Soloshow des U2-Sängers in Berlin Bono, Pavarotti und das exzentrische Herz

Von Gunther Reinhardt
Die Reise in die eigene Geschichte: U2-Frontmann Bono verrät bei seiner Lesetour, wie er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist. Foto: Live Nation/Ross Andrew Stewart

Er reckt die Arme in die Höhe, schließt die Augen, singt von den Straßen, die keine Namen haben, vom blutigen Sonntag, von einem schönen Tag, vom Verlangen und vom Stolz. Und doch stimmt irgendetwas hier nicht! Was macht der U2-Sänger Bono, für den sonst kein Stadion der Welt groß genug ist, in einem Berliner Club, in dem nur knapp 1800 Zuschauer Platz finden? Wo sind alle die gigantischen Bühnenaufbauten hin, die man von den U2-Konzerten kennt? Wieso gibt es keine glitzernde Hightech- Multimedia-Installation? Was ist aus der spektakulären Lightshow geworden? Und wo sind vor allem The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr. – der Rest der Band?

Eine Geschichte in vierzig Songs

Alles ist anders am Mittwochabend im Admiralspalast. Bono ist weder hier, um ein neues U2-Album vorzustellen, noch um als politischer Aktivist einmal mehr gegen den Hunger oder die Armut auf der Welt zu kämpfen und Politikern ins Gewissen zu reden. Nein, er ist da, um seine Memoiren vorzustellen. „Surrender: 40 Songs, eine Geschichte“, heißt das ziemlich dicke Buch des Mannes, der schon als Teenager beschlossen hat, nicht mehr auf den Namen Paul David Hewson zu hören und sich Bono zu nennen.

Doch Bono wäre nicht Bono, wenn er sich einfach auf der Bühne an einen Tisch setzen und aus seiner Autobiografie vorlesen würde. Stattdessen verwandelt er den Abend in eine Revue, bei der Buchpassagen musikalisch aufgeladen werden. Mit Kate Ellis (Cello), Gemma Doherty (Harfe) and Jacknife Lee (Percussion und Elektronik) inszeniert er dabei U2-Songs in betörenden Unplugged-Versionen neu.

Von „Sunday Bloody Sunday“ bis „Desire“

Lieder, die zuvor wie gewaltige Rockungetüme klangen, bekommen etwas Zartes und Verletzliches und übersetzen damit den Ton des Buchs stimmig in Musik. Allein schon die Momente, in denen sich die Harfe das Gitarrenriff von „Sunday Bloody Sunday“ vornimmt, in denen das Cello durch „Where the Streets have no Name“ brummt, in denen „Desire“ zum perkussiven Taumel wird, machen Bonos Auftritt zum Ereignis.

Und das, obwohl diese Songs eigentlich nur das Begleitprogramm sind. Denn dazwischen erzählt Bono in einer ungewohnten Offenheit aus seinem Leben – zum Beispiel von dem Tag, an dem er fast gestorben wäre. „Ich wurde mit einem exzentrischen Herzen geboren.“ Mit diesem Satz beginnt der 62-Jährige seine Autobiografie. Und wer sich gleich in seinem Vorurteil bestätigt fühlt, dass der Sänger dieser Superlativ-Band vor allem ein Wichtigtuer ist, geht ihm prompt in die Falle. Denn tatsächlich feiert er mit diesem Satz nicht seine eigene Außergewöhnlichkeit, sondern gebraucht einen medizinischen Fachausdruck für einen Herzfehler, der ihn an Weihnachten des Jahres 2016 fast das Leben gekostet hätte.

Eine spezielle Form von Nabelschau

Bonos Buch und seine Liveshow sind voller solcher intimer Momentaufnahmen. Er erzählt sein Leben nicht stur und brav chronologisch nach, sondern lässt sich gerne vom Bewusstseinsstrom hierhin und dorthin treiben – von Dostojewski über die Ramones zu Rossini. Indem er frei assoziierend Erinnerungsfetzen aneinanderreiht, eifert er James Joyce nach, einem Schriftsteller, der wie er aus Dublin kam.

Und auch wenn Bonos Memoiren literarisch nicht wirklich mit diesem großen Vorbild mithalten können, so hebt sich dieses Buch doch wohltuend von Autobiografien anderer Stars ab, die oft von Ghostwritern verfasst werden. Bono findet als Autor wie als Songwriter einen ganz eigenen Ton. „Das Schreiben eines Buches ist eine spezielle Form von Nabelschau“, sagt er.

Der Bariton, der ein Tenor sein wollte

Das wird nicht nur beim Lesen, sondern auch bei der Show in Berlin deutlich. Beim Auftritt im Admiralspalast, dem einzigen in Deutschland, jongliert Bono virtuos (und nur ab und zu auf seinen Teleprompter schielend) mit den Storys, die sein Leben sind. Er porträtiert in einem herzlich-liebevollen Ton seine Bandmitglieder und berichtet davon, wie vier sehr unterschiedliche Teenager in den 1970ern zu einer Band werden. Er schwärmt von seiner Mutter Iris, die früh gestorben ist, von seiner Ehefrau Ali, die er als Zwölfjähriger kennengelernt hat (und die auch mal von The Edge umworben wurde). Er erzählt entzückende Anekdoten von Begegnungen und Telefonaten mit Luciana Pavarotti.

Am ausführlichsten widmet er sich aber seinem Vater und dem schwierigen Verhältnis, das die beiden zeitlebens hatten. Die italienische Art, Kinder zu fördern, sei, ihnen immer zu sagen, wie toll sie sind. Eine andere Möglichkeit wäre, sie einfach komplett zu ignorieren. Das sei der irische Weg, behauptet Bono, dem sein Vater immer vorgeworfen habe, dass er wie ein Bariton klinge, der versuche, ein Tenor zu sein. Und auch 21 Jahre nach dem Tod seines Vaters versucht dieser störrische Junge aus Dublin ihm immer noch etwas zu beweisen und singt am Ende des Abend deshalb nicht noch einen weiteren U2-Song, sondern schmettert im großartigen Operngestus das italienische Lied „Torna a Surriento“.

„Surrender: 40 Songs, eine Geschichte“: Bono und seine Band U2

Person
Bono wird am 10. Mai 1960 als Paul David Hewson in Dublin geboren. Er ist Sänger und Songwriter der irischen Rockband U2. Außerdem engagiert er sich als Aktivist für zahlreiche Projekte etwa zur Bekämpfung von Aids oder der Armut.

Karriere
1976 gründete Bono zusammen mit dem Gitarristen The Edge (David Howell Evans), dem Bassisten Adam Clayton und dem Schlagzeuger Larry Mullen jr. eine Band, die seit 1978 den Namen U2 trägt. Seit 1980 hat die Band 14 Alben veröffentlicht, die meisten von ihnen schafften es auf Platz eins der deutschen Albumcharts.

Bono: 40 Songs, eine Geschichte. Autobiografie. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Droemer HC, 696 Seiten. 32 Euro.

Strohgäu Leonberg Rutesheim Weil der Stadt Renningen Weissach Enzkreis-Gemeinden

Sonderthemen