Saisoneröffnung in Weil der Stadt Weiler Fasnet als Weltkulturerbe? Aber klar!

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Sollte am 11.11. in Weil der Stadt Feiertag oder zumindest schulfrei sein? Der Siebenerrat der Narrenzunft AHA ist eindeutig dafür. Foto: factum/Simon Granville

Weil der Stadt - Die „Fasnet-Aktivisten“ des Siebenerrates ziehen, vom tuckernden Bulldog gezogen, auf den Weiler Marktplatz. Voran marschiert die Augustiner Brass Band. Mit langen Zöpfen huldigen die Jungs „der großen Greta“. Das Motto der kommenden Saison deutet sich an. „Älle demonstrieret gega älles“, ruft Zunftmeister Daniel Kadasch den Besuchern zu.

Unterhaltsam, aber mit deutlicher Gesellschaftskritik verbunden, erläutert er: „Egal, welcher Trend und Missstand isch grad aktuell. Jeder hat a Meinung dazu und zwar ganz ganz schnell. Meist ohne Wissen, wie das Thema im Gesamten wirkt und was sich in den unbekannten Details verbirgt. Brennt bei vielen ein Thema unter de Nägel so arg. Dann macht man sich als Aktivist laut dafür stark. Man isch mit Innbrunscht dafür oder besser no glei dagega. Bloß tut sich die Sache dann meischtens gar nicht mehr bewega.“

Brauchtum for Future

Auch bei der Weiler AHA demonstriere man – und das schon seit über hundert Jahren. „Nämlich für´s Brauchtum und für d geliebte´ Fasnets-Zeitspanne“, ruft Kadasch und verkündet das Motto für die Saison: „Brauchtum for Future. Fasnet for Future.“ Versteckt in Reimen finden sich Anspielungen auf Nachbarn, die sich über so manche nächtliche Feier beschweren. Über Zugezogene, denen das Verständnis fürs Weiler Brauchtum fehlt. Über Veranstaltungen wie Umzüge oder Bälle, die abgesagt werden mussten.

Konkret wird der Zunftmeister dabei nicht. Doch für große Aufregung unter den Narren der Region sorgte kürzlich die Nachricht, dass die Narrenzunft Ittersbach in Karlsbad ihren Umzug absagen musste, weil sie die Kosten für zusätzliche Security-Mitarbeiter nicht mehr zahlen konnte.

Schützenswertes Kulturgut

Ein Szenario, das für die Weiler sicher unvorstellbar ist. Oder, um es mit Daniel Kadasch zu sagen: „Denn das Brauchtum unserer Stadt, ist das, was die ganze Welt nur einmal hat!“. Deshalb verkündete der Zunftmeister gleich eine große Nachricht, die in aller Reimerei fast verloren ging. Die Narrenzunft AHA hat die Weiler Fasnet als schützenswertes Kulturgut beim Welterbe-Komitee der Unesco eingereicht. Und das schon vor einigen Monaten, wie Kadasch ganz am Ende der Veranstaltung und mit allem Ernst bekräftigt. „Wir hoffen, bis spätestens zum Narrensprung am 16. Februar eine positive Antwort bekommen“, erklärte er. Dabei geht es um die deutsche Welterbe-Liste. Darauf steht die schwäbisch-alemannische Fasnet bereits seit 2014. Doch jedes Bundesland darf jährlich bis zu vier neue Anträge einreichen, worum sich wiederum die Kommunen bewerben dürfen.

Walnüsse statt Gummibärchen? Dagegen!

Die Weiler Fasnet nimmt eine besondere Rolle zwischen traditioneller, schwäbisch-alemannischer Fasnet mit ihren Maskengruppen und dem rheinischen Karneval ohne Masken, dafür mit Gardetanzgruppen und Umzugswagen, ein. Denn so ist es unter den alemannischen Narrenzünften nicht üblich, den 11.11. zu feiern. Der traditionelle Auftakt ist erst am 6. Januar beim Maskenabstauben. In Weil der Stadt sind deshalb am 11. November immer nur die Gruppen dabei, die ohnehin ohne Masken auftreten, also die Zigeuner, Clowns und Spicklingsweiber.

Dennoch haben sich die Weiler Narren Gedanken darüber gemacht, wie man die Fasnet etwas moderner machen könnte, eben „Fit for Future“. Aber Gummibärchen abschaffen und durch Walnüsse, Eier oder gar Zwiebeln ersetzen? DAGEGA zeigt der Siebenerrat per Buchstabenschilder an. Die Merklinger Narren integrieren? Auch dagegen. Ganz lautstark dafür sind die Weiler allerdings bei der Forderung, am 11.11. schulfrei einzuführen. Und warum nicht gleich einen ganzen Feiertag? Ganz so modern sind die Herren dann aber auch nicht. 100 Prozent Frauen im Ballett – ja! Aber im Rat der sieben Fasnets-Weisen? DAGEGA! Die Zuschauer nehmen es mit Humor.

Und nachdem das Hexle auch endlich aus seiner Kiste befreit ist, schickt die Narrenkapelle die Weiler mit einem zünftigen „Feliz Navidad“ nach Hause. Bei fast null Grad keine schlechte Titelwahl. Außerdem: Nach der Weihnacht ist vor der Fasnet.

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