Rutesheim Ein Heim für Reptilien und Insekten

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In der Trockenmauer beim Lärmschutzwall sollen sich später einmal wärmeliebende Tiere und Insekten ansiedeln. Foto: privat

Rutesheim - Muss der neue Lärmschutzwall in Perouse zusätzlich abgestützt werden? Mitnichten: Die Trockenmauer, die die Stadt Rutesheim hier errichten ließ, dient einem ganz anderen Zweck. Das etwa 100 Meter lange und einen Meter hohe Gebilde ist eine Ausgleichsmaßnahme fürs neue Gewerbegebiet Gebersheimer Weg in der Kernstadt.

Für die Trockenmauer wurden lokale Muschelkalk-Bruchsteine verwendet, die ohne Mörtel aufeinandergesetzt sind. Die zum Inneren der Mauer weisenden Kanten der Steine sind unregelmäßig gebrochen. Verbleibende Zwischenräume sind mit groben Steinen verfüllt, um Hohlräume für verschiedene wärmeliebende Tierarten zu schaffen, wie Eidechsen, Erdkröten, Wildbienen und Laufkäfer.

Wer baut, muss ausgleichen

Wer baut, greift in die Natur ein. Das muss ausgeglichen werden, indem andere Flächen ökologisch aufgewertet werden. Beim Gewerbegebiet Gebersheimer Weg mussten sich Gemeinderat und Stadtverwaltung Gedanken darüber machen, wie der Eingriff ausgeglichen werden kann. Nachdem die im Baugebiet geltenden Vorgaben wie Dachbegrünung, Pflanzgebot und Versickerung des Regenwassers abgezogen waren, hieß es, weitere 483 000 Ökopunkte auszugleichen.

Für eine finanzstarke Stadt wie Rutesheim wäre es ein Leichtes, sich die für den Ausgleich nötigen Ökopunkte anderweitig einzukaufen. Doch der Gemeinderat und die Verwaltung haben sich die Forderung der Grünen-Fraktion zu eigen gemacht, den kompletten Natureingriff des Gewerbegebiets auf Rutesheimer Gemarkung auszugleichen.

Am „Lerchenberg“ wird aufgeforstet

Dieses Mal wollte man auch nicht bei den Landwirten zulangen. Gut für das Öko-Konto ist es, etwa 1,6 Hektar im Bereich „Lerchenberg“ aufzukaufen und aufzuforsten. Ein Grundstück mit einer Fläche von 2320 Quadratmetern gehört der Stadt. Mit dem Aufforsten ließen sich 135 000 Ökopunkte erzielen. Andere private Grundstücke müssen noch erworben werden. Weitere 28 400 Ökopunkte lassen sich mit Blühstreifen und Wiesen rund ums Sportgelände Bühl erwirtschaften.

Als Ersatz für 80 Bäume, davon zehn alte Obstbäume in den Streuobstwiesen am Gebersheimer Weg, müssen mindestens 150 Obstbäume in der Nähe gepflanzt werden. Der Verlust von Höhlen- und Spaltenbäumen muss im Verhältnis 1:3 durch künstliche Fledermaus-Quartiere in angrenzenden Lebensräumen kompensiert werden. Geprüft wird auch, ob der fruchtbare Oberboden aus dem neuen Gewerbegebiet verwertet werden kann, indem er auf andere Äcker verteilt wird. Mit diesem Bodenmanagement ließen sich 58 000 Ökopunkte erreichen.

Knapp 210 000 Ökopunkte

Das Konto richtig anwachsen lässt aber der Bau der Trockenmauer in Perouse. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehr als 50 000 Euro. Wenn das Landratsamt den gleichen Maßstab wie in einer Nachbargemeinde ansetzt, lassen sich vier Ökopunkte pro Euro Herstellungskosten erreichen – also fast 210 000 Ökopunkte zum Preis von 25 Cent je Ökopunkt.

Der Mensch baut zur Hangabsicherung schon seit Jahrtausenden Trockenmauern. Das Aufschichten von losen Steinen ohne Mörtel ist die älteste Form des Steinbaus. Die ältesten Trockenmauern sind aus der Bronzezeit bekannt. Der Trockenmauerbau ist 2019 in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen worden.

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