Sexueller Missbrauch Die Tricks der Täter – und was dagegen hilft

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Ein Patentrezept zum Schutz gegen sexuelle Übergriffe gibt es nicht, aber ein Konzept um dem vorzubeugen. Foto: dpa/J. Stratenschulte

Renningen - Spätestens seit den Vorfällen im Frühjahr 2017 um den Tischtennis-Übungsleiter beim TSV Höfingen, der Kinder sexuell missbraucht hat und zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, hängt das Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wie ein Damoklesschwert auch über den Sportvereinen im Altkreis Leonberg. Die SpVgg Renningen ist einer von sechs Vereinen in der Region, der sich dem Pilotprojekt des Sportkreises Böblingen angeschlossen und ein Schutzkonzept zur Prävention von Gewalt und Missbrauch erarbeitet hat. Ebenfalls mit im Boot sind der TSV Höfingen, die Spvgg Weil der Stadt, die SpVgg Aidlingen, der TSV Grafenau und der TSV Kuppingen.

Gut zweieinhalb Jahre nach dem Startschuss haben die Renninger Verantwortlichen am Donnerstagabend zu einer Informationsveranstaltung für alle Vereine eingeladen. Kriminalhauptkommissarin Ivette Saile von der Kriminalpolizeidirektion Böblingen beschrieb die Strategien und Tricks der Täter. Es sei ein Missverständnis, wenn man im Verein nach einem fremden Täter suche. „Es sind in der Regel Menschen aus dem engsten Umfeld des Kindes, die sich wie der nette Nachbar von nebenan verhalten“, sagte die Polizistin. Die Täter würden die Tat gründlich vorbereiten und auch für die Zukunft absichern. „Sie bauen eine enge Bindung zum Kind auf und versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen“, führte Saile weiter aus.

Die Täter gehen behutsam vor

Kriminalhauptkommissarin Ivette Saile beschreibt die Strategien der Täter. Foto: Henning Maak
Irgendwann käme es dann zur Sexualisierung, indem ein pornografisches Bild gezeigt oder gefragt würde, ob sich das Kind schon einmal sexuell befriedigt habe. Komme es zum sexuellen Missbrauch, würden die Täter nicht brutal vorgehen, sondern ganz behutsam, da sie ihr Opfer möglichst lange begleiten wollten.

Gleichzeitig sicherten sich die Täter ab, indem sie das Kind auf ein gemeinsames Geheimnis einschwören würden oder mit Drohungen arbeiteten: „,Wenn du das ausplauderst, glaubt dir eh keiner‘ oder ,Wenn du das weitererzählst, geht deine Familie kaputt‘ sind typische Sätze in solchen Situationen“, berichtete Saile.

Immer Anzeige erstatten

Eindeutige Anzeichen für Missbrauch gebe es keine, so Saile. Mögliche Anzeichen seien aber Reaktionen wie Rückzug, Scham oder ein extrem sexualisiertes Verhalten des Kindes. „Halten Sie Augen und Ohren offen, hören Sie auf ihr Bauchgefühl und sprechen Sie im Zweifel mit dem Kind“, riet die Polizistin. Sie empfahl zudem, einen ertappten Täter nicht nur vom Verein auszuschließen, sondern stets auch Anzeige zu erstatten.

Dorothee Himpele von der Beratungsstelle Thamar riet jedem Verein, ein Schutzkonzept zu erstellen. „Dadurch werden nicht nur mögliche Opfer geschützt, sondern auch Trainer vor falscher Verdächtigung“, erläuterte sie. Zunächst müsse eine Risikoanalyse erstellt werden, wo Täter Schwachstellen ausnützen können. „Ein häufiges Thema sind die Umkleideräume“, sagte Himpele. Sodann sollten ein Verhaltenskodex und eine Selbstverpflichtungserklärung für alle Trainer, die mit Kindern arbeiteten, erstellt und das Schutzkonzept in der Satzung oder einer Jugendordnung verankert werden.

Beschwerdesystem muss etabliert werden

Elementar sei, zwei Präventionsbeauftragte im Verein zu finden, optimalerweise einen Mann und eine Frau unterschiedlichen Alters. In Workshops müsste dann das Thema vertieft und beispielsweise ein Krisenleitfaden erarbeitet und ein Beschwerdesystem etabliert werden. Die Spvgg Renningen hat mit Birgit Ulrich und Patrick Stein zwei Präventionsbeauftragte gefunden. Erstere definierte ihre Rolle am Donnerstagabend so: „Ich bin Ansprechpartnerin bei Problemen, aber ich werde mich nicht mit einem Fernglas in der Turnhalle auf die Lauer legen“.

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