Renningen/Asunción Zwischen Kindern, Kultur und Lapachobäumen

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Das Leben in Paraguays Städten ist laut und turbulent – und vermutlich ziemlich aufregend! Foto: AFP

Renningen/Asunción - Nach der Schule fragen sich viele Jugendliche: Was jetzt? Schnell einen Studienplatz ergattern oder lieber eine Ausbildung machen? Meike Hofbauer aus Malmsheim hat sich für einen ganz anderen Weg entschieden. Die 19-Jährige macht zuallererst ein Freiwilliges Soziales Jahr. Allerdings nicht irgendwo, sondern in Paraguay, das in Südamerika genau zwischen Brasilien und Argentinien liegt. Für unsere Zeitung schildert sie ihre Eindrücke aus den ersten Monaten in der für sie ganz neuen Welt.

„Rote Erde, Hitze, Lärm. Sprachengewirr, Händler, die lautstark ihre Waren anpreisen, Musik auf den Straßen, Kolibris, Armut. Ein Strom von Eindrücken, der mich nun seit vier Monaten begleitet. Das Staunen und sich Wundern nimmt kein Ende. Jeden Tag entdecke ich neue Dinge, neue Pflanzen und Tiere, Gewohnheiten der Menschen hier.

Auf die Frage: „Was machst du nach dem Abitur?“ wusste ich schon recht früh eine Antwort: einen Freiwilligendienst in Paraguay, einem kleinen Land im Herzen Südamerikas. In Europa eher unbekannt – ,Liegt das nicht in Afrika?’, fragte mich eine Freundin, – und touristisch so gut wie unerschlossen, zog mich gerade diese Ursprünglichkeit an. Beworben habe ich mich für das Weltwärts-Programm, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen wurde und den Freiwilligendienst finanziell unterstützt. Meine Entsendeorganisation heißt AFS (American Field Service), ein gemeinnütziger Verein, in dessen Vordergrund der interkulturelle Austausch steht.

Spielen, basteln und beim Essen helfen

Seit August lebe ich in einer Gastfamilie in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, und arbeite in der Kindertagesstätte Cynthia Espinoza, in einem der ärmsten Viertel dieser Stadt. Hier werden die Kinder in drei verschiedenen Altersgruppen betreut, erhalten Mahlzeiten und werden medizinisch versorgt. Ich bin gemeinsam mit einer Erzieherin für eine Gruppe von 28 Kindern im Alter von drei bis vier Jahren verantwortlich. Dabei sind meine Aufgaben, mit den Kindern zu spielen und zu basteln, bei der Essensausgabe und beim Essen zu helfen und die Kinder beim Mittagsschlaf zu beaufsichtigen. Diese Aufgaben sind dennoch oft anspruchsvoll, da viele der Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen stammen und oft sehr junge Eltern haben, sodass wir Mitarbeiter im Kindergarten auch einen Großteil der Erziehung übernehmen.

In meiner Freizeit besuche ich einen Spanischkurs und versuche, das Land und die Kultur besser kennenzulernen. Denn um eines geht es bei diesem Freiwilligendienst ganz besonders: den interkulturellen Austausch. Schon auf dem zehntägigen Vorbereitungsseminar meiner Entsendeorganisation in Deutschland wurde angesprochen, dass unsere Arbeit keinesfalls mit der von Entwicklungshelfern gleichzusetzen ist. Es geht vielmehr darum, von und miteinander zu lernen. So tauchen in meinem Alltag nun Fragen auf, wie: ,Trinkt man in Deutschland wirklich warmes Bier?’, ,Aus dem Süden Deutschlands kommst du, also bei Berlin?’ und ,Wo steht eigentlich die Mercedes-Benz-Fabrik?’, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen.

Lernen von den Menschen und der fremden Kultur

Und jeden Tag lerne auch ich ein wenig mehr von den Menschen hier, über das Land, über die ,Spielregeln’ der fremden Kultur – wie beispielsweise das Verständnis von Pünktlichkeit. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch das Lernen der spanischen Sprache sowie einige Worte in der indigenen Sprache Guaraní, die hier zweite offizielle Amtssprache ist. Und obwohl es noch immer schwer ist, sich zurechtzufinden, inmitten von Staub, Müll, Hitze und chaotischem Verkehr, schätze ich immer mehr die Einfachheit des Lebens, im Hier und Jetzt, ohne zu viele Gedanken an das Morgen. Die Offenheit und Neugier der Menschen sorgen sehr schnell dafür, dass ich mich wohlfühle und deren Gelassenheit und Ruhe in vielen Dingen übernehme, wie beispielsweise die Reaktion auf einen der häufigen Stromausfälle oder einen verpassten Bus. Landestypisches ersetzt meine Sehnsucht nach Dingen aus dem deutschen Alltag wie Spätzle, Brezeln, deutsches Brot oder das Gefühl von Sicherheit auf den Straßen. Noch bleiben mir sieben Monate Zeit, um mich fest in das Projekt zu inte­grieren, das Land und Nachbarländer kennenzulernen und mich fallen zu lassen, um mit der neuen Kultur zu schwimmen.“

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