Rollstuhlfechten Bronze-Triple im Heimspiel

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Tim Widmaier (rechts): Spannender Viertelfinalkampf gegen Joachim Friess. Foto: Steffen Eigner

Böblingen - „Das ist phantastisch. Wir haben bei einer Deutschen Meisterschaft nie    so viel Publikum. Sonst sind immer nur die Fechter da und ein paar ­Offizielle. Hier haben wir volles Haus“, war Maurice Schmidt begeistert von der Kulisse. Als der 21-Jährige im Säbelfinale gegen Azad Abbasov vom TuS Makkabi Rostock einen wahren Fechtkrimi bot, drängten sich Dutzende Zuschauer im ­Tagungssaal des Hotels Mercure. Sie ­ fieberten mit, klatschten und jubelten, als Schmidt bei einem 12:14-Rückstand das Gefecht noch in einen 15:14-Erfolg umbog und wie im Vorjahr den Titel ­feierte.

Hochspannend war auch der Viertelfinalkampf, mit dem sich Tim Widmaier die Medaille im Degen Klasse B sicherte. Zu Beginn des Gefechts gegen Joachim Friess (Heidelberg) war Widmaier mit drei Treffern in Rückstand geraten und lief diesem hinterher bis zum 8:9-Anschluss. Doch der Ausgleich gelang ihm zunächst nicht.

Mit zwei Kontern zum Ausgleich

Stattdessen zog Friess erneut davon und war beim 14:12 nur noch einen Treffer vom Halbfinale entfernt. „Da wurde mir echt mulmig und der Arm schwer. Ich wusste, dass ich mir keinen Fehler mehr leisten kann“, schilderte Tim Widmaier später seine Emotionen. Doch zweimal konterte er den Heidelberger geschickt aus, ballte beim 14:14 mit einem kräftigen Schrei die Faust – und setzte Sekunden später auch den entscheidenden Treffer zum 15:14.

„Dann mache ich wohl das Bronze­Triple“, ahnte Widmaier da bereits, dass gegen seinen Halbfinal-Kontrahenten Holger Kratzat wenig zu holen sein würde. Tatsächlich setzte sich der Rostocker mit 15:2 Treffern überdeutlich durch. „So kurz nach diesem Viertelfinale war einfach konditionell nicht mehr drin, schon gar nicht gegen Holger. Aber ich bin total ­zufrieden. Realistisch betrachtet habe ich mit dreimal Bronze – im Säbel, Florett und Degen – das Maximum für mich ­erreicht“, analysierte Widmaier, obwohl der 30-Jährige in allen drei Wettbewerben als Titelverteidiger gestartet war.

Die erste Medaille schafft Sicherheit

Schon auf dem Weg zu Säbelbronze hatte er ein ähnliches Kunststück vollbracht und ein eigentlich schon verlorenes Gefecht noch aus dem Feuer gerissen. Vielleicht auch, weil er zu diesem Zeitpunkt Bronze im Florett bereits in der ­Tasche hatte. „Damit war mein Ziel, eine Medaille zu gewinnen, für mich erreicht und der größte Druck dieser Heim-DM abgefallen“, so Widmaier, der die Saison nun abhakt. Alle internationalen Wett­bewerbe bis einschließlich Mai sind wegen des Corona-Virus ohnehin abgesagt. ­„Viel­leicht starte ich noch in Warschau im ­Juni, dann greife ich nächste Saison ­wieder an“, so Widmaier.

Auch die DM in Böblingen bekam Auswirkungen des Corona-Virus zu spüren: Felix Schrader, einer der Titelfavoriten im   Florett, musste seinen Start einen Tag vor den Meisterschaften absagen, weil ­Südtirol zum Risikogebiet erklärt wurde. Dort hatte der Esslinger vor zwei Wochen Urlaub gemacht. Trotzdem: „Die DM hat sich gelohnt. Nicht nur für mich, sondern auch für den Verein, weil viele gekommen sind, die noch nie Rollstuhlfechten gesehen hatten“, fand Tim Widmaier, und das Organisatoren-Trio Uwe Schmidt, Thomas Widmaier und Dimitri Koios pflichtete ihm bei.

Pro Bahn sind zwei Helfer im Einsatz

Gut ein Dutzend Mitglieder der Fechtabteilung waren pro Wettkampftag im Einsatz. Allein an jeder Bahn brauchte es zwei Helfer, um vor jedem Gefecht beide Rollstühle auf dem Haltegestell zu fixieren und den Abstand zwischen den Fechtern korrekt einzustellen oder das Haltegestell für einen Linkshänder komplett auseinander zu bauen und umgekehrt wieder zusammenzusetzen. Denn rollen dürfen die Rollstühle während des ­Kampfes nicht. Nur mit Bewegungen des Rumpfes können die Fechter angreifen oder einer Attacke des Gegners ausweichen, sich dabei mit dem freien Arm an einem Griff oder dem Rad festhalten und ihre Bewegungen beschleunigen. Bei mancher Attacke hebt die Installation einige Zentimeter vom Boden ab, um krachend wieder aufzuschlagen.

Im Degen-Finale der Aktiven verwies Schmidt, den Rostocker Azad Abbasov deutlich in die Schranken. Eine Stunde später stand Schmidt durch einen überdeutlichen 15:2-Finalerfolg gegen Clemens Cursiefen (Kölner FK) auch als erneuter Titelträger der U 23 fest und hatte seine vier Vorjahrestitel somit erfolgreich verteidigt. „Erwartungen erfüllt“, atmete Maurice Schmidt durch und ließ sich gratulieren. Für ihn bedeutet die Absage aller internationalen Wettkämpfe zudem, dass er möglicherweise schon jetzt das Ticket zu den Paralympics in Tokio sicher hat. Nämlich dann, wenn der internationale Rollstuhlfechtverband IWAS entscheidet, den aktuellen Ranglistenstand für die Qualifikation heranzuziehen.

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