Orkan „Wiebke“ war seine erste Herausforderung Renningens Förster geht nach mehr als 30 Jahren

Von Kathrin Klette
Rolf Maier hat zu „seinem“ Wald eine besondere Bindung aufgebaut. Foto: Jürgen Bach

Man könnte von einer echten Feuertaufe sprechen: Als Rolf Maier 1990 seinen Dienst als Revierförster in Renningen antritt, ist kurz zuvor der Orkan „Wiebke“ über das Land hinweggefegt und hat in den Wäldern verheerende Schäden angerichtet. „Das war eine echte Herausforderung“, erinnert sich der 63-Jährige. Vor einigen Wochen ist er in den Ruhestand gegangen und kann „seine“ Wälder jetzt mit anderen Augen betrachten – auch wenn das gar nicht so leicht fällt.

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Rolf Maier ist ein echter Ur-Malmsheimer. Dennoch dauert es viele Jahre, bis er nach Studium und Beruf seinen Weg hierher zurückfindet – und auch das ist eher einem glücklichen Zufall zu verdanken. „Nach meinem Abi 1978 bin ich erst zur Bundeswehr und habe da schon festgestellt, dass mir das Arbeiten im Freien mehr liegt als der Schreibtisch“, erzählt er.

Sein Werdegang sei also eine reine Vernunftentscheidung gewesen, „das wurde mir also nicht in die Wiege gelegt“. Auf der Suche nach einer Arbeit in der Natur, die trotzdem Aufstiegschancen bietet, begann er sein Studium der Forstwirtschaft in Rottenburg.

Sechs Jahre verbringt er im Forstamt Leonberg

Nach einer kurzen Zeit auf der Schwäbischen Alb begann er 1984 als Büroleiter im Forstamt Leonberg. „Das war noch ein Überbleibsel von der alten Struktur vor der Gemeindereform.“

Erst 1990 zog auch das Forstamt mit nach Böblingen. Für Maier entstand damit die, als Beamter nicht immer gegebene, Möglichkeit für einen Wechsel. Wie es der Zufall so wollte, ging zur selben Zeit der damalige Revierleiter von Renningen in den Ruhestand. „So bekam ich die Gelegenheit, mich dort zu bewerben.“

Orkan vernichtet den Holzeinschlag von zehn Jahren

Einerseits habe er den Renninger Wald in seiner Jugendzeit schon kennen- und lieben gelernt und wollte somit gerne dorthin zurückkehren. „Gleichzeitig habe ich es aber auch als eine regionale Verpflichtung empfunden, dem Wald wieder auf die Beine zu helfen.“

Denn nur wenige Tage zuvor hatte der Orkan Wiebke in der Region gewütet. „Die Schäden waren gravierend. Wir hatten allein im Renninger Stadtwald mehr als 40 000 Festmeter Schadholz.“ Zum Vergleich: Für gewöhnlich wurden pro Jahr in der Waldwirtschaft nicht ganz 4000 Festmeter Holz geschlagen. „Das war also die Einschlagsmenge von zehn bis zwölf Jahren.“

Vor allem Fichten gehen unter „Wiebke“ in die Knie

Am schlimmsten hatte es die Fichtenbestände getroffen. Fichten bringen gutes Bauholz und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg daher großflächig gepflanzt. Allerdings sind sie als Flachwurzler anfälliger für Umwelteinflüsse wie Stürme. „Die hat es mitsamt der Wurzel ausgerissen, die Bäume lagen kreuz und quer“, erinnert sich Rolf Maier. „Zum Teil lagen sie wie bei einem Mikado-Spiel zehn Meter hoch übereinandergestapelt.“ Die Aufräumarbeiten waren daher nicht ungefährlich, „das war eine sehr fordernde Zeit“. Bis heute sei er glücklich und dankbar, dass es während der Aufarbeitung – und auch danach – unter seiner Leitung niemals zu gefährlichen oder gar tödlichen Unfällen im Wald gekommen sei.

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Nach „Wiebke“ lag das Spannende seiner Arbeit vor allem darin, wie sich das allgemeine Bild des Waldes immer mehr wandelte. In vielen Kommunen fand nach dem großen Sturm ein Umdenken statt, sie wollten weg von einem reinen Wirtschaftswald mit vielen Nadelbäumen hin zu einem naturnahen, ökologisch wertvollen Wald mit vielen Laubbäumen. Solche eine Umwandlung würde im Normalfall mindestens 100 Jahre dauern, so Maier. Dank „Wiebke“ und später „Lothar“ sei dieser Wandel in gerade mal 30 Jahren möglich gewesen. „Früher hatten wir 70 Prozent Nadelwald und 30 Prozent Laubwald, heute ist es genau umgekehrt.“ Und auch bei den Nadelbäumen setze man nun mehr auf Tiefwurzler wie die Douglasie, die wie die Eiche nach bisherigen Erfahrungen auch dem Klimawandel besser standhalten kann.

Renningen ist drangeblieben

Viele Kommunen hätten zwischenzeitlich wieder einen Rückzieher gemacht und die Veränderungen nicht durchgehalten – zu groß war für viele der Aufwand, zu gering der verbleibende Ertrag. Renningen konnte und wollte es sich leisten, dranzubleiben, was den ehemaligen Revierförster sehr freut. Nicht nur im Hinblick auf den Klimawandel, der nicht nur Renningen vor große Herausforderungen stellt, habe sich das als eine gute Entscheidung erwiesen.

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Inzwischen hat Rolf Maier eine enge Bindung zu „seinem“ Wald aufgebaut. „Man leidet mit, wenn es zu lange nicht regnet, und freut sich, wenn es besser wird. Ich denke, das ist bei jedem Förster so, der diese Tätigkeit nicht ausschließlich als Beruf sieht“, sagt er. Noch heute, wenn er einen Spaziergang durch den Wald macht, erwischt er sich dabei, wie er einen Ast wegräumt oder sich Gedanken macht, was alles passt und was nicht. „Ich hoffe, dass ich diesen Wechsel hinbekomme und nicht mehr die Arbeit sehe, sondern die schönen Dinge – und es mehr genießen kann. Aber ich denke, das braucht einfach nur etwas Zeit.“

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