Ludwigsburg gedenkt des Erfinders des Porzellans Der letzte Alchemist

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Das bestgehütete Geheimnis Sachsens: Böttger zeigt August dem Starken den „Stein der Weisen“. Er soll unedle Metalle in Gold verwandeln. Weitere Bilder zum Thema Böttger und Porzellan finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Frank Höhler, SBG gGmbH, Albrechtsburg Meissen

Ludwigsburg - Mit ruhigen Händen walzt und knetet Kenji Fuchiwaki die graue Tonmasse. Sie soll fest und konsistent werden, damit sie später, beim Drehen und beim Brennen, nicht bricht. Seit 2010 arbeitet der Keramiker aus Tokio im Atelier des Keramikmuseums Ludwigsburg, gibt Kurse, stellt Vasen und Gefäße her, testet neue Glasurfarben. Der 40-Jährige arbeitet mit Porzellan, einem Stoff, dem einst magische Eigenschaften zugeschrieben wurden. Er selbst versucht gar nicht erst, Porzellan zu beschreiben: „Wenn man einmal an der Töpferscheibe saß, sieht man die Exponate hier im Museum mit anderen Augen“, sagt er.

Derzeit experimentiert er mit einer speziellen, schwarz schimmernden Glasur. Kleinste Änderungen in der Rezeptur könnten große Unterschiede nach dem Brennen im Ofen bewirken, sagt Fuchiwaki. Heute sei das alles systematisch erforscht, doch früher habe Ausprobieren auf der Tagesordnung gestanden. Das Unwissen um Porzellan und Keramik im Allgemeinen konnte sogar lebensgefährlich sein, wie eine Anekdote aus dem alten China beweist: Weil ein Ofen einmal zu wenig Sauerstoff bekam, wurde eine kupferhaltige Glasur nach dem Brennen nicht grün, sondern blutrot. Ein Zeichen des Teufels – der Kaiser ließ alle Keramiker köpfen.

Um Böttgers Wissen wurde fast ein Krieg geführt

Jener Mann, der Schluss machte mit dem Ausprobieren und es durch systematische Studien ersetzte, war Johann Friedrich Böttger. Er gilt als der Erfinder des europäischen Hartporzellans. Um sein Wissen wurde fast ein Krieg geführt, seine Erfindung löste einen europaweiten Porzellanboom aus und befreite den Kontinent von seiner Abhängigkeit von Ostasien. Dabei ist seine Biografie zutiefst traurig: Im thüringischen Schleiz 1682 geboren, machte der leidenschaftliche Chemiker eine Apothekerausbildung. Doch statt sich voll und ganz der Pharmazie zu widmen, interessierte das Jungtalent vor allem die Alchemie: Böttger wollte den Stein der Weisen entdecken, eine Tinktur, die unedles Metall in Gold verzaubern konnte.

Eines Abends im Oktober 1701 gelingt ihm unter Zeugen das Unmögliche: In Brandenburg verbreitet sich die Kunde vom Goldmacher, plötzlich ist der Apotheker der meistgesuchte Mann im Land. Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz kommentiert den Fall in einem Brief: „Man sagt, dass der Stein der Weisen hier blitzartig aufgetaucht und innerhalb eines Augenblickes wieder entschwunden ist.“ Böttger flieht – und kommt vom Regen in die Traufe: Im sächsischen Wittenberg wird er festgenommen, Kurfürst August der Starke lässt ihn im Palais Fürstenberg in Dresden festhalten, damit er Gold produziere. Kurfürst Friedrich von Brandenburg protestiert, kurz erscheint sogar Krieg möglich.

Er wird bewacht wie ein Staatsgeheimnis

Böttger forscht, bewacht wie ein Staatsgeheimnis, in den folgenden Jahren im wahrsten Sinne des Wortes um sein Leben: Betrügerische Alchemisten, die ihr Versprechen der Goldherstellung nicht einhalten können, werden gehängt – an einem mit Flittergold behangenen Galgen. Er leidet unter Depressionen wegen des Drucks, ein Fluchtversuch misslingt. 1713 will August der Starke endlich einen Beweis sehen. Böttger liefert: In Anwesenheit des Fürsten und zahlreicher Gelehrter stellt er 200 Gramm Gold aus unedlen Metallen her. Die Forschung weiß bis heute nicht, wie er das angestellt hat – es muss ein Taschenspielertrick gewesen sein, denn ein derartiger Prozess ist nur durch Atomphysik möglich.

