Prozess am Landgericht Psychiater stellt fest: Helmut Epple ist zurechnungsfähig

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In der Kneipe versprüht Epple Pfefferspray. Warum? Foto: factum/Simon Granville

Stuttgart - Die Klappstühle knarren im Saal 105 des Stuttgarter Landgerichts. Wer sie beim Aufstehen aufklappt und genau hinschaut, sieht eine kleine, silberne Plakette glänzen. „G. Löffler Theaterbestuhlungen“ steht da. Der Zuffenhausener Unternehmer hat die Möbel hergestellt, viele Jahrzehnte ist das her. Vorne links sitzt Helmut Epple, ihm gegenüber die Staatsanwältin, dazwischen der Psychiater Hermann Ebel.

„Stichwort Geltungsbedürfnis“, sagt die Staatsanwältin und blickt in Richtung des Psychiaters. „Beeinflusst Herrn Epple eine solche Gerichtsverhandlung im positiven oder negativen Sinn?“ Die Staatsanwältin ringt nach Worten, es ist ein ungewöhnlicher Fall. „Oder“, sagt sie dann. „Ich stell’ jetzt die Frage noch einmal anders: Ist das, was hier stattfindet, abschreckend oder ist es sein Podium?“

Seit anderthalb Wochen wird nun schon vor dem Stuttgarter Landgericht über Helmut Epple verhandelt. Erst im August hat er die große Podiums-Bühne der Stadtpolitik in Weil der Stadt gesucht, wo er bei der Bürgermeisterwahl angetreten ist und seinen Namen auf die 15 067 Stimmzettel hat drucken lassen. Zuvor war er schon in Weissach, Renningen und in Rutesheim Kandidat. Weil er selbst Politiker sein will, wird er auch in diesem Text namentlich genannt.

Wer ist Helmut Epple? Das wüssten auch gern die Polizisten im Revier Leonberg, die er auf Trab hält. Einen Einblick gibt der Polizeihauptkommissar, der im Landgerichts-Prozess als Zeuge auftritt. „Ich bin für ihn zuständig“, sagt er. Weil Epple an so vielen Stellen und mit so vielen Anliegen auftaucht, habe man sich entschieden, das in einer Hand zu bündeln. Allein in zwei Jahren musste der Polizeibeamte 70 Meldungen im Zusammenhang mit Helmut Epple bearbeiten.

Gebühren, die er der Polizei schuldet, gehen in die Hunderttausende

Das Polizeipräsidium Ludwigsburg hat schließlich ein Kontaktverbot gegen den Weissacher verhängt. Bis das vor kurzem ausgelaufen ist, durfte er alle Polizeidienststellen nur noch betreten, wenn Leib und Leben in Gefahr waren. Weil er zudem ständig den Polizei-Notruf wählte, wurde ihm auch das untersagt und bei Missbrauch mit Zwangsgeld belegt. „Die Gebühren, die er der Polizei schuldet, gehen mittlerweile in die Hunderttausende“, berichtet der Kommissar. „Seine Lebensbeschäftigung ist es, nach Ordnungswidrigkeiten zu suchen, sobald er das Haus verlässt.“

Klar seien auch Beobachtungen von wirklich illegalen Vorfällen dabei. „Aber das Verhältnis von relevanten und nicht-relevanten Meldungen ist schon extrem“, sagt der Beamte. Wenn er gefragt werde, nenne Epple „Privatier“ als seine Profession.

Vor Gericht steht Helmut Epple wegen mehrerer Vorkommnisse im Jahr 2016. Vorgeworfen werden ihm fünf Fälle von schwerer und vorsätzlicher Körperverletzung, zum Beispiel mit Pfefferspray. Das Amtsgericht Leonberg hatte ihn deswegen zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Am Stuttgarter Landgericht müssen nun die Richterin und ihre beiden Schöffen über die Berufung entscheiden.

Da ist zum Beispiel der 10. Juli 2016, ein Sonntag, der Abend des EM-Endspiel. In der Anklage heißt es, Epple habe einen jungen Mann fotografiert, der auf dem Bahnsteig am Leonberg Bahnhof geradelt ist. Der junge Mann wollte, dass Epple das Foto löscht. Epple fühlte sich daraufhin bedroht, flüchtete in die Bahnhofs-Kneipe und sprühte dort Pfefferspray.

Elf Zeugen sind für den Prozess nach Stuttgart eingeladen, vier davon berichten über den Vorfall am EM-Abend. „Ein junger Mann kam mit dem Rad, hat das Rad hingeschmissen und ist in die Kneipe gerannt“, sagt eine 45-Jährige im Zeugenstand. Davor habe der Mann geschrien: Machen Sie das Foto weg! Epple habe geschrien: Ich hab’ Angst.

„Ich saß an der Bar und wollte gemütlich Fußball schauen“, erzählt eine andere Zeugin. Ein Bier habe sie sich dann bestellt. „Da kam plötzlich Herr Epple rein, hat rumgeschrien und eine Ladung Pfefferspray versprüht.“ Die Frau sagt, man kenne Herrn Epp­le vom Sehen und Hören. „Ihnen war also gleich klar: Aha, das ist Herr Epple“, stellt die Richterin fest. Sie kennt den Satz mittlerweile, denn ähnlich formulieren es alle Zeugen bei dem Prozess. „Jeder kennt Herrn Epple“, sagt ein Mann. „Das ist der, der immer Fotos macht“, sagt ein anderer.

