Nach der Schlachthof-Schließung Regionale Wurst und Fleisch in Gefahr

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Vorerst geschlossen: Der Gärtringer Schlachthof. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Leonberg - Mehr als sieben Stunden war Hans-Georg Schwarz am Freitag unterwegs. Einmal pro Woche lässt der Gebersheimer Landwirt zwei Rinder schlachten – normalerweise im nahen Gärtringen. Aber das geht nun vorerst, wie berichtet, nicht mehr. „Wir mussten kurzfristig eine Notlösung organisieren“, erzählt Schwarz. Also hat er seinen Traktor angespannt, hat Tiere von ein paar weiteren Höfen aufgeladen und ist dann zu einem kleinen Schlachtbetrieb im Schwarzwald gefahren, 65 Kilometer entfernt. Die Tiere mussten für die Fahrt stundenlang im Anhänger ausharren. „Das ist alles andere als Tierwohl“, sagt der Landwirt aus dem Leonberger Stadtteil.

So wie ihm geht es in dieser Woche vielen der 60 Bauern und 60 Metzgern. Sie alle wurden von Gärtringen versorgt, bis Landrat Roland Bernhard (parteilos) den Betrieb am Donnerstag nach einem Video der „Soko Tierschutz“ hat schließen lassen. Damit aber, warnt Hans-Georg Schwarz, steht jetzt ein ganzes Netz der Regionalvermarktung auf der Kippe. Schwarz ist auch Vizechef der Böblinger Kreisbauern. An seinem Betrieb lässt sich illustrieren, was er meint. 500 Rinder hat er auf dem Hof stehen. Zwei von ihnen bringt er jede Woche zum Gärtringer Schlachthof, von dort geht das Fleisch zum Althengstetter Metzger Blum, und vorn dort direkt zum Kunden in Leonberg, Weissach oder Stuttgart.

Landwirte haben noch keinen Ersatz-Schlachthof gefunden

Kurze Wege vom Bauernhof in die heimische Küche, das diene Tierwohl und Qualität. „Wir distanzieren uns natürlich von den Tierquälereien im Schlachthof“, sagt Schwarz. „Aber mit der Schließung ist jetzt auf einen Schlag alles kaputt gemacht worden, was wir in 25 Jahren Regionalvermarktung aufgebaut haben.“

Ein anderes Beispiel: In Ostelsheim leben 500 Schweine auf dem Hof von Ernst-Martin Gehring. 15 Tiere hätte er auch diese Woche nach Gärtringen gebracht. Von dort hätte das Fleisch unter anderem der Metzger Dominik Heinkele übernommen und in seinen Geschäften in Weil der Stadt und Dätzingen verkauft. „Wir sind zurzeit am rotieren und suchen, wo es Schlachtmöglichkeiten gibt“, sagt Gehring.

Eine Lösung hat er noch nicht. Auch der Ostelsheimer Bauer spricht aus, was alle seine Kollegen denken. Klar, die Tierquälereien in Gärtringen müssen abgestellt werden. „Aber die Alternativen sind alle weit weg“, sagt er. „Und lange Transportwege sind auch ein Problem für die Tiere.“ Nach Ulm, Göppingen, Villingen-Schwenningen und Balingen telefoniert er jetzt. Dort könne man die Kapazitäten erhöhen, erklärt der Landwirt. „Aber auch diese Mengenerhöhungen schaden dem Tierwohl.“ Eine Lösung muss jedenfalls her. Drei Wochen lang könne er seine Schweine hüten, danach seien die Tiere aus der Schlachtgröße herausgewachsen.

Landrat Roland Bernhard will noch in dieser Woche entscheiden, wie es in Gärtringen weitergeht. Derzeit organisiere man einen runden Tisch mit den Vertretern der Landwirte und der Metzger, kündigt sein Sprecher an. „Wir lassen sie nicht im Regen stehen, sondern nehmen sie an die Hand“, sagt er. Das Landratsamt werde auch mithelfen, das Gesamtkonzept für den Schlachthof in Gärtringen zu erstellen und umzusetzen.

Denn sonst wird regionales Fleisch schwieriger zu bekommen sein. Davor warnt auch der Renninger Metzger Matthias Scherer, der auch Obermeister der Fleischer-Innung ist. „Ich bin guter Dinge, dass das möglich ist“, sagt er. Die Alternative jedenfalls sei nicht wünschenswert: „Denn dann müssten wir nach Birkenfeld ausweichen.“ Dort steht die Groß-Schlachterei von Müller-Fleisch, die zuletzt wegen Corona-Fällen bei den Leiharbeitern in die Schlagzeilen geraten ist. Für Landwirte und Metzger sei das sogar günstiger und einfacher, sagt Scherer.

„Wir als Bauern sind sehr traurig, dass das jetzt so einen Verlauf genommen hat.“

Dem Tierwohl sei das indes nicht dienlich. Um das System regionaler Produkte aufzubauen, haben sich Metzger und Landwirte vor 25 Jahren zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und den Schlachthof in Gärtringen aufgebaut. „Das ist jetzt erst mal zusammengebrochen “, ist der Metzger-Vertreter Scherer empört. Auch sein Pendant bei den Bauern, der Gebersheimer Landwirte-Vertreter Hans-Georg Schwarz, warnt vor den Folgen. „Je länger die Schlachthof-Schließung dauert, desto mehr Beteiligte suchen sich Alternativen“, sagt er. Und dann sei es schwierig bis unmöglich, den Schlachthof wieder in Betrieb zu nehmen. „Wir als Bauern sind sehr traurig, dass das jetzt so einen Verlauf genommen hat“, sagt er.

Dominik Heinkele, der Metzger mit Geschäften in Weil der Stadt und Dätzingen und Kunde von Ernst-Martin Gehring, hat übrigens schon eine Alternative. Heinkele lässt die Schweine jetzt zu seinem Kollegen Siegfried Mann nach Calw-Stammheim bringen, der in seiner kleinen Landmetzgerei noch selbst schlachtet. Im Gegenzug hilft ein Mitarbeiter von Dominik Heinkele bei Siegfried Mann beim Schlachten mit. „Wenn das klappt, wäre das super und eine Lösung für die Zukunft“, freut er sich.

Ernst-Martin Gehring warnt dennoch: Solche Metzger-Schlachtereien könnten die Kapazitäten des Gärtringer Betriebs niemals aufnehmen.

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