Zuvor hatte Johann Friedrich Böttger ein echtes Wunder vollbracht und das europäische Hartporzellan erfunden – quasi als Nebenprodukt seiner Goldforschungen. Sein Mentor und Aufseher, der Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, brachte den talentierten Böttger 1706 auf das neue Aufgabengebiet: Er solle mit ihm auf der Albrechtsburg in Meißen das Geheimnis, das Arkanum, des Porzellans finden.

200 Jahre versuchte man vergeblich, das chinesische Porzellan nachzuahmen

Porzellan aus China ist im 17. Jahrhundert beliebt beim europäischen Adel. Das chinesische Weichporzellan ist filigraner als alles, was in Europa zu haben ist. Zudem ist es widerstandsfähig bei heißen Getränken und reagiert, anders als beispielsweise Schalen aus Zinn, nicht mit Säuren in Speisen. Fürsten des Absolutismus richten sich ganze Porzellankabinette ein, um zu zeigen, wie wohlhabend sie sind. Doch bleiben sie alle abhängig von der Ware aus Asien.

200 Jahre lang hat man in Europa vergeblich versucht, mit den Chinesen gleichzuziehen. Das Material riss, sackte zusammen oder wurde unansehnlich gelblich. Katharina Küster-Heise, Kuratorin des Landesmuseums Württemberg für den Bereich Kunsthandwerk und Leiterin des Ludwigsburger Keramikmuseums, weiß, warum es schiefgehen musste: „Man hatte nicht die richtige Kombination der Tone.“ Das europäische Hartporzellan besteht zu 50 Prozent aus Kaolin, zu 25 Prozent aus Feldspat und zu 25 Prozent aus Quarz.

Böttger erlebt den Siegeszug seiner Erfindung nicht mehr

Durch viel Experimentieren gelingt es Böttger und seinen Mitarbeitern schließlich im Jahr 1709, rotes Porzellan herzustellen, wenig später auch das edlere weiße Porzellan. Er bittet Fürst August um die Freiheit – Porzellan sei ja ebenso viel wert wie Gold. Doch August lehnt ab. Stattdessen ernennt er Böttger zum Administrator der neu gegründeten Porzellanmanufaktur in Meißen – der ersten in Europa und Vorbild für viele Nachfolger. Die Porzellanmanufakturen lösen einen regelrechten Wirtschaftsboom in Europa aus. Handelskompanien, die bislang viel Geld mit dem Import chinesischer Ware verdient haben, klagen über starke Geschäftseinbußen.

Böttger selbst sollte den Siegeszug seiner Erfindung nicht mehr mitbekommen. Zwar schenkte ihm August der Starke im April 1714, nach fast 13 Jahren Gefangenschaft, wieder die Freiheit. Doch viel hatte er nicht mehr davon: Böttger musste schwören, das Land nicht zu verlassen, das Porzellangeheminis zu bewahren und endlich Gold herzustellen. Doch dazu kam er nicht mehr: Fünf Jahre später – am 13. März 1719 – starb er im Alter von 37 Jahren nach langer, quälender Krankheit. Die Experimente mit Quecksilber und Arsen hatten ihn chronisch vergiftet. Noch auf dem Sterbebett versuchte man, ihm das Arkanum zu entlocken – August der Starke hatte Angst, dass Böttger das Porzellangeheimnis mit ins Grab nimmt und ließ seinen Nachlass nach seinem Tod versiegeln.

Die Geschichte des Porzellans ist noch nicht vorbei

Seine Mitarbeiter mussten jene Teile des Arkanums preisgeben, die ihnen zur Erfüllung ihrer Aufgabe anvertraut worden war. Über diese „Arkanisten“ gelangte das Geheimnis auch über die Grenzen Sachsens, nach Wien, Neapel, Nymphenburg, Frankenthal – und 1758 auch nach Ludwigsburg. Der in Dresden geborene Gottlob Friedrich Riedel hatte in Meißen als Porzellanmaler gearbeitet. In Ludwigsburg wurde er Leiter der Buntmal-Abteilung. „Mit ihm kam Qualität in die Malerei in Ludwigsburg“, sagt Küster-Heise.

Die Geschichte der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur ist seit ihrer Insolvenz im Jahr 2016 zu Ende erzählt. Noch nicht vorbei ist die Geschichte des Porzellans. Die noch existierenden Manufakturen versuchen, ihre Ware an die heutige Zeit anzupassen – weg vom Ausstellungsstück im Schrