Rettungsgasse Wichtige Minuten verstreichen

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Auf der A 8 bei Leonberg kracht es am 19. Juli 2016 heftig – die Rettungsgasse funktioniert, die Einsatzkräfte kommen gut zur Unfallstelle. Foto: factum/Granville

Leonberg - So ein moderner Rettungswagen ist etwa 2,20 Meter breit. Eine Rettungsgasse 3 Meter – wenn es hochkommt. „Wir sind schon fast zufrieden, wenn es nur 2,50 Meter sind“, sagt Gerhard Fuchs, seit 2013 Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz im Landkreis Böblingen. Doch ob nun 2,50 oder 3 Meter – selbst bei „freier Fahrt“ ist der Weg der Rettungsleute zu einem Unfall auf der Autobahn kein Spaziergang. „Das Risiko, durch eine Rettungsgasse zu fahren, ist riesig. Am Ende ist man schweißgebadet.“

Oft genug aber kommt es vor, dass nicht einmal dieser Platz da ist. Wenn die Autos im Stau dicht an dicht stehen, ist kein Durchkommen mehr – und für die Verletzten am Unfallort verstreichen wertvolle, vielleicht lebensrettende Minuten. „Wir wollen es nicht nur schwarz malen“, sagt der Geschäftsbereichsleiter beim DRK-Kreisverband, Guido Wenzel. „Aber es ist schon ein Problem.“ Aus diesem Grund wünschen sich die Rettungsleute vor allem von den Bürgern mehr Rücksichtnahme – und vonseiten der Politik Unterstützung.

„Ich fahre die letzten fünf Jahre die A 81 rauf und runter und erlebe das täglich live, was die Rettungsgasse angeht“, erzählt Gerhard Fuchs. „Dass das Thema immer mehr durch die Medien geht, zeigt so langsam, aber sicher Wirkung.“ Doch das Problem besteht weiterhin. Und wenn er an seine Erfahrungen aus den vergangenen Jahren zurückdenkt, muss er sich ein ums andere Mal an den Kopf fassen.

Sind Autofahrer ignorant?

„Wir waren mal unterwegs zum Schönbuchtunnel, einen knappen Kilometer davor stand ein Lkw schräg und hat die Gasse komplett blockiert.“ Guido Wenzel kann so etwas in keiner Weise nachvollziehen. „Gerade Berufsfahrer müssten doch eigentlich wissen, wie schwer es ist, zu den Unfallstellen zu kommen.“

Doch woher kommt die Ignoranz vieler Autofahrer? „Die gegenseitige Rücksichtnahme, das hat schon immer mehr abgenommen“, glaubt Gerhard Fuchs. „Das egoistische Fahren wird immer schlimmer, das geht durch alle Altersklassen.“ Und nicht nur das: „Unsere Leute wurden von anderen Autofahrern sogar schon angegangen, weil sie durch die Rettungsgasse gefahren sind“, berichtet er. Entsprechende Erfahrungen kennt er selbst aus dem normalen Straßenverkehr. Dabei stecke in Sachen Rettungsgasse bei den meisten gar keine böse Absicht dahinter, glaubt Guido Wenzel. „Es ist auch nur menschlich. Wer im Stau steht, dem geht vieles durch den Kopf. Als erstes: Wie komme ich möglichst schnell weiter, nach Hause oder zur Arbeit?“ Ständige Spurenwechsel werden dann schnell zum Problem für die Rettungsleute.

Auf der anderen Seite steht eine große Unwissenheit der Autofahrer. „In der Ausbildung kommt das viel zu kurz“, bedauert Guido Wenzel. Die Inhalte für den theoretischen Unterricht würden immer weiter reduziert. Hinzu kommt der Transitverkehr. Fahrer aus dem Ausland kennen die Vorschriften zum Teil schlicht nicht. „In anderen Ländern gelten andere Regeln“, erklärt Wenzel. Und eine Durchsage im Radio in deutscher Sprache nutze bei diesen Fahrern leider nicht viel.

Blick über den Tellerrand

„Andere Bundesländer haben uns da einiges voraus“, sagt Fuchs. „In Bayern etwa hängen Transparente, die auf die Rettungsgasse hinweisen, so etwas gibt es auch in Österreich und in Italien.“ Österreich sei hier ein Vorreiter gewesen. Gerade im Hinblick auf ausländische Fahrer seien die Plakate auch in englischer Sprache, die Rettungsgasse ist visualisiert.

Ganz unabhängig vom menschlichen Faktor bildet der zunehmende Verkehr ein immer größeres Problem. „Die B 464 ist zum Beispiel komplett überfordert, das spiegelt sich dann auch im Bilden der Rettungsgasse“, sagt Guido Wenzel. Wenn die Straßen dann noch relativ schmal sind und nur wenig Platz zum Ausweichen ist – wie auf der B 464 –, dann ist für die Rettungsleute oft gar kein Durchkommen mehr, weil die Autofahrer erst gar keinen ausreichenden Abstand lassen. „Bei zäh fließendem Verkehr kleben die Autos so sehr aufeinander, die kommen gar nicht mehr weit genug rechts ran“, hat Gerhard Fuchs die Erfahrung gemacht.

Das A und O in den Augen von Guido Wenzel und Gerhard Fuchs ist deshalb ein Umdenken in den Köpfen der Menschen. Initiativen wie der regelmäßige Hinweis auf die Rettungsgasse im Radio unterstützen sie deshalb sehr. Dabei nimmt sich das DRK auch selbst in die Pflicht. „Wir gehen zum Beispiel an die Schulen und bilden Juniorhelfer für den Schulsanitätsdienst aus“, erklärt Fuchs. „So können wir auf die Kinder einwirken, dass sie das gesamte System einmal kennenlernen.“ Von Weil der Stadt bis Weissach ist das DRK mit solchen AGs an fast jeder Schule vertreten. „Wir sind der einzige Kreisverband, der eine Vollzeitstelle bereithält, um mit Kindern und Schulen zusammenzuarbeiten.“

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