Rutesheim Wer nicht arbeiten kann, hat es noch schwerer

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Großes Interesse und viele angeregte Gespräche. Foto: privat

Rutesheim - Der Andrang ist so groß gewesen, dass einige Stuhlreihen dazugestellt werden mussten. Das Interesse so stark, dass alle noch im angeregten Gespräch waren, als es Zeit für ein Fazit wurde. Was so viele Menschen in den Bürgersaal in der Christian-Wagner-Bücherei gelockt hat, ist ein Treff für Geflüchtete und Unternehmer gewesen, das vom Freundeskreis der Flüchtlinge und der Stadt auf die Beine gestellt wurde.

Der Austausch stand an diesem Abend klar im Fokus. Die vorbereiteten Thementische fanden zunächst kaum Beachtung, weil sich einfach alle mitten im Raum unterhielten, immer wieder unterschiedliche Gruppen zusammenfanden und der Kontakt zwischen Geflüchteten, Unternehmern und anderen Interessierten einfach ganz natürlich entstand.

Lockere Atmosphäre

Als Akteure aus dem Bereich der Migration waren der Freundeskreis der Flüchtlinge, Integrationsmanagerin Katharina Wojtulek, Alena Babeyeva vom Böblinger Landratsamt und die Stadtverwaltung vertreten. Auch Menschen mit internationaler Geschichte standen für Fragen und Austausch bereit. Dem lockeren Kennenlernen ging ein kurzes Programm voraus, moderiert von Susanne Wochele vom örtlichen Freundeskreis.

Manfred Pauschinger, ebenfalls vom Freundeskreis, sprach mit Abbulrahim Falla und Lisa Almert. Falla stammt aus Afghanistan, aus der Stadt Ghazni nahe Kabul. Im Mai 2016 kam er nach Rutesheim. Almert arbeitete als Personalchefin bei Hagebau Bolay mit Falla zusammen.

Auf die Frage, warum Falla sein Heimatland verlassen hat, gab er eine erschütternd knappe Antwort: Jeden Tag Krieg und Anschläge. Hier suchte er einen Praktikumsplatz, um mit Leuten in Kontakt zu kommen und Deutsch zu lernen, erzählte er. Nach dem Praktikum bei Hagebau nahm er an einer Fortbildung des Fachverbandes der Stuckateure teil. Über ein anderes Praktikum bekam er vor zwei Jahren die Chance, unbefristet in einem Betrieb zu arbeiten. Jetzt kommt er selbst für seinen Lebensunterhalt auf.

Zur Not mit Händen und Füßen

Was ging Lisa Almert durch den Kopf, als sie erfuhr, dass sie einen Geflüchteten in der Firma betreuen würde. Sie habe nur gewusst, dass er nicht gut Deutsch spreche, erzählte Almert. Alle seien gespannt gewesen. Immerhin wisse man nie, wie Mitarbeiter und Kunden da reagieren. Was sich nach Fallas Ankunft jedoch gleich zeigte: „Er war arbeitswillig“, so Almert. Die Verständigung – besonders bei den vielen Fachbegriffen im Baumarkt – klappte mit Händen und Füßen.

Alena Babeyeva stellte das Projekt „MiQnet – Migranten in Unternehmen – Qualifizierungsnetzwerk“ vor. Es läuft seit Beginn des Jahres und richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen im Kreis Böblingen. Babeyeva ist für die Koordination zuständig. Ziel des Projekts sind unter anderem die Vernetzung der Unternehmen, Austausch- und Informationsforen zu schaffen sowie bei der betrieblichen Integration von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund zu helfen. Dazu werden unter anderem Schulungen direkt in den Unternehmen angeboten. Sie selbst geht in die Betriebe, berät, unterstützt.

Integration ist für alle wichtig

„Das Thema Integration ist für alle wichtig – auch für die Unternehmen, denen es an Fachkräften mangelt“, sagte Bürgermeisterin Susanne Dornes. Andererseits sei es „für die Menschen sehr schwierig, wenn sie nicht arbeiten dürfen“. Die Stadt versuche die Geflüchteten dezentral unterzubringen, erklärte Dornes, denn es sei diesen lieber und würde die Integration erleichtern. Dafür fehle es jedoch an Wohnraum. Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis.

„Ich möchte allen Mut machen“, meinte die Bürgermeisterin insbesondere an die Arbeitgeber gewandt. „Man kann gute und schlechte Erfahrungen machen, aber ich glaube, die guten überwiegen.“ Die Veranstaltung sei eine „fantastische Idee“ gewesen, wie die Resonanz zeige.

„Das funktioniert gut in Rutesheim“, fand Manfred Pauschinger. Vor Ort gebe es eine starke Gesellschaft, die sich intensiv einbringe. „Es sind viele neue Kontakte entstanden“, ist er zufrieden.

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