Prozess am Amtsgericht Leonberg Sexueller Missbrauch oder Rachefeldzug?

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Ein 59 Jahre alter Mann verdächtigt seine ehemalige Schwiegermutter, seinen Sohn sexuell missbraucht zu haben. Foto: Pixabay

Leonberg - Hat eine heute 70-jährige Frau ihren Enkel über Jahre hinweg sexuell belästigt? Oder ist sie nur Opfer eines perfiden Rachefeldzuges, mit dem ein 59-jähriger Mann seiner Ex-Frau und deren Mutter die Kinder wegnehmen will? Mit dieser Frage musste sich kürzlich das Leonberger Amtsgericht auseinandersetzen.

Angeklagt war ein 59-Jähriger aus Weil der Stadt, der Vorwurf lautete auf falsche Verdächtigung. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, seine ehemalige Schwiegermutter im Juli vergangenen Jahres zu Unrecht wegen sexueller Belästigung ihres Enkels angezeigt zu haben. Tatsächlich habe er mit der Anzeige nur den Plan verfolgt, seiner Ex-Frau die Kinder wegzunehmen und sich bei der drohenden Zwangsversteigerung seines Hauses in eine bessere Position zu bringen, hieß es in der Anklage weiter.

Der Junge war jahrelang Bettnässer

Diesem Vorwurf widersprach der Mann vehement. „Es gab mehrere Anzeichen dafür, dass mein Sohn sexuell missbraucht worden ist“, behauptete der Angeklagte, der sich 2016 im Streit von seiner Frau getrennt hatte. Die Schwiegermutter habe sieben Jahre lang mit dem Jungen auf einer Matratze übernachtet, obwohl sie eine Einliegerwohnung im Haus gehabt habe. Über Jahre sei der Junge Bettnässer gewesen, das habe erst aufgehört, als er wieder allein geschlafen habe.

Zudem habe er gehört, wie seine Ex-Schwiegermutter einmal zu seiner Ex-Frau gesagt habe, der Junge habe immer einen steifen Penis, wenn er aufwache. Als er seinen Sohn einmal gefragt habe, ob ihm seine Oma zu nahe gekommen sei, habe sich dieser weggedreht und keine Antwort gegeben. Er habe dann dem Jugendamt seinen Verdacht mitteilen wollen. Dort habe er nur die Auskunft erhalten, er solle sich genau überlegen, ob es in seinem Interesse sei, dass der Junge von der Polizei vernommen werde.

Ein Rachefeldzug des Schwiegersohns?

Die 70-jährige Ex-Schwiegermutter wies die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs ihres Enkels brüsk zurück. „Diese Aussagen sind alles Teil eines Rachefeldzuges, der sich bis heute hinzieht“, sagte sie. Der Angeklagte wolle ihre Tochter einfach nur schlecht machen, damit ihr die Kinder weggenommen würden. Es sei richtig, dass sie fast sieben Jahre lang mit ihrem Enkel auf einer Matratze geschlafen habe. Dies sei jedoch der Wunsch des Jungen gewesen. „Als ich ihn ins Bett gebracht hatte, ist er immer wieder aufgestanden und hat im ganzen Haus nach mir gesucht, weil er nicht einschlafen konnte“, berichtete die 70-Jährige.

Sie habe ihn ins Bett gebracht, da die Mutter mit der Tochter beschäftigt gewesen sei und der Vater lieber vor dem Fernseher gesessen hätte. Es stimme, dass sich der Junge ab und zu eingenässt hätte, das komme bei Kindern vor. Von einem steifen Penis beim Aufwachen habe sie jedoch nie etwas gesagt. „Das war eine Lüge meines Ex-Schwiegersohns“, sagte die 70-Jährige, die bis heute mit ihrer Tochter und den beiden Enkeln zusammen in einem Haus lebt.

Polizei sieht keine Anzeigen für Missbrauch

Auch eine Beamtin des Polizeipostens Weil der Stadt konnte den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs nicht erhärten. „Ich kenne die Geschichte der Familie seit fünf Jahren“, erzählte sie. Nach der Trennung habe die Frau mehrere Anzeigen wegen Stalking und Bedrohung gegen ihren Ex-Mann erstattet. Schon 2016 sei der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden. Es habe aber keinerlei äußere Anzeichen gegeben, außer dass die Großmutter bei ihrem Enkel übernachtet habe.

Der Amtsrichter Thomas Krüger machte daraufhin deutlich, dass auch er den inzwischen 14-Jährigen vernehmen müsse, um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen. „Auch ich würde das dem Jungen gerne ersparen“, sagte Krüger. Auf seinen Vorschlag hin wurde das Verfahren gegen die Zahlung von 3000 Euro zugunsten der Lebenshilfe Leonberg eingestellt.

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