Neues Album von Kiefer Sutherland „Auf der Bühne bin ich ehrlicher als in jedem Interview“

Von Björn Springorum
Kiefer Sutherland bei einem Konzert im Stuttgarter Wizemann 2020 Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Er hat Jack Bauer in „24“ oder David Powers in „The lost Boys“ gespielt. Kiefer Sutherlands wahres Herz schlägt jedoch seit Jahren für die Musik. Sein drittes Album „Bloor Street“ verneigt sich vor dem großen Tom Petty.

Ihr neues Album „Bloor Street“ haben Sie nach der gleichnamigen Straße in Toronto getauft, wo Sie als Kind und Teenager lebten. Für die Dreharbeiten zu Ihrer Serie „Designated Survivor“ kehrten Sie nach Toronto zurück. Nostalgie pur?

Es fühlte sich seltsam fremd und vertraut zugleich an. Ich kannte die Stadt, und ich kannte sie nicht. Eines Tages spazierte ich die Bloor Street herunter – und wurde dabei augenblicklich zu diesem Song inspiriert. Es war ein spannendes Gefühl, irgendwie . . . bittersüß.

Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit in Toronto?

Ich kam mit drei Jahren aus England nach Los Angeles und dann mit sieben Jahren nach Toronto. England liegt für mich im Nebel verborgen, die meisten meiner Erinnerungen spielen in Toronto. Wir gingen morgens um acht aus dem Haus und konnten tun und lassen, was wir wollten. Solange wir um sechs Uhr abends pünktlich zum Abendessen wieder daheim waren, gab es keine Fragen. Ich nahm also die U-Bahn von der East Side, fuhr in die Stadt, erforschte sie, hing in der Mall ab, lernte jede Ecke kennen. Meine Kindheit verbinde ich mit einem gewaltigen Gefühl der Freiheit.

Sie sind schon lange als Schauspieler und Musiker aktiv. Was trat zuerst in Ihr Leben?

Mit zehn bekam ich meine erste Theaterrolle. Damals spielte ich bereits Geige, was wahrscheinlich ausschlaggebend war, dass ich die Rolle bekam: Zu Beginn des zweiten Aktes gab es ein Geigenstück (lacht). Mit der Gitarre fing ich erst einige Jahre später an, und auch das Schauspielern verfolgte ich anfangs nur hobbymäßig. Schon damals gefiel mir daran, in einer Gruppe gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. In einer Band ist das grundsätzlich dasselbe: Auch da erzählen wir Geschichten, nur eben in Songform. Vor allem im Country funktioniert dieses narrative Erzählen sehr gut.

Ihre Eltern, Donald Sutherland und Shirley Douglas, sind und waren sehr erfolgreiche Schauspieler. Wie reagierten sie auf die musischen Ambitionen ihres Sohnes?

Keine Ahnung, ich habe sie nie gefragt (lacht). Ich ging mit 15 Jahren von zu Hause weg, schmiss die Schule und versuchte es mit der Schauspielerei. Ich gehe davon aus, dass sie beide sehr beunruhigt waren. Natürlich spürten sie meine Ambitionen, aber sie wussten besser als die meisten, wie schlecht die Aussichten auf Erfolg in dieser Branche waren. Es ging dann zwar alles gut bei mir, aber das war ja nicht unbedingt zu erwarten. Und jetzt bin ich in derselben Lage wie sie: Meine Tochter ist ebenfalls Schauspielerin, und ich war ebenso besorgt um sie wie meine Eltern. Zum Glück hat auch sie es geschafft.

Ihr Vater Donald Sutherland ist seit fast 60 Jahren im Filmgeschäft. Was war seine wichtigste Lektion?

Mein Vater hatte immer ein Credo, das über allem stand: Sei bei allem, was du tust und spielst, so ehrlich, wie du kannst. Ich habe mich nicht immer daran gehalten, war auch mal manipulativ und habe den Preis dafür gezahlt. Irgendwann kam ich dahinter, dass das der beste Rat war, den ich mir hätte wünschen können.

„Bloor Street“ hört man Ihre tiefe Bewunderung für Country und Americana an. Was mögen Sie daran?

Ich liebe Rock ’n’ Roll ebenso sehr, doch in keiner anderen Musik gibt es ein derart starkes Narrativ wie beim Country. Wenn ich mir „A Boy named Sue“ von Johnny Cash anhöre, gibt es keine Missverständnisse über den Inhalt. Wenn ich mir aber „Black Dog“ von Led Zeppelin anhöre, kann ich ungleich mehr hineininterpretieren. Ich liebe beides, aber ich liebe es einfach, Geschichten zu erzählen. Man mag sich über die Redundanz von Country-Lyrics lustig machen, aber sie erzählen Geschichten aus dem Leben, in denen sich jeder wiederfindet. Es geht nicht um weltverändernde Dinge, es geht um den Alltag. Ehrlicher wird es nicht. Manchmal braucht es nur einen dreiminütigen Song, um jemanden kennenzulernen.

Stärker noch als der Country scheint auf „Bloor Street“ der Geist Tom Pettys umherzugehen . . .

Das ist ein großes Lob. Tom Petty ist mein absoluter Lieblingsmusiker und -songwriter. Erst kürzlich unterhielt ich mich mit einem Freund über ihn und merkte gar nicht, dass ich die ganze Zeit im Präsens von ihm sprach. Ich kann offensichtlich einfach nicht akzeptieren, dass er nicht mehr da ist.

Als Schauspieler schlüpft man in eine Rolle. Als Musiker soll man hingegen so echt wie möglich sein. Mussten Sie das lernen?

Von Grund auf. Ich hätte gedacht, die 35 Jahre vor der Kamera hätten mich auf das Musikerdasein vorbereitet, aber das Gegenteil war der Fall. Ich musste mich daran gewöhnen, dass ich mich nicht hinter einer Rolle verstecken konnte. Auf der Bühne bin ich ehrlicher als in jedem Interview.

Kiefer Sutherland in drei Rollen

Zur Person Kiefer Sutherland wurde am 21. Dezember 1966 in London geboren. Seinen Durchbruch hatte er im Horror-Klassiker „The lost Boys“ von 1987 als Vampir David Powers.

Serienstar 2001 wechselte er ins Serienfach und spielte neun Staffeln lang den Ermittler Jack Bauer im Hit „24“. Die Serie wird weithin als Wendepunkt im Seriengenre hin zu mehr Qualität und Vorläufer der modernen Serie gehandelt.

Musik In den letzten Jahren konzentrierte sich Sutherland vermehrt auf seine Musik. Für die Serie „Designated Survivor“ machte er dennoch eine Ausnahme – als er in der Rolle des Tom Kirkman nach einem Anschlag wider Willen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wird.

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