Rettungshubschrauber in Leonberg Bleibt Christoph 41 in Leonberg?

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Auch wenn gefeiert wird, die Crew und „Christoph 41“ stehen jederzeit für einen schnellen Einsatz bereit. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Leonberg - Es ist eine Geburtstagsfeier, die beinahe ohne das Geburtstagskind stattfindet. Die ersten Gäste finden sich gerade ein, als es für sie heißt „Achtung!“. Die großen Tore des Hangars, in dem das Fest stattfinden soll, schließen sich. Als Erster steigt der Pilot in die Maschine, die Turbinen röhren auf, die Rotoren beginnen, sich zu drehen. Es folgen Notarzt und Rettungssanitäter, die sich mit Handzeichen mit dem Piloten verständigen. Wer als Letzter einsteigt, kappt die „Nabelschnur“, die Stromversorgung der Maschine. Jetzt zeigen die Turbinen, was in ihnen steckt, und elegant hebt der Hubschrauber an.

Wie geht es am Standort weiter?

Das „Geburtstagskind“ ist nämlich der DRF-Rettungshubschrauber Christoph 41, dessen Teams seit nunmehr 35 Jahren zuverlässig ihren Dienst von der Luftrettungsstation am Leonberger Krankenhaus aus verrichten. Doch so richtig Party-Stimmung will an diesem besonderen Tag nicht aufkommen. Denn über allem schwebt wie ein Damoklesschwert das Gutachten „Struktur- und Bedarfsanalyse der Luftrettung in Baden-Württemberg“ eines Münchner Instituts, das die grün-schwarze Landesregierung in Auftrag gegeben hatte und das im Mai 2020 veröffentlicht wurde.

Die Analyse empfiehlt anhand von Rechenmodellen die Verschiebung und Neuordnung von Rettungshubschrauber-Standorten. Das betrifft auch den Leonberger Standort von Christoph 41. Dieser soll auf eine Achse zwischen Tübingen und Reutlingen verschoben werden, um die Erreichbarkeit der Gebiete im Bereich der südlichen Schwäbischen Alb, in den Landkreisen Sigmaringen und Zollernalbkreis zu verbessern.

Es ist eine politische Entscheidung

So drehen sich die Gespräche am Rande der Feier um dieses Thema und das nicht nur in der Gruppe der Stadträte und mehrerer Kreisräte. Sie haben viele Fragen an Oberarzt Peter Cartes von der Leonberger Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, in seiner Funktion als leitender Hubschrauberarzt.

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Weil das Innenministerium für die Verteilung der Standorte zuständig ist und die DRF Luftrettung sich dafür bewerben muss, machte Cartes deutlich, dass die gesamte Diskussion eine politische sei und auch die Entscheidungen politisch getroffen werden müssen. Er könne nur hervorheben, welche Vorteile der Standort am Leonberger Krankenhaus biete. „Keiner kann den Anästhesisten und Intensivmedizinern eine solch fundierte zusätzliche Fortbildung bieten wie die DRF, und das kommt letztendlich auch allen Leonberger Patienten zugute“, sagt Cartes.

Bodenrettung kämpft oft mit Verkehr

Die Patienten, die der Hubschrauber aufnimmt, gehen in der Regel in die großen Maximalversorger, wie das Katharinenhospital, die Spezialkliniken in Tübingen, das Klinikum Ludwigsburg. „Von der integrierten Leitstelle Böblingen alarmiert, geht es für uns darum, die Patienten schnell in die richtige Klinik zu bringen“, sagt Cartes. Die Leitstelle entscheidet, wer am schnellsten da ist, entweder die bodengestützte Rettung mit Notarzt und Rettungswagen, die oft mit der Verkehrssituation des Ballungsraums zu kämpfen hat, oder der Rettungsflieger.

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„Uns diesen Standort wegzunehmen, ist ein großer Fehler“, sagt Christian Knop, der ärztliche Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Katharinenhospital. Das ist die zentrale Klinik der Maximalversorgung im Traumanetzwerk Stuttgart der Gesellschaft für Unfallchirurgie. Hier werden Polytrauma- und Schwerverletzungen behandelt. Zu dem Professor und seinem Team bringt der Hubschrauber häufig Unfallopfer. „Christoph 41 ist unser Primärversorger, der Ludwigsburger Hubschrauber ist ein stark ausgelasteter Intensiv-Transporter“, erläutert Knop die Unterschiede.

Viel Kritik am Gutachten

Knop ist auch der Sprecher des Traumanetzwerks Stuttgart. „Das Gutachten ist reine Theorie“, sagt er. In der Bedarfsanalyse sei vieles aus der gelebten Wirklichkeit der Rettungsdienste nicht beachtet worden. „Da wurde nur reine Mathematik eingesetzt“, sagt der Leonberger SPD-Kreisrat und Mediziner Günther Wöhler. Für die Versorgung einer Region mit sehr wenigen Notarzteinsätzen werde in Kauf genommen, dass sich die Versorgung eines Ballungsraum mit Millionen Einwohnern, viel Verkehr und hoher Notarzteinsatzzahl verschlechtere.

Die Kritik entzündet sich auch daran, das die in der Bedarfsanalyse vorgegebene 20-Minuten-Frist eine vom Gutachter festgesetzte Maximalzeit sei, die keine gesetzliche Grundlage habe. Im Rettungsdienstgesetz von Baden-Württemberg gibt es derzeit eine Hilfsfrist von möglichst nicht mehr als zehn, höchstens 15 Minuten. Wenn der reguläre bodengebundene Notarzt innerhalb dieser Frist vor Ort ist, gibt es kein vorgeschriebenes Zeitlimit, bis wann der nachbeorderte Hubschrauber den Patienten zum Transport übernehmen soll.

Die Geschichte des Rettungshubschraubers Christoph 41

Historie
Als erster Hubschrauber der DRF Luftrettung stellt „Christoph 41“ seit 1973 die Luftrettung im Großraum Stuttgart sicher. Nach Stationen in Ruit, Böblingen, Esslingen, Marbach, Pattonville und Ludwigsburg fand er am 1. Juni 1986 am Leonberger Kreiskrankenhaus ein festes Zuhause.

Einsätze
Von Sonnenaufgang an (frühestens 7 Uhr) fliegt die Maschine Einsätze in den Kreisen Böblingen, Ludwigsburg, Stuttgart Rems-Murr, Schwäbisch-Hall, Heilbronn, Pforzheim, Calw, Reutlingen und Esslingen sowie bei Bedarf Intensivtransporte im Land. Notfallorte im Umkreis von 70 Kilometern kann sie in 15 Minuten erreichen.

Personal
Die Besatzung besteht aus den DRF-Piloten, zwölf Notärzten aus dem Klinikverbund Südwest und dem Katharinenhospital sowie Notfallsanitätern der DRF. Die Ärzte kommen aus den Bereichen Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin, Innere Medizin und Chirurgie. Die Notfallsanitäter haben eine Zusatzqualifikation, die ihnen erlaubt, die Piloten bei der Navigation und der Luftraumbeobachtung zu unterstützen.

Besonderheiten
„Christoph 41“ deckt das gesamte Spektrum der Notfallmedizin ab. Schwerpunktkliniken sind das Katharinenhospital in Stuttgart (2020 insgesamt 128 Anflüge), die Uniklinik und die Berufsgenossenschaftliche Klinik Tübingen (109) und das Klinikum Ludwigsburg (123).

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