Rutesheimer leidet an Long Covid Er wäre gerne halbwegs so wie früher

Von Michael Werner
Bernd Kauselmann fühlt sich ungerecht behandelt. Foto: /Simon Granville

Bernd Kauselmann geht es nicht gut. „Ich rieche und schmecke seit einem Jahr nichts“, sagt der 63-jährige Rutesheimer, der sich Mitte Oktober 2021 mit dem Coronavirus infiziert hatte. „Ich habe immer noch die Drehschwindelanfälle und das Augenflimmern, die Wortfindungs- und natürlich die Gedächtnisprobleme“, erzählt der mittlerweile arbeitsunfähige Großhandelskaufmann. Kauselmann weiter: „Sobald ich mal an die Grenzen gehe, habe ich einen Mühlstein um den Hals hängen beziehungsweise ziehe einen Tag später einen schweren Anker hinter mir her.“ Dazu komme das Fatigue-Syndrom, sagt er, „dauernde Müdigkeit, und schnell abgeschlagen, und das geht irgendwann auch auf die Psyche über“.

An Sport sei nicht mehr zu denken: „Vor dem Oktober 2021 bin ich 100 Kilometer am Stück auf dem Rad gefahren. Jetzt bin ich mal drei bis fünf Kilometer gefahren, dann hatte ich Schwindelanfälle und musste absteigen und mein Rad schieben.“ Von Mitte April bis Mitte Mai hatte Bernd Kauselmann „Reha in einer Post-Covid-Gruppe“ absolviert, er konnte nach eigenen Angaben währenddessen sein Lungenvolumen von nur noch 20 Prozent auf 35 Prozent vergrößern. Mittlerweile verfüge er zwar wieder über 70 Prozent Lungenvolumen, aber nun habe sein Arzt auch noch Asthma bei ihm diagnostiziert. Und zu seinen massiven gesundheitlichen Problemen kämen jetzt auch noch finanzielle.

Weniger Rente als erwartet

„Du bist dauerhaft arbeitsunfähig und vermutlich zu 100 Prozent erwerbsgemindert“, habe man ihm am Ende seiner Reha gesagt. Daraufhin habe er am 10. Juni auf dem Rathaus in Rutesheim Erwerbsminderungsrente beantragt. Anfang September sei sein Antrag vom Rentenversicherungsträger in Berlin zwar positiv beschieden worden. „Sie sind 100 Prozent erwerbsgemindert“, habe man ihm mitgeteilt, „aber – und jetzt kommt der Hammer – rückwirkend ab dem Tag, an dem ich im November 2021 die Reha beantragt habe.“

Dies habe für ihn verheerende finanzielle Auswirkungen: Da er nach seiner Infektion und der darauffolgenden Isolation noch vier Monate bis März dieses Jahres gearbeitet habe, werde er nun eine „wesentlich geringere Erwerbsminderungsrente“ erhalten, „weil ich bis einschließlich März unwissentlich einen Zuverdienst in der Firma hatte“. Dort habe er „versucht, mich durchzuschleppen“ und sei mit Billigung seines Chefs meistens nach drei oder vier Stunden ermattet wieder nach Hause gegangen.

Als er im September seinen Rentenbescheid erhalten habe, „da ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt Bernd Kauselmann, „wird man dafür bestraft, wenn man versucht, weiterzuarbeiten? Laut Bescheid bekomme ich pro Monat 600 Euro abgezogen.“ Seine Erwerbsminderungsrente würde ihm ohnehin erst von Ende November an ausgezahlt, seit Mitte August erhalte er jedoch kein Krankengeld mehr, weil er bereits seit November 2021 – „ohne dass ich es wusste“ – Rentner sei. „Seit Mitte August bis Ende November sitze ich auf dem Trockenen.“

Vier Seiten Widerspruch

Er habe nun Widerspruch gegen seinen Rentenbescheid eingelegt, sagt Bernd Kauselmann: „Ich habe vier Seiten Widerspruch eingelegt, weil ich Rentner wurde, bevor ich es beantragt hatte. Der Widerspruch hat mich gesundheitlich sehr mitgenommen.“ Er wünsche sich das Gegenteil: „Ich möchte, dass ich wieder halbwegs so bin, wie ich vor dem Oktober 2021 war“, sagt er. Er sei sich jedoch bewusst: „Es wird nie mehr so werden, wie es war.“ Er hoffe trotzdem: „Aber vielleicht zu 80 oder 90 Prozent.“

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