Rettungshubschrauber Ausweg Luftrettung in Eigenregie?

Von Thomas K. Slotwinski
Der Leonberger Rettungshubschrauber ist in der Region Stuttgart permanent im Einsatz. Foto: imago stock&people

Wenn das Land nicht will, dann könnten einige Landkreise und der Klinikverbund einen Flugrettungsbetrieb in eigener Regie organisieren. Diesen Gedanken hatte bereits vor einigen Tagen Axel Röckle, der Fraktionschef der Freien Wähler, im Leonberger Gemeinderat geäußert. Nachdem am Donnerstag der für die Luftrettung zuständige Staatssekretär Wilfried Klenk (CDU) das finale „Aus“ des Rettungshubschraubers Christoph 41 am Leonberger Klinikum verkündet hatte, greift auch der Oberbürgermeister diese Möglichkeit auf.

„Die Entscheidung für die Verlegung des Hubschraubers und damit gegen unsere Region ist inakzeptabel“, erklärt Martin Georg Cohn (SPD). „Ich werde umgehend Gespräche mit Landrat Bernhard und dem Landtagsabgeordneten Scheerer führen, um zu prüfen, ob ein Rettungsflugbetrieb eigenständig über den Klinikverbund organisiert werden kann.“

Landrat reagiert mit Ironie

Nicht nur der Leonberger OB ist sauer. Auch der Landrat aus Böblingen zeigt sich „enttäuscht und frustriert.“ Mache es sich doch der Staatssekretär zu einfach: „Anstatt mit allen Beteiligten zu sprechen , versteckt er sich hinter einem Gutachten.“

Der parteilose Roland Bernhard ärgert sich besonders über die Äußerungen, die Wilfried Klenk vor knapp zwei Wochen im Gespräch mit unserer Zeitung gemacht hatte. Der CDU-Mann hatte die Bedenken am geplanten Abzug des seit 35 Jahren in Leonberg stationierten Hubschraubers unter anderem damit weggewischt, dass die Kritiker, selbst jene vom Technischen Hilfswerk, der Feuerwehr und des Roten Kreuzes, „nicht die Kompetenz“ hätten, die Thematik beurteilen. Klenk hingegen verwies auf seine fast 40-jährige Erfahrung im Rettungswesen.

Der Landrat reagiert darauf mit beißender Ironie: „Ich kann das nicht beurteilen, weil ich klein und unfähig bin.“ Besonders ärgert ihn der indirekte Vorwurf, den Verfechtern für einen Verbleib von Christoph 41 sei die Gesundheit der Menschen im Raum Reutlingen/Tübingen gleichgültig: „Das ist unterste Schublade. Unsere Aufgabe ist, nach unserer Bevölkerung zu schauen.“ Aufgeben will Bernhard aber nicht: „Wir sind nicht schachmatt.“

Auch für Hans Dieter Scheerer ist „die Sache noch nicht erledigt“. Der FDP-Abgeordnete aus Weil der Stadt, der im Landtag den Wahlkreis Leonberg vertritt, vermisst beim Staatssekretär eine „Auseinandersetzung mit unseren Argumenten“. Stattdessen habe Klenk „selbstherrlich“ entschieden. Am Tübinger BG-Krankenhaus, wo Christoph 41 jetzt stationiert werden soll, gebe es bereits einen Helikopter: „Ist es dann nicht so, dass sich die Hubschrauber dort im Weg stehen und eine Stationierung in Leonberg logistisch einfacher und sinnvoller gewesen wäre?“

„Die teuerste, aber nicht die beste Variante“

Ähnlich sieht es Scheerers Parteifreund und Abgeordneten-Kollege aus dem Enzkreis: „Die Verlegung bedeutet das Ende für einen bewährten Luftrettungsstandort und einen schweren Rückschlag für die Notfallversorgung in der gesamten Region“, kritisiert Erik Schweickert. „Diese Variante der grün-schwarzen Landesregierung ist die teuerste von allen, unter dem Gesichtspunkt der Sicherstellung einer guten Patientenversorgung aber definitiv nicht die beste.“ Im Leonberger Gemeinderat gehen Grüne und und CDU auf Distanz zur eigenen Regierung. „Das ist klar eine falsche Entscheidung“, sagt der Grünen-Fraktionschef Bernd Murschel, der selbst 15 Jahre im Landtag war. Das Land hätte die Interessen der Menschen in der Region Stuttgart stärker berücksichtigen müssen. Versorgungsdefizite an der Schwäbischen Alb hätten dort durch einen weiteren Hubschrauber gelöst werden können. „Aber bitteschön nicht hier einen abziehen“, sagt Murschel, der hofft, „dass sich diese Einsicht noch einmal durchsetzt.“

Enttäuschung bei der CDU Leonberg

Offene Kritik am Parteifreund Wilfried Klenk äußert der Leonberger CDU-Chef Oliver Zander: „Wir können nicht nachvollziehen, wie seitens des Innenministeriums und des Herrn Staatssekretär Klenk die Dinge am Grünen Tisch aufgrund eines Gutachtens einfach so entschieden werden.“ Die Enttäuschung bei der CDU Leonberg sei „sehr groß“, gerade weil der Stadtverband Klenk persönlich zu einer Diskussion eingeladen hatte. Dies sei ohne Resonanz geblieben.

Axel Röckle bekräftigt seine Idee eines eigenständig organisierten Flugbetriebs: „Wenn der ,großen Politik’ die vielen Gründe, die für einen Verbleib von Christoph 41 sprechen, nicht wichtig genug sind, so appellieren wir an die Mandatsträger in der Raumschaft, sich über Parteigrenzen hinweg zusammenzutun, und über eine Alternative, gegebenenfalls an eine Luftrettung in eigener Trägerschaft, nachzudenken“, sagt der Fraktionschef der Freien Wähler.

„Bornierte Arroganz“

„Dass ein Rettungshubschrauber an einem der neuralgischsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands sinnvoll platziert ist, das sagt einem eigentlich – sofern vorhanden - der gesunde Menschenverstand“, erklärt der Leonberger SPD-Fraktionschef Ottmar Pfitzenmaier. „Mindestens genauso katastrophal wie die Entscheidung selbst finde ich jedoch die von bornierter Arroganz strotzende Begründung des Staatssekretärs, nur er alleine habe die fachliche Kompetenz. Das ist Politik nach Gutsherrenart.“

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