Prozess vor dem Landgericht Wer war der Empfänger des Kokainpakets?

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In dem Paket steckte Kokain im Wert von rund 60 000 Euro. Foto: dpa/David-Wolfgang Ebener

Sindelfingen - Den tatsächlichen Adressaten des Drogenpakets wird die Polizei wohl nicht mehr finden. Derjenige, an den es formal adressiert war, sitzt auf der Anklagebank im Stuttgarter Landgericht, aber – so sagt es ein Zollfahnder – nach seiner Berufserfahrung müsse der Angeklagte ein Strohmann sein, der die Drogen weiterreiche. Nur auf einen unbekannten Dritten, „an den er das Paket weitergeben müsste, haben wir keinen Hinweis gefunden“. Dies ist nicht die einzige Unstimmigkeit in diesem Prozess wegen Kokainschmuggels.

Der Mann auf der Anklagebank ist keineswegs der typische Kandidat für ein Verfahren wegen Drogengeschäften. Geld könnte schwerlich sein Antriebsgrund sein. Er ist Ingenieur, nach eigener Einschätzung einer der bundesweit besten in seinem Spezialfach. Sein Hobby ist eine bemerkenswerte Sammlung rarer Automobile. „In 1000 kalten Wintern nicht“ habe er irgendetwas mit Drogen zu tun. So hatte es seine Freundin bei einem ersten Telefonat mit der Polizei gesagt. Der Beamte wollte sie warnen, sie möge wegen der harschen Sitten in diesem Milieu einige Tage nicht zu Hause übernachten. Das Paar lebt in getrennten Wohnungen.

Der US-Transportriese FedEx meldete das verdächtige Paket

Am 17. Mai hatte ein Mitarbeiter des US-Transportriesen Fedex dem Zoll am Flughafen Köln/Bonn das Paket gemeldet. Die Beamten öffneten es, fanden Autoteile und eine Rolle, vermutlich aus Lastwagenplane. „Die blaue Wurst“, nennt sie der Zollbeamte vor Gericht. Sie war in den Lieferpapieren ebenfalls als Ersatzteil ausgewiesen, sogar mit einer aufgeklebten Teilenummer – einer erfundenen.

In der blauen Wurst verbargen sich etwas mehr als 1,5 Kilogramm Kokain. Das Paket hatte der US-Teilehändler LMC Trucks abgeschickt. Es sollte an eine Abholstation in Sindelfingen geliefert werden. Der Angeklagte holte es dort tatsächlich ab, wenn auch mit Verspätung. Um Zeit zu gewinnen, täuschten die Ermittler vor, dass die Sendung irrtümlich nach Schweden verschickt worden sei. Sie vertauschten die Drogen gegen ein präpariertes Pulver, das unter UV-Licht leuchtet.

Die Fahnder griffen an einer Straßenkreuzung zu

An einer Straßenkreuzung in Stuttgart griffen die Fahnder zu, im strömenden Regen. Der Mann, den sie aus seinem Mercedes heraus verhafteten, war binnen Sekunden durchnässt. Seine Hände leuchteten unter UV-Licht. Nach einer Stunde in der Zelle des Polizeireviers bat er um ein Gespräch. „Er war panisch“, erzählte ein Beamter. Laut Vernehmungsprotokoll sagte er sinngemäß: Er sei nur ein Zahnrad in einer Maschinerie. Seine Freundin sei in Gefahr. Schließlich gehe es nicht um eine goldene Uhr, sondern um Drogen im Wert von 60 000 Euro.

Nach dem Gespräch mit seinem Anwalt wollte der Mann am nächsten Tag davon nichts mehr wissen. Er habe Autoteile bestellt und die blaue Wurst aufgeschnitten, weil sie nicht zur Lieferung gehörte. Ansonsten verweigerte er die Aussage. Dabei bleibt es vor Gericht. Nicht einmal über seine persönlichen Verhältnisse will der Angeklagte Auskunft geben. Sein Verteidiger Andreas Baier versucht, Zweifel zu säen. Fragen scheinen durchaus angebracht. Weder in der Wohnung noch in einem der rund 30 Autos des Angeklagten fanden die Fahnder Spuren von Drogen. An einem hatte ein Spürhund angeschlagen, es war der Wagen des verstorbenen Vaters.

Den Mitarbeiter, der angeblich das Paket versandfertig gemacht hatte, gibt es nicht

Der Mitarbeiter, der angeblich das Paket bei LMC Trucks versandfertig gemacht hatte, arbeitete dort seit Monaten nicht mehr. Zoll- und Lieferpapiere zum Inhalt widersprechen sich. Allein jeder Mitarbeiter von Fedex, argumentiert der Verteidiger, hätte die Drogen in das Paket stecken können, in den USA wie in Deutschland. Die Ermittler waren nach einem Besuch in der Umschlagzentrale zu dem Schluss gekommen, dass dies wegen der Sicherheitsvorkehrungen „nahezu unmöglich ist“.

Nahezu heißt aber nicht ausgeschlossen, meinte Andreas Baier. Im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim, „sollte es auch keine Drogen geben, aber da gibt es jede Menge“, führte er an.

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