Luftbildserie BW von oben Wie sich Heimsheim fast verfünffacht hat

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Heimsheim hat mittelalterliches Stadtrecht. Seine Geschichte ist eng mit der des Schleglerbundes verbunden, heute noch sehen am Schleglerkasten, rechts daneben das Graevenitzsche Schloss. Foto: Simon Granville

Wie groß Heimsheim seit Ende der 1960er geworden ist, lässt sich mit einem Blick von oben ziemlich gut nachvollziehen. Heute leben dort etwa doppelt so viele Einwohner wie 1968. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu der Entwicklung, die sich in den Jahren und Jahrzehnten davor ereignet hat, erzählt der Heimsheimer Bauamtsleiter Andor Varszegi.

„Das, was wir auf dem Luftbild aus dem Jahr 1968 sehen, ist ein kleines Wunder“, sagt Varszegi. Denn die militärisch unbedeutende Stadt Heimsheim sei am 18. April 1945 Opfer eines Luftangriffs geworden, „wobei mehr als 80 Prozent der Gebäudesubstanz zerstört worden sind.“ Selbst bedeutsame Gebäude wie das Schleglerschloss, das Grävenitz’sche Schloss und die Zehntscheune wurden dabei beschädigt, konnten aber erhalten werden.

In 20 Jahren mehr als verdoppelt

„Das Luftbild zeigt den Zustand des bereits erfolgten Wiederaufbaus nach dem Krieg“, erklärt Andor Varszegi. Die Baugebiete Hinter Eck und Schießmauer im Westen der Altstadt wurden auf Grundlage von bereits vorliegenden Plänen von 1938 aufgebaut, ebenso das Gebiet um die Heerstraße im Osten. „Das Gebiet ,Schafhaus‘ in Richtung Nordosten wurde aufgrund des Siedlungsdruckes durch Flüchtlinge und Vertriebene in den 1950er und 1960er Jahren aufgesiedelt.“ Die Bewohnerschaft der Stadt wuchs in dieser Zeit von knapp 1100 Einwohnern im Jahr 1945 auf circa 2500 im Jahr 1968 – also weit mehr als das doppelte, und das in nur etwa 20 Jahren.

Und von Stillstand kann in der Enzkreiskommune auch seitdem keine Rede sein. „Die bauliche Entwicklung der Stadt konzentrierte sich jedoch vorrangig nach außen“, sagt Varszegi. „Besonders die Baugebiete der 1970er Jahre prägen das Ortsbild.“ Bis in die Achtziger wuchs die Einwohnerzahl auf etwa 4200 an, „eine beachtliche Entwicklung“. Zwischen den 1990er Jahren bis heute kamen weitere Baugebiete hinzu, zuletzt das Neubaugebiet Lailberg II. Inzwischen hat Heimsheim rund 5300 Einwohner, „und diese Zahl steigt stetig weiter“.

Neues Schulzentrum, neuer Friedhof

Neue Gewerbegebiete reihten sich ein, darunter das Gewerbegebiet Egelsee I und nördlich der Autobahn das Gewerbegebiet Kammertal. „Daneben sind Besonderheiten entstanden wie das Photovoltaikfeld an der Autobahn und die JVA Heimsheim.“ Diese wurde 1990 auf dem Mittelberg am Standort des ehemaligen Betonwerks eröffnet.

Wo die Zahl der Bewohner und Arbeiter wächst, muss die Infrastruktur mithalten. Als Antwort auf den großen Zuwachs in den Siebzigern wurde unter anderem das Schulzentrum gebaut und erweitert, dazu weitere Kindergärten und der Friedhof mit Aussegnungshalle. Später, in Richtung der Jahrtausendwende, wurde zunächst die Mönsheimer Straße begradigt und noch später, im Jahr 2015, die Nordtangente als Umgehungsstraße gebaut. „Am See entstand ein neues Nahversorgungszentrum, ein Pflegeheim wurde gebaut, die Stadthalle wurde saniert und ein neues Bauhofgebäude mit Vereinsräumen wird aktuell errichtet.“

Im Schloss ist heute das Rathaus untergebracht

Aber wie sieht es eigentlich mit der Ortsmitte aus? Die neuen Baugebiete sind von oben schnell entdeckt. Änderungen im historischen Ortskern sind dagegen deutlich schwerer auszumachen – selbst vom Boden aus. Das muss nicht immer schlecht sein, gerade historische Gebäude tragen zu einer dörflich-heimeligen Atmosphäre bei. Problematisch wird es, wenn die betreffenden Gebiete in einen Dornröschenschlaf verfallen und Gebäude zunehmend leer stehen.

Die bekanntesten historischen Gebäude in Heimsheim wurden saniert und werden aktiv genutzt. Im Grävenitz’schen Schloss befindet sich zum Beispiel heute das Rathaus, in der Zehntscheune die städtische Bücherei. Das Schleglerschloss, derzeit aus Brandschutzgründen geschlossen, hat die Stadt Heimsheim erst vor Kurzem vom Land Baden-Württemberg erworben. „Doch es gibt auch unschöne Entwicklungen“, sagt Andor Varszegi. „Während sich die Stadt Heimsheim an den Rändern entwickelte, verödete die Stadtmitte in den letzten Jahrzehnten zunehmend.“

Die Stadtmitte kann der Entwicklung nicht standhalten

Mit diesem Prozess stehe Heimsheim nicht alleine: Fast alle Nachkriegsgebäude aus den Fünfzigern bestünden aus damals notdürftig verfügbar gemachten Materialien. Geschäftshäuser im Familienbesitz würden nach und nach aufgegeben. „Viele Gebäude können außerdem die Bedürfnisse moderner Ladengeschäfte nicht erfüllen, sodass diese aus der Stadtmitte auswanderten.“ Dazu komme, dass viele ländlich geprägte Gebäude für moderne Wohnbedürfnisse, wie zum Beispiel für altersgerechtes Wohnen, ungeeignet sind. „Die Stadtmitte konnte mit der Entwicklung der Gesamtstadt nicht mithalten.“

Vor einigen Jahren begann in Heimsheim mit dem Projekt Stadtkernentwicklung das Gegenkonzept. „Der Gemeinderat hat die Negativspirale erkannt und ein Sanierungsgebiet beschlossen.“ Inzwischen wurde ein Planungswettbewerb ausgetragen. „Es gibt Einkaufsmöglichkeiten in der Stadtmitte, und die Nachfrage nach weiteren Ansiedlungsmöglichkeiten ist vorhanden. Somit haben die Entwicklungsziele der Stadt ein gutes Fundament und Erfolgschancen.“

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