Projekt an der JVA Heimsheim Umgehen mit Werkzeug – und miteinander

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Der Betriebsstart kann Corona-bedingt nicht groß gefeiert werden. Daher begehen Pascal Kemmler, Mitglied der Anstaltsleitung, Christian Arth, Mitarbeiter im Betrieb „BOB“, und Lars Klapper (von links), Leiter des VAW, die Eröffnung im kleinen Kreis. Foto: privat

Heimsheim - Im modernen Strafvollzug geht es nicht darum, die Gefangenen einfach nur zu verwahren, bis ihre Strafe abgesessen ist. Sie sollen nach Möglichkeit so behandelt werden, dass sie nach ihrer Entlassung nicht mehr rückfällig werden. Ein fester Arbeitsplatz in Freiheit ist dafür die beste Voraussetzung.

Doch immer mehr Gefangene bringen dafür nicht mehr das nötige Rüstzeug mit und lassen sich nur schwer in den Arbeitsmarkt integrieren, mussten die Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt in Heimsheim erfahren. Ein ganz neues Projekt, das landesweit einmalig ist, soll den Gefangenen ganz neue Chancen bieten.

Einige Gefangene sind leistungseingeschränkt, haben mit psychischen Problemen oder mit Sprachbarrieren zu kämpfen, manche haben keine Erfahrungen mit einem normalen Arbeitsalltag, erklärt der Anstaltsleiter Frank Jansen. Im neuen beruflichen Orientierungsbetrieb der JVA erlangen diese Häftlinge in einem rund zwei monatigen Lehrgang die erforderlichen Grundkenntnisse der modernen Arbeitswelt. Das geschieht durch ein breites Programm an Angeboten, etwa durch Vorträge, Unterricht, multimediale Begleitung und praktische Übungen.

„Die Idee entstand im Zuge einer Diskussion, wie wir den Veränderungen im Justizvollzug mit einem neuen Konzept begegnen können“, erklärt Lars Klapper, der Initiator des Konzepts und Geschäftsführer des Vollzuglichen Arbeitswesens (VAW) in Heimsheim. „Ein bloßer Einsatz in unseren gängigen Arbeitsbetrieben greift hier zu kurz. Die von uns in den Fokus genommenen Gefangenen gehen in der Masse unter, können den Anforderungen nicht standhalten und gewinnen auf diesem Wege kein positives Verhältnis zur Arbeit.“

Beitrag zur Resozialisierung

Auf der einen Seite sollen mit der Fortbildung die Arbeitsbetriebe entlastet werden. „Im besten Fall ist der Gefangene nach Durchlaufen der Beruflichen Orientierung deutlich besser auf die Arbeitsbetriebe vorbereitet, als er es zuvor war.“ Zudem werde damit ein wichtiger Beitrag zur Resozialisierung geleistet.

Im kleinen Kreis reifte zunächst die Idee, einen neuen Betrieb „Berufliche Orientierung“ einzurichten, berichtet Lars Klapper, um handwerkliche, aber auch soziale Grundkompetenzen zu erlernen. Sprich: Der Gefangene sollte erfahren, „wie ein Hammer und ein Bohrer genutzt wird, aber auch, warum Arbeit wichtig ist und wie wir uns im Alltag begegnen.

Durchaus sollte es also auch um soziale Themen wie das Miteinander und den Umgang gehen. Um auch den Sprachbarrieren zu begegnen, sollte eine externe Lehrkraft einbezogen werden. Darauf aufbauend entwickelten die Mitarbeiter der JVA gemeinsam mit der Anstaltsleitung das neue Konzept.

„Das Geld ist gut investiert“

Finanziert wird es in erster Linie über den Haushalt der Vollzugsanstalt, also über Landesmittel. Eine spezielle Förderung gibt es nicht. „Das Geld ist jedoch sehr gut investiert“, glaubt Frank Jansen. „Die Allgemeinheit darf nicht vergessen, dass fast alle Gefangenen wieder entlassen werden.“ An deren Behandlung zu sparen, biete niemandem einen Vorteil. Nach seiner Kenntnis ist das Projekt in dieser Form landesweit einmalig und soll nach Möglichkeit ein dauerhaftes Angebot für die Gefangenen werden. Vorgesehen ist, dass immer zehn bis 15 Gefangene einen Kurs besuchen, die Kursdauer beträgt zwei Monate.

Das Konzept wurde bereits umgesetzt, steckt aber teilweise noch in den Kinderschuhen, sagt Lars Klapper. „Gerade im Hinblick auf den begleitenden Deutschunterricht handelt es sich um eine große Herausforderung“, da die Teilnehmer sehr unterschiedliche Bildungsstände mitbringen würden.

Die ersten Erfahrungen sind aber durchaus positiv: „Innerhalb des Betriebes entdecken wir mitunter auch das Helfer-Gen bei den Gefangenen. Sie helfen sich untereinander und versuchen, einzelne handwerkliche Herausforderungen gemeinsam zu lösen“, erzählt der VAW-Chef.

Auch individuelle Neigungen stellen sich zunehmend heraus. „Der eine Gefangene arbeitet geduldig und akribisch mit Kleinwerkzeug an Holzprodukten. Den anderen zieht es zu den Kleinmaschinen.“ Darüber hinaus benötigten viele Gefangenen aber auch immer wieder das persönliche Gespräch. „Sie berichten über ihr Leben, ihre Erfahrungen, ihre Gedanken und Ziele.“ Auch das ist ein positives Signal.

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