Netflix-Erfolgsserie Squid Game: 5 Gründe für den Serienhype

Von Gunther Reinhardt
Park Hae-soo, Lee Jung-jae und Jung Hoyeon (von links) spielen in „Squid Game“ um ihr Leben. Foto: Netflix/Youngkyu Park

Stuttgart - Wenn Amazon-Boss Jeff Bezos von Netflix schwärmt, das Telefon einer ahnungslosen Ladenbesitzerin nicht mehr stilltsteht, alle wie wild googeln, wie viel Euro 45,6 Milliarden südkoreanische Won wert sind, Tiktok und die Netflix-Aktie verrückt spielen und Internetprovider den Streamingdienst verklagen, weil er neuerdings viel zu viel Datenverkehr verursacht, kann da nur „Squid Game“ dahinterstecken.

Die koreanische Serie, die seit 17. September bei Netflix verfügbar ist, hat sich innerhalb weniger Tage vom Geheimtipp zum Internethype verwandelt. Und während Sie diese Zeilen lesen, dürfte „Squid Game“ gerade „Bridgerton“ als die erfolgreichste Netflix-Serie aller Zeiten überholt haben.

Doch so sehr alle – auch Netflix und der Serienerfinder Hwang Dong-hyuk selbst – vom internationalen Sensationserfolg überrascht wurden, lassen sich doch fünf gute Gründe finden, warum es eigentlich gar kein Wunder ist, dass die Serie überall auf der Welt Fans und Kritiker begeistert.

1 „Squid Game“ ist ein atemberaubend dicht inszenierter Thriller. 254 Menschen, deren einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie hochverschuldet sind, erklären sich in ihrer Verzweiflung bereit, bei einer geheimen Kinderspiel-Tournee mitzumachen, bei der es um Leben und Tod, aber eben auch 45,6 Milliarden Won geht (falls Sie nicht schon selbst gegoogelt haben – das sind rund 33 Millionen Euro). Etwas Spannenderes als „Squid Game“ gab es im Kino und im Fernsehen lange nicht mehr zu sehen – wie zum Beispiel am Ende der zweiten Episode die Story einen unerwarteten fiesen Dreh verpasst bekommt, ist grandios. Für Menschen mit schwachen Nerven ist die Serie nichts – auch weil „Squid Game“ nicht vor expliziten Gewaltexzessen zurückschreckt, die in südkoreanischen Thrillern Genrestandard sind.

2 „Squid Game“ ist eine großartige Spieleshow. Den Serientitel hat sich Hwang Dong-hyuk bei einem koreanischen Kinderspiel geborgt. Das „Squid Game“ (Tintenfischspiel) ist eine etwas zupackendere ­Version dessen, was wir als „Himmel und Hölle“ kennen. Und auch sonst ist die Serie letztlich eine ins Groteske übersteigerte, brutal verzerrte Variante all jener Spieleshows, die seit Jahrzehnten als Einschaltquotenhits funktionieren und unsere kollektive Zuschauererfahrung prägen. Die tödlichen Spiele in dem Neunteiler sind eine Art Best-of aus dem Eurovisions-Klassiker „Spiel ohne Grenzen“, bei dem seit den 1960ern in europäischen Arenen Teams aus verschieden Ländern bei ziemlich albernen Spielen gegeneinander antraten, aus „Ninja Warrior“, aus „Takeshi’s Castle“ und aus Survival-Shows wie „Naked & Afraid“.

3 „Squid Game“ ist ein ästhetisches Meisterwerk. Die Serie ist perfekt durchgestylt. Die grünen Trainingsanzüge der Spieler, die roten Hoodies der Wächter und die mit geometrischen Figuren verzierten Masken dürften bald schon das Standardoutfit modebewusster Serienhipster sein. Die Schauplätze sind grandios in Szene gesetzt. Das grellbunte Treppenhaus zum Beispiel, das zu den Spielfeldern führt, sieht so aus, als ob M. C. Escher und ein paar Farbeimer in Hogwarts gewütet hätten. Hinter dem Survival-Thriller verbirgt sich ganz große Filmkunst, jede Einstellung ist ein kleines Kunstwerk voller versteckter Bedeutungen. Cineasten dürfen sich über zahlreiche Anspielungen zum Beispiel auf Stanleys Kubricks „2001 – Odyssee im Weltall“ freuen – nicht nur in Form eines Johann-Strauss-Walzers.

4 „Squid Game“ ist eine psychologische Versuchsanordnung. Die Serie gleicht einem Psychotest, erinnert an das berühmte Milgram-Experiment, in dem es darum ging, was Menschen tun, wenn ihnen die Verantwortung für ihr Handeln abgenommen wird, aber auch an Oliver Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“, bei dem Versuchsteilnehmer in Wärter und Gefangene unterteilt werden. Die Fragen, die man sich auch als Zuschauer in „Squid Game“ ständig stellt, lauten: Wie weit würde ich gehen, wie schnell würde ich alle Regeln der Zivilisation vergessen, wenn es ums eigene Überleben geht?

5 „Squid Game“ ist eine böse Parabel auf den Kapitalismus. Eine goldgelb leuchtende gläserne Kugel, in die im Verlauf des Spiels mehr und mehr Geldscheine flattern, hängt stets über den Köpfen der verzweifelten Menschen, die um ihr Leben spielen. Es ist der Tanz ums Goldene Kalb – und ein Sinnbild für die falschen Versprechungen, die der Kapitalismus all jenen macht, die kein Geld haben. Denn selbst diejenigen, die sich rücksichtslos den Gesetzen des Marktes anpassen, werden am Ende zu den Verlieren zählen: Denn diejenigen, die das Spiel spielen, werden nie zu den Gewinnern gehören, sondern nur diejenigen, die spielen lassen.

„Squid Game“: Wer steckt dahinter, und wie geht es weiter?

Macher
 Der Südkoreaner Dong-hyuk Hwang (50) hat sich die Serie vor zwölf Jahren ausgedacht. Er ist Drehbuchautor und Regisseur aller neun Episoden. Seit Mitte September ist „Squid Game“ bei Netflix verfügbar.

Fortsetzung
Netflix hat eine Staffel zwei offiziell zwar noch nicht in Auftrag gegeben, und Dong-hyuk Hwang sagt, dass er eine Fortsetzung nicht erneut im Alleingang stemmen kann und will, eine zweite Staffel wird es trotzdem geben.

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