Sindelfinger Pfarrwiesen-Gymnasium Die Flüchtlingsklasse auf Erfolgskurs

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Die Lehrerin Meike Hertkorn ist die Schaltzentrale und der ruhende Pol – auch in der neuen Vorbereitungsklasse. Foto:  

Sindelfingen - Kein einziges Wort Deutsch konnte Soheil Abdolahi, als er vor anderthalb Jahren nach Deutschland kam. Jetzt ist er stolz auf sein erstes Zeugnis an einer deutschen Schule, das er vor den Sommerferien erhalten hat. Die neunte Klasse des Gymnasiums schloss er mit guten Ergebnissen ab: ein Schnitt von 2,6, drei Vierer hat er, sonst nur gute Noten.

Vor einem Jahr begann der 17-jährige Iraner als einer von 19 Pionieren in der neuen Vorbereitungsklasse für begabte ausländische Jugendliche am Sindelfinger Pfarrwiesen-Gymnasium. Bereits wenige Monate später durfte er ganz in die Regelklasse wechseln und erhielt am Schuljahresende schon ein richtiges Zeugnis. Nun ist er in der zehnten Klasse. Mathe und Physik sind seine Paradefächer. „In Deutsch und Englisch habe ich noch etwas Probleme“, räumt er ein. Aber Meike Hertkorn, seine ehemalige Klassenlehrerin in der Vorbereitungsklasse, ist überzeugt davon, dass Soheil auch diese Probleme noch meistern wird.

Eine Syrerin schaffte direkt den Sprung zur Uni

Von den 19 Pionieren des ehergeizigen Projekts ist kein einziger mehr in der Klasse. Eine Erfolgsgeschichte für die Lehrerin. Bis auf drei Jugendliche, die weggezogen sind oder abgeschoben wurden, haben es alle geschafft: die Syrerin Dalo direkt aus der Flüchtlingsklasse auf die Uni, die anderen sind fast alle in die Regelklassen der Schule integriert. Drei Schüler wechselten in eine berufliche Ausbildung.

Meike Hertkorn ist deshalb aber nicht arbeitslos: 24 neue wissenshungrige Jugendliche sitzen nun vor ihr. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Libanon, Irak, Iran, Pakistan, Brasilien, Ungarn, Moldawien, Bosnien, China und den USA. Zweidrittel der Schüler sind Flüchtlinge, die erst vor Kurzem nach Deutschland kamen. Zum Beispiel Majid. Der 17-jährige Syrer durfte vor vier Monaten im Rahmen des Familiennachzugs zu Mutter und Bruder ausreisen.

Aufgenommen werden nur Jugendliche, die auf Gymnasialniveau sind. Dies prüft die Schule mit einem sprachunabhängigen Test. „Wichtigstes Kriterium ist aber das Aufnahmegespräch. Da sehen wir auch, ob die Motivation des Schülers reicht“, sagt Hertkorn. Bei Majid seien die guten Deutschkenntnisse nach der kurzen Zeit ein Indiz dafür. Trotzdem sei die Klasse „dieses Jahr viel heterogener als die letzte“, berichtet die Lehrerin. „Ich habe eine Gruppe, die schon sehr gut Deutsch spricht und eine andere, die erst noch die Sprache richtig lernen muss. Ein Mittelfeld gibt es dieses Jahr nicht.“

Der Rektor fordert mehr Lehrer

„Eigentlich bräuchten wir dauerhaft einen Tandem-Unterricht, in der ständig zwei Lehrer in der Klasse sind“, sagt Bodo Philipsen, der Rektor der Schule. Doch davon kann er nur träumen. Nur wenige Stunden in der Woche kann er die Klasse in zwei Leistungsgruppen aufteilen. Denn es fehlen ihm schlicht die Lehrer. Sogar Hertkorn erhielt ihre Arbeitsvertragsverlängerung erst zwei Wochen nach Schuljahresbeginn. Sehr ärgerlich war das für Philipsen. „Wir machen dieses Angebot für begabte ausländische Jugendliche doch auf ausdrücklichen Wunsch des Ministeriums.“

Neben Meike Hertkorn, die 16 Wochenstunden unterrichtet, gibt es zwei weitere Lehrer des Pfarrwiesen-Gymnasiums, die stundenweise in der Vorbereitungsklasse sind. 23 Stunden Deutsch pro Woche stehen auf dem Stundenplan der Jugendlichen. Kunst, Sport, Musik erleben sie von Anfang an gemeinsam mit den deutschen Schülern. Nach und nach wird dies ausgeweitet, bis die Jugendlichen vollständig in die Klassen integriert werden können.

Die alte Klassenlehrerin bleibt weiter Ansprechpartner

Die 19 Jahre alte Kholoud, die im Laufe des vergangenen Jahres in die Vorbereitungsklasse kam, hat den Sprung in die Regelklasse geschafft. Noch fremdelt sie etwas. „Ich habe bisher keine deutschen Freunde.“ Das mag daran liegen, dass sie weit weg wohnt – im Kreis Calw. Halt in der neuen Klasse gibt ihr Judi, mit der sie schon in der Vorbereitungsklasse befreundet war. „Wir lernen zusammen“, erzählen die Mädchen. Froh ist Kholoud auch darüber, dass sie in Meike Herkorn weiter eine Ansprechpartnerin hat. „Immer wenn ich im Unterricht etwas nicht verstehe, gehe ich zu Frau Hertkorn. Sie hilft mir weiter.“

Im kommenden Schuljahr jedoch wird Hertkorn nicht mehr zu Verfügung stehen Das Regierungspräsidium will ihren Vertrag nicht verlängern, da sie keine Lehrerausbildung hat. Der Schulleiter bedauert dies. „Wir brauchen Kontinuität. Die Lehrer können nicht jährlich wechseln.“

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