Mehr Wohnen und Gewerbe? In Hausen regt sich Widerstand

Von Sophia Herzog
An Hausens höchstem Punkt wünscht sich die Stadt eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe. Foto: Simon Granville

Über einem Feld bei Hausen, dem nördlichsten und kleinsten Ortsteil Weil der Stadts, kreist ein Greifvogel. „Ein Rotmilan“, sagt Klaus Richter. Das Feld, neben dem er steht, liegt im Osten von Hausen, zwischen Mittelfeldstraße und der Landesstraße in Richtung Heimsheim, direkt am bestehenden Siedlungsgebiet. An diesem idyllischen Fleckchen Erde, einem der höchsten Punkte Hausens könnte ein Neubaugebiet entstehen.

Angedacht ist für die „Rübenäcker“ getaufte Fläche ein Mischgebiet mit Wohn- als auch Gewerbefläche – Gewerbefläche überwiegend. Möglich wären laut Verwaltung beispielsweise 9,2 Hektar Gewerbe- und 3,3 Hektar Wohngebiet. Auch ein Grünzug zwischen Wohnen und Gewerbe sei möglich. Festgezurrte Pläne oder Beschlüsse gibt es aber noch nicht.

Wohnfläche ja, Gewerbe nein

Trotzdem: Für Klaus Richter kommt zwar der Wohnbau, nicht aber die Gewerbeansiedlung in Frage. Er ist Mitbegründer einer Bürgerinitiative, die sich jüngst im Ort formiert hat und nun den Stopp aller Planungen rund um die Gewerbeflächen fordert. Dafür sammeln Richter und seine Mitstreiter Unterschriften. „Wir wollen erstmal informierten“, betont er, und kritisiert gleichzeitig einen „ganz klar schlechten Informationsstand“ in Sachen „Rübenäcker“.

Im Neujahrsvideo für dieses Jahr hatten Bürgermeister Christian Walter und der Erste Beigeordnete Jürgen Katz von den Plänen für das Gebiet in Hausen gesprochen. „Als die Neujahrsbotschaft kam, haben wir uns gefragt: Wie bitte?“, erinnert sich Richter. Im Weiler Flächennutzungsplan, der in den 90er-Jahren aufgestellt wurde, ist auf der Fläche lediglich ein kleineres Wohngebiet geplant. Und auch im Stadtentwicklungsplan von Mitte der Nuller-Jahre ist davon noch keine Spur. Beide dieser Pläne zeigen zwar auf, welche Entwicklung einst für Weil der Stadt angedacht war, können aber für einzelne Teilflächen mit einer Fortschreibung angepasst werden.

Von den einstigen Plänen eines Wohngebiets sei man„im Zuge der Diskussionen zur Notwendigkeit der Schaffung von Gewerbeflächen“ abgerückt, so Christian Walter auf Nachfrage unserer Zeitung. „Der Gemeinderat hat die Verwaltung mit weitergehenden Schritten im Rahmen einer Klausurtagung im Oktober 2019 beauftragt.“ Zuletzt hatte sich der Technische Ausschuss im September 2021 darauf geeinigt, das Gebiet „Rübenäcker“ als eine von zwei möglichen Flächen für Gewerbe priorisiert zu fokussieren.

Verkehr ist zentrales Thema

Obwohl es noch keine Beschlüsse gibt und die Verwaltung bisher lediglich artenschutzrechtliche Prüfungen sowie eine schriftliche Abfrage der Eigentümer durchgeführt hat, ist die Bürgerinitiative bereits aktiv. Man will „gleich von Anfang an gegensteuern“, sagt Richter. Eine Vielzahl von Argumenten gegen die Erschließung zählen die Mitglieder dabei auf, etwa die Flächenversiegelung. Auch städtebauliche Aspekte nennt die Bürgerinitiative: Rund sieben Hektar Gewerbe- und 24,5 Hektar Wohnfläche zählt Hausen aktuell. Addiert man knapp zehn Hektar „Rübenäcker“-Fläche, wäre Hausen von Gewerbe geprägt und umgeben.

Kernthema für die Bürgerinitiative ist zudem der Verkehr: Seit Jahren dürfen Lastwagen die Würmbrücke in Hausen nicht mehr überqueren, trotzdem verirren sich immer wieder welche im Ortskern. Mit der Entwicklung von mehr Gewerbefläche befürchtet die Bürgerinitiative eine noch größere verkehrliche Belastung Hausens. Um den Ortskern zu entlasten, müsste das künftige Gebiet also zuerst von der Landesstraße in Richtung Heimsheim (L 1179) her erschlossen werden, weiß auch Bürgermeister Walter. Die Zufahrt wäre im größeren Radius um das frühere Gasthaus Deutscher Kaiser sinnvoll. „Jedes Fahrzeug, das nicht über die steinerne Brücke in der Ortsmitte muss, ist eine spürbare Entlastung für den Ortskern.“ Ob mit der möglichen Entwicklung von Wohn- und Gewerbefläche auch eine Umgehungsstraße, wie sie lange Jahre heiß diskutiert wurde, möglich sei, steht laut Walter aber „in den Sternen“.

Es braucht Gewerbe, um Kasse zu füllen

Der Kritik der Bürgerinitiative gegenüber steht die von der Verwaltung oft genannte, angesichts des defizitären Haushalts dringend nötige Entwicklung neuer Gewerbeflächen. Das Gewerbeaufkommen Weil der Stadts liege bei nur rund 50 Prozent des Landesdurchschnitts, erklärt Walter. Einsparmöglichkeiten hat die Stadt kaum noch. „Angesichts eines Sanierungsstaus von circa 250 Millionen Euro muss sich das Gewerbesteueraufkommen in den nächsten Jahren daher dramatisch steigern, damit die Stadt dauerhaft ihre Aufgaben erfüllen kann.“

Wo also noch Gewerbeflächen entwickeln? Laut Stadt kommen aufgrund von Topografie und verkehrlicher Anbindung nur zwei Flächen in Frage: Das Gebiet „Bühl“ am Ortsausgang von Merklingen und eben die „Rübenäcker“ in Hausen. Mit Blick auf den ökologischen Eingriff sei das Gebiet in Merklingen aufgrund einer hohen Zahl an Bodenbrütern aber eine deutlich größere Herausforderung, so Walter. Für die Fläche in Hausen spricht außerdem die vergleichsweise nahe Anbindung an die Autobahn.

Bürgerversammlung in Planung

Bevor es zu möglichen Planungsschritten oder Gemeinderatsbeschlüssen kommt, führt die Stadt nun zunächst die Gespräche mit den Eigentümern durch. Zu den schriftlichen Anfragen hätten sich laut Verwaltung rund die Hälfte der Eigentümer positiv geäußert, mit dem Rest wolle man diesen Herbst persönlich sprechen. Um die Anwohner vertiefend zu informieren, plant die Stadt für den Oktober zudem eine Bürgerversammlung und hat zwischenzeitlich ein Infopapier veröffentlicht. Die Bürgerinitiative will ihre gesammelten Überschriften am Donnerstag, 15. September um 18 Uhr vor dem Hausener Rathaus übergeben, sammelt aber auch im Anschluss weiter. „Wir wollen der Stadt zeigen, dass es hier Leute gibt, die etwas dagegen haben“, so Richter.

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