Serie Dante lesen (8) Wenn Sünder rotsehen

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Wutbürger der Hölle. Illustration von Gustave Doré. Foto: imago/Leemage/imago stock&people

Stuttgart - Kaum ein Buch hat durch die Jahrhunderte so eine Karriere gemacht, wie die „Göttliche Komödie“, kaum eines wird so wenig gelesen. Doch wir wollen die drastischen Jenseits-Abenteuer des vor 700 Jahren gestorbenen Dichters Dante Alighieri nicht den Experten überlassen. In jeder Woche arbeiten wir uns weiter in die Unter- und Überwelt dieser vielleicht ersten Roadnovel der Geschichte vor – hier unser Bericht, Folge 8:

Im fünften Höllenkreis tendiert man zu ausgesprochenen Überreaktionen. Kein Wunder, hier hausen die Wutbürger der Unterwelt, vom Zorn zernagte Kreaturen, jederzeit bereit, alles kurz und klein zu schlagen. Der Konversationston ist der entfesselten Geschreis, die Leute sitzen aber nun einmal auch ziemlich in der Tinte, die eine offensichtlich immer noch hochaktive Verdauung im Übermaß produziert. Die Stimmung als brodelnd zu bezeichnen wäre nicht übertrieben.

Patriotische Choleriker

Dante trifft auf einen hocherregten Florentiner, Filippo Argenti, mit dem er noch eine Rechnung offen hat. Glücklich der, der wie Dante seinen eigenen Zorn dadurch abführen kann, dass er seine Widersacher nach Belieben in die Hölle versetzt, um sie dort über Jahrhunderte dem Spott und dem Hohn gebildeter Leser auszusetzen. Kein Wunder ist Filippo sauer und schlägt vor Ärger die Zähne in sein eigenes Fleisch. Als Wutbürger hat man es nicht leicht, auch im Inferno nicht.

Und was ist das schon wieder? Die Höllenstadt, die an den Sumpf der Zornigen grenzt, zieren die Minarette einer Moschee! Minarette! Das hat gerade noch gefehlt! Nicht mal im abendländischen Inferno hat man seine Ruhe! Höchste Zeit, eine Bewegung zu gründen: Patriotische Choleriker gegen die Islamisierung der Hölle.

Dante: Commedia. Canto 8. Alle bisherigen Folgen finden Sie hier.

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