Ist das alles normal?

Klar, bestätigt später auch der Leonberger Polizeihauptkommissar, ist es laut Betriebsordnung der Deutschen Bahn nicht erlaubt, auf dem Bahnsteig Fahrrad zu fahren. Aber ist es deswegen auch normal, dass ein Privatmann das mit einem Beweisfoto ahndet und am Ende mit Pfefferspray Menschen verletzt?

Diese Frage muss Hermann Ebel klären. Der ärztliche Direktor der Psychiatrie des Ludwigsburger Krankenhauses ist für diesen Landgerichts-Prozess mit dem Gutachten beauftragt. „Ich würde gern mehr von Herrn Epple wissen“, schränkt er gleich zu Beginn seines Vortrags ein. Bis auf ein kurzes Gespräch sei es ihm aber nicht möglich gewesen, sich näher mit dem Angeklagten zu beschäftigen. Was Epple antreibt? „Das würde man erst zu sagen wissen, wenn man eine lange Exploration vornähme“, sagt der 66-Jährige.

1975 habe Epple Abitur gemacht, als Jahrgangsbester mit der Note 1,5. „Wir sind ungefähr gleich alt“, sagt Ebel, blickt auf, schaut rüber zu Epple und schmunzelt. „Das war damals schon eine außergewöhnlich gute Note.“ 1988 schloss Helmut Epple dann das Studium der Humanmedizin ab – alles in allem ein unauffälliger Lebenslauf. „Was dann war, weiß ich nicht“, berichtet der Psychiater. „Seine letzten 30 Lebensjahre bleiben im Dunkeln.“

Hat Helmut Epple eine psychische Krankheit?

Bleibt die Frage, ob eine psychische Krankheit Epples Handeln beeinflusst. Hermann Ebel schüttelt mit dem Kopf. Weder eine krankhafte seelische Störung, noch eine Abartigkeit, noch eine Bewusstseinsstörung sei bei ihm zu diagnostizieren. „Er legt bei seinem Handeln einen ungeheuren Eifer an den Tag“, sagt der Psychiater. „Er denkt sich in viele Sachverhalte rein, verfolgt sie bis zum letzten Punkt und nimmt dabei auch Nachteile in Kauf.“ Dabei komme es aber nicht zur Wahnbildungen oder zu Realitätsverlust.

Ebel spricht ruhig und sachlich, mit monotoner Stimme. „Auf meine Frage hin hat er gesagt, dass er das intensive Nachverfolgen von Unrecht auch unterlassen könne“, berichtet der Psychiater aus seinem Gespräch mit dem Angeklagten. Es sei schon so, dass er abwäge und entscheide, wen er anzeige und wen nicht. „Ich finde, das ist eine gute Selbstbeschreibung“, sagt Hermann Ebel. „Er verfügt über Handlungsspielraum, er ist nicht von Krankheit oder Wahn eingeengt.“

Und die Frage der Staatsanwältin? Was bedeutet Epple ein Gerichtssaal? „Eine Gerichtsverhandlung ist ein Podium, eine Möglichkeit, bei dem er seine Auffassungen vertreten und öffentlich machen kann“, sagt der Psychiater. Soll man mitspielen und diese Auffassungen dann auch veröffentlichen – zum Beispiel in diesem Bericht? Eine Frage ist das, die auch unsere Redaktion regelmäßig diskutiert.

Epples Handlungen haben aber handfeste Auswirkungen. Etwa im Bus in Weissach, in dem er am 3. Juli 2016 unterwegs war. „Plötzlich hat er mir das Pfefferspray vor die Augen gehalten und gedrückt“, berichtet ein heute 34 Jahre alter Mann beim Prozess. Fünf Zentimeter vors Auge. „Ich musste dann auf allen vieren aus dem Bus krabbeln.“ Genau kann er sich gar nicht mehr erinnern, er habe nichts mehr gesehen und sei nicht mehr recht bei Bewusstsein gewesen. „Er hat extrem geschrien, es sah schlimm aus“, ergänzt die Polizistin, die zum Tatort gerufen wurde.

Sein Handeln hat handfeste Auswirkungen

Hermann Ebel traut dem Angeklagten zu, das zu reflektieren. „Er hat alle Möglichkeiten, zu sagen: Ich mache aus meinem Leben noch was Sinnvolleres, als in Weissach rumzuhängen und von allen als Petze bezeichnet zu werden.“

Handfeste Auswirkungen ganz anderer Art haben Epples Prozesse indes auf Weil der Stadt. Der neue Bürgermeister Christian Walter darf vorerst nur als Amtsverweser arbeiten und hat kein Stimmrecht im Gemeinderat. Im Hinausgehen, am Ende dieses langen Prozesstages in Stuttgart, erinnert Helmut Epple den Reporter an dieses Verfahren am Verwaltungsgericht. Notfalls werde er die Bürgermeisterwahl vom Bundesverfassungsgericht und von den Gerichtsbarkeiten der EU und UN überprüfen lassen, kündigt er an. Er sucht schon wieder die nächsten Bühnen.

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