Nach „Z“-Graffitis in Rutesheim-Perouse Das Dorf setzt ein Zeichen gegen Hass

Von Sophia Herzog
Perouse: eine leuchtende Menschenkette als Zeichen der Solidarität mit Geflüchteten aus der Ukraine Foto: Simon Granville

Fassungslosigkeit, Betroffenheit – Worte wie diese fallen in Perouse gerade häufig, wenn es um die beiden Vorfälle geht, bei denen jüngst Autos mit ukrainischen Kennzeichen demoliert und beschmiert wurden. „Das war auf einmal ganz präsent“, berichtet die Perouserin Nina Arnold. Sie hat engen Kontakt zu einer der beiden ukrainischen Familien, hatte diese im vergangenen März vorübergehend aufgenommen – und am vergangenen Mittwoch eine Solidaritätsversammlung auf dem Henri-Arnaud-Platz organisiert. Um ein Zeichen zu setzen. „Oder sogar zwei“, sagt sie.

Zum einen für die betroffenen ukrainischen Frauen, die mit ihren Kindern in Perouse leben. „Um zu zeigen, hier sind viele Leute, die für euch da sind, die schauen, die aufstehen.“ Und zum anderen als Signal an den oder die Täter. „Es ist leicht, in einem demokratischen Land Russland-Parolen rauszuhauen“, kritisiert Arnold. „Es war klar, dass wir hier ein Zeichen setzen müssen.“ Innerhalb eines Tages wurde die Solidaritätsaktion ins Leben gerufen – ganz bewusst so kurzfristig, um schnell laut zu werden, berichtet die Perouserin.

Trotz der kurzfristigen Organisation erschienen mehr als hundert Menschen in der dunklen Ortsmitte, ausgestattet mit kleinen Lichtern und flackernden Kerzen. Passend – ist das Motto der Waldenser, die einst den Ortsteil gründeten, doch „Lux lucet in tenebris“: Das Licht leuchtet in der Dunkelheit. „Wir zeigen uns jetzt“, sagt Arnold. „Wir leuchten.“ Dass so viele Menschen zusammenkamen, gibt ihr ein gutes Gefühl.

Angst und Verunsicherung bei Familien

Die politische Motivation hinter den beiden Perouser Taten ist unverkennbar: Das Symbol „Z“ ist als Zeichen der Unterstützung für den russischen Angriffskrieg in der Ukraine bekannt. Bereits vor gut zwei Wochen Wochen war ein Auto in Perouse Ziel dieser Botschaften geworden, in der Nacht auf Mittwoch folgte ein zweites. Beim ersten Vorfall war das Auto an einer Umleitungsstrecke geparkt, die zu dieser Zeit recht stark befahren wurde.

„Da haben wir noch gesagt, das Auto stand eben geschickt“, erinnert sich Katharina K. aus Perouse. Sie kommt aus Kasachstan, hat deutsche Wurzeln und engen Kontakt zu den betroffenen ukrainischen Frauen und ihren Kindern. Ihren vollen Namen will sie zum Schutze ihrer Familie nicht preisgeben. „Am Mittwoch haben die Mädels dann gesagt: Jetzt haben wir Angst. Auch Angst um unsere Kinder.“ Die Stimmung bei den betroffenen Familien sei wechselhaft, man sei beunruhigt. „Sie waren sprachlos und erschüttert“, berichtet Katharina. Die Frauen würden sofort in die Ukraine zurückkehren, wenn der Krieg vorbei wäre. „Sie haben ihre Männer und Familien zurückgelassen.“

Rutesheimer tun sich zusammen

Bei aller Verunsicherung berichtet Katharina K. aber auch davon, wie viel Unterstützung es bereits nach dem ersten Fall von Vandalismus gegeben habe, wie Nachbarn herumtelefoniert und schließlich eine Werkstatt gefunden hätten, die die Scheiben des kaputten Autos umsonst reparierte. Von Aktionen wie der Solidaritätsbekundung in dieser Woche, die aus dem Nichts entstand und zu der trotzdem viele Menschen erschienen. „Ich finde das toll an unserem Ort“, sagt Katharina. „Das Leid wird geteilt.“ Sie selbst habe sich in Perouse immer willkommen und sicher gefühlt. Die ukrainischen Familien bewundert sie ebenso. „Sie bleiben positiv“, sagt sie. „Und sie empfinden keinen Hass.“

Sogar mit zwei „Z“- Symbolen besprüht worden ist in dieser Woche auch ein Wohnhaus in Gebersheim. Dort hatte ein Bewohner im März eine Ukraine-Flagge ins Fenster gehängt, „um Solidarität mit den geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern zu zeigen“, wie er sagt. Auch ein Drohschreiben war in seinem Briefkasten gelandet. Wortlaut: „Hängen Sie die Flagge ab, sonst spüren Sie die Konsequenzen.“ Eigentlich, so erzählt er, würde er gerne aus Prinzip eine zweite Ukraine-Flagge aufhängen. Um seine Familie zu schützen, hat er sie aber vorerst entfernt. Was ihm passiert ist, sei aber kein Vergleich zu dem, was den Ukrainerinnen in Perouse widerfahren sei, betont der Gebersheimer.

Keine Panik, kein Hass

Die beste Gegenreaktion sei nun: „Innerlich ruhig bleiben und äußerlich aktiv werden.“ Auch er war deshalb bei der Solidaritätsbekundung in Perouse. Man solle nun noch mehr unterstützen und Hilfe leisten, sagt er, und nicht in Panik oder Hass verfallen. Und er mahnt auch vor anti-russischen Generalisierungen: „Dann wären wir auch nicht besser. Wir müssen ein offenes Land für alle sein.“

Dem Polizeipräsidium Ludwigsburg sind derweil keine weiteren ähnlichen Fälle im ehemaligen Landkreis Leonberg bekannt. „Wir haben eine Steigerung, aber eben nur, weil das die ersten Fälle waren“, heißt es. Ende Oktober – in der gleichen Nacht, in der das erste „Z“ in Perouse aufgetaucht war – hatte es allerdings laut dem Polizeipräsidium Pforzheim auch in Heimsheim ein Auto mit ukrainischer Zulassung getroffen.

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