Osterbrauch „Mir ratschen, mir ratschen die heilige Osterzeit!“

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Leonberg/Grabatz - Ostern 1966. Endlich war ich in der vierten Klasse und gehörte zu den „Ratscherbuben“. Das ist im Leben eines katholischen banatschwäbischen Jungen ein wichtiger Lebensabschnitt gewesen – einer der ersten Schritte auf dem Weg vom Kind zum Jugendlichen und der Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft.

Das war bedeutender und schöner als nur Ministrant zu sein. Vor allem nachdem uns der Papst die Messe in Latein genommen hatte. Von der verstanden wir so gut wie kein Wort, aber die klang so schön. Natürlich wussten wir nicht, dass das auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) im Dezember 1963 beschlossen wurde. Allerdings rebellierten selbst die alten Bäuerinnen, die damals treuesten Kirchengängerinnen, als der Pfarrer zum ersten Mal deutsch predigte.

Während der Messe fallen die Augen zu

Das „Pater noster, qui es in caelis“ und das „Dominus vobiscum“ fehlten uns. Vor allem das Letzte, denn jedes Mal als die Worte fielen, wurde die Ministratenschar unruhig und kicherte. Jeder kannte den Schwank von einem Bauern aus unserem Dorf, der Dominik hieß. Als in ganz Österreich-Ungarn bekannte Züchter von Simmentaler Rinder, kauften die Bauern oft Zuchtstiere in Österreich und der Schweiz, so auch Dominik. Sonntags kamen er und seine Begleiter in Wien an und gingen in eine Messe. Müde von der Reise fielen ihm die Augen zu. Und als der Pfarrer lautstark ausrief „Dominus vobiscum“ (Der Herr sei mit Euch), schreckte Dominik hoch und rief laut in die Runde: „Aus Grawatz, um Stiere zu kaufen!“ Er hatte gehört: „Dominik, woher bist kumm (gekommen)?“

Am Gründonnerstag, läuteten die Glocken der Dorfkirche zum letzten Mal, um dann für zwei Tage, bis zum Karsamstag, zu verstummen – sie waren weggeflogen. Am Gründonnerstag traten dann die „Ratscherbuben“ auf den Plan, um die Glocken zu ersetzen. Im Vorfeld wurden uns Zehnjährigen bis dahin sehnlichst erwartete Privilegien eingeräumt. Zum ersten Mal durfte man allein auf die Kirchenempore, wo die Orgel stand, und der Mesnerin helfen, den Blasebalg zu treten. Hier begleitete der Chor der „Singmädchen“ zu den Orgelklängen der Haushälterin des Pfarrers die Messe. Reiche katholische Bauern im Banat sangen in der Messe nicht selbst die Kirchenlieder – sie ließen sie singen.

Glockenläuten ist Schwerstarbeit

Noch schöner war das Glockenläuten. Die Mesnerin tat so, als ob sie uns einen großen Gefallen einräumte, war aber froh, die Schwerstarbeit nicht selbst machen zu müssen. Damals gab es keinen Elektromotor, der das übernahm. Besonders die große Glocke hatte es in sich. Zu dritt mussten wir sie in Schwung bringen, bevor sie einer allein läuten konnte.

Aber das Beste war, sie zum Stillstand zu bringen. Dazu hatten wir einen Trick. Wenn die baumelnde Glocke ihren höchsten Punkt erreicht hatte, hing das Zugseil ganz tief. Dann hieß es, zusätzlich in die Höhe springen und das Seil fest umklammern. Mit all ihrer Last hob einen die schwingende Glocke mehrere Meter hoch. Nur nicht loslassen! Nach mehreren Schwingungen und Luftsprüngen für uns, stand das Ungetüm still – geschafft.

Nach einem Gebet am Marienaltar, denn unsere Kirche war „Maria von der immer wehrenden Hilfe“ gewidmet, versammelten sich zum ersten Mal alle „Ratscherbuben“ morgens um sechs vor der Kirche. Von da an war der Ratschertrupp jeder Straße auf sich selbst gestellt.

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