlichsten Gefangenen.

Realität: Gerade die Langzeitgefangenen sind meist die umgänglichsten und friedlichsten, sagt Frank Jansen. Sobald sie sich damit abgefunden haben, dass sie eine lange Zeit hier verbringen werden. „Zum Teil sorgen sie sogar für mehr Ruhe in den Abteilungen“, oder sie wirken deeskalierend auf andere ein, wenn es mal zu Streitigkeiten kommt. Kurzzeitgefangene seien dagegen meist viel auffälliger.

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Folgende Bereiche stellen wir in unserer Serie vor:


Jeder, der in die JVA hinein- oder hinausgeht, muss an der Außenwache vorbei: Vom Gefangenentransporter über Lieferdienste bis hin zu Mitarbeitern, Besuchern und Kunden. Auch Post und Briefe kommen zu allererst hier an und werden überprüft.


Die Kammer ist nach der Außenwache der erste Ort, an den neue Gefangene kommen. Alles, was sie bei sich tragen und das nicht mit in die Zelle darf, wird hier verpackt, versiegelt und aufbewahrt, bis der Gefangene die JVA wieder verlässt. 


Nicht nur Gefangene und Mitarbeiter sind Teil der JVA, auch Besucher. Für die Treffen zwischen Insassen und ihren Freunden und Verwandten gibt es einen überwachten Besucherbereich.


Vor allem nachts sind die Gefangenen in verschlossenen Zellen untergebracht, die über mehrere Gebäude und Stockwerke verteilt sind. Neben dem klassischen Regelvollzug gibt es noch spezielle Abteilungen, die zum Beispiel auf gefährliche Gefangene ausgerichtet sind oder auf solche in einer besonderen Therapie. Je nach Abteilung können unterschiedliche Haftbedingungen gelten.


Entweder auf eigenen Wunsch oder auf Anraten können die Gefangenen mit Psychotherapeuten sprechen oder eine Therapie machen. Die Psychologen der JVA sind im Bedarfsfall aber auch für die Mitarbeiter zuständig.


Ein Großteil der Arbeit des sozialen Dienstes in der JVA betrifft die Erarbeitung des sogenannten Vollzugsplans gemeinsam mit anderen Mitarbeitern. Das ist eine Art „Fahrplan“, den jeder Gefangene bekommt und in dem zum Beispiel seine nötigen Behandlungsmaßnahmen festgehalten sind, damit er nicht mehr straffällig wird. Die Sozialarbeiter geben letztlich auch die Empfehlung an die Gerichte weiter, ob eine frühere Entlassung ratsam wäre oder nicht.


Seelsorge und das Ausrichten von Gottesdiensten ist Teil des kirchlichen Dienstes in der JVA. Die Seelsorger sind für Gefangene ebenso da wie für die Mitarbeiter.


Genau wie die Menschen jenseits der Gefängnismauern gehen auch viele Insassen der JVA täglich zur Arbeit. Auf dem Gelände befinden sich mehrere Werkbetriebe, darunter eine Druckerei, Schreinerei und Schlosserei. Zum Teil können die Gefangenen auch eine Ausbildung machen. 


Die JVA besitzt eine eigene Art Schule mit zwei Lehrern und ein paar Klassenzimmern. Auch Ehrenamtliche und Berufsschullehrer unterstützen die Arbeit. Ausgesuchte Gefangene können hier zum Beispiel den Hauptschulabschluss nachholen oder einen Deutschkurs machen.


Für so viele Gefangene braucht es sowohl eine Küche als auch eine Wäscherei. Vom Aufbau unterscheiden sich die beiden Betriebe kaum von denen in anderen großen Einrichtungen.


Auch Gefangene werden einmal krank oder müssen zur Kontrolle. Andere gehen regelmäßig in Behandlung. Zwei Ärzte sind dafür fest im Krankenrevier angestellt, regelmäßig kommen auch eine Zahnärztin und ein Psychiater vorbei.


In der großen Sporthalle können die Gefangenen, entweder als Ausgleich zu fehlender Arbeit oder in ihrer Freizeit, Mannschaftssport betreiben oder in den Kraftraum gehen.


Ehrenamtliche bieten an mehreren Abenden Freizeitgruppen an, zu denen die Gefangenen gehen können – zum Beispiel Mal-, Bibel- oder Schachgruppen.


Verwaltung und Personalmanagement ist ebenso ein Teil der JVA. Die Vollzugsgeschäftsstelle ist quasi das Einwohnermeldeamt der Einrichtung. Über jeden Gefangenen wird hier eine Akte mit allen wichtigen Daten angelegt. 


Früher kannte man das „Vollzugliche Versorgungsmanagement“ unter dem Begriff Wirtschaftsverwaltung. Das fasst es im Grunde gut zusammen: Hier dreht sich alles ums Geld und darum, wofür es ausgegeben wird. Auch die Zahlstelle, über die die Verdienste der Gefangenen in den Werkbetrieben verwaltet werden, ist hier angesiedelt.


Muss ein Gefangener einmal zu einem Gerichts- oder zu einem Arzttermin außerhalb der Anstalt, läuft das über den Fahrdienst der JVA. In Heimsheim sind aber nicht nur die VW-Busse für den Fahrdienst untergebracht, sondern auch die großen Gefängnisbusse. Sämtliche Gefangenentransporte innerhalb von Baden-Württemberg starten von der Transportzentrale aus. und beenden hier auch wieder ihre Fahrt.

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