Medizinische Versorgung Der Verlust von Hausärzten führt zu mehr Not

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Die Renninger Allgemeinärztin Barbara Mergenthaler (links) ist besorgt um die Entwicklung in ihrem Beruf. Foto: Jürgen Bach

Leonberg - Am Ende des Monats Juli schließen die Allgemeinmediziner Elisabeth Kuhn-Stegmeier und Frank Stegmeier ihre Praxis in dem fast 6800 Einwohner zählenden Leonberger Stadtteil Höfingen. Sie verabschieden sich in den Ruhestand. Die Inhaber suchten eineinhalb Jahre lang einen Nachfolger – ohne Erfolg. „Es gab einige potenzielle Bewerber, doch am Ende haben alle aus verschiedenen Gründen abgesagt, die letzte Kandidatin sprang kurz vor der Vertragsunterzeichnung ab“, sagt Frank Stegmeier, dem das spürbar nahe geht.

Gut 1450 Patientinnen und Patienten hatte er zuletzt betreut. Sie müssen sich jetzt alle einen anderen Hausarzt suchen. Ein Teil wird bei den Höfinger Kollegen, die eine Gemeinschaftspraxis führen, unterkommen. Stegmeier ist zuversichtlich, dass wiederum andere, die mobil sind, in der näheren Umgebung eine Alternative finden werden. „Problematisch ist es für diejenigen, die auf Hausbesuche angewiesen sind, denn dazu bleibt den Kollegen oft zu wenig Zeit“, sagt Frank Stegmeier, der mit anderen Ärzte im Umkreis vor vielen Jahren einen Qualitätszirkel zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch gegründet hat.

Und so ist beispielsweise Andreas Häcker, der mit einer Kollegin seit 2002 in Ditzingen eine Niederlassung als hausärztlicher Internist hat, längst über die Situation in Höfingen informiert. „Was die Kapazität betrifft, sind auch wir schon immer am Limit, und in Corona-Zeiten kommt noch eine erhebliche Mehrbelastung dazu.“ Er sei natürlich verpflichtet, neue Patienten aufzunehmen. „Obwohl wir gerne sagen würden, wir sind an der Grenze, versuchen Sie es bitte woanders, doch die Kollegen sind in der gleichen Situation“, sagt der 59-Jährige.

„Viele Ärzte schrecken vor der Bürokratie zurück“

Das Dilemma: Auch wenn er seine Arbeitskapazität erweitern wollte, wäre das nicht so einfach. „Unser Budget wird von der Kassenärztlichen Vereinigung wie in einer Planwirtschaft begrenzt. Wenn ich mehr erwirtschaften wollte, bekäme ich das gar nicht vergütet, sondern müsste das aus eigener Tasche zahlen.“ Zur Kontrolle bekomme er von der KV regelmäßig jede Menge Vergleichszahlen präsentiert.

Für Andreas Häcker hat bereits der Denkprozess begonnen, wie es mit seiner Gemeinschaftspraxis irgendwann in sieben Jahren weitergehen soll. „Viele Ärzte wollen nur noch im Angestelltenverhältnis arbeiten, weil sie vor der umfangreichen Bürokratie zurückschrecken.“

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Barbara Mergenthaler ist die stellvertretende Vorsitzende der Kreisärzteschaft Leonberg. Sie selbst leitet mit ihrem Mann Frank Schmid-Mergenthaler und zwei weiteren Kollegen eine Gemeinschaftspraxis für Allgemein- und Innere Medizin in Renningen. Sie weiß, dass Niederlassungen in der Allgemeinmedizin nicht mehr so attraktiv sind wie früher einmal, weil unter anderem der Verwaltungsaufwand immens gestiegen sei. Ein Viertel des Tages verbringen die Allgemeinmediziner nicht an den Patienten, sondern sind mit Berichten, Anträgen oder schriftlichen Dokumentationen gefordert. Oder gar mit Neuerungen in der Infrastruktur. „Man ist eigentlich ein Subunternehmer, abhängig von der Kassenärztlichen Vereinigung“, so Mergenthaler.

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Das Problem betreffe allerdings nicht nur die Allgemeinmediziner, sagt Timo Hurst, der Vorsitzende der Leonberger Kreisärzteschaft, sondern auch andere niedergelassene Fachärzte. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie könne er für seinen Bereich sagen, dass der Missstand identisch sei. „Durch den Verlust von Hausärzten und durch die Pandemie entsteht noch mehr Not, die zu noch mehr seelischen Leiden führen wird.“ Das zu thematisieren, sei genauso wichtig.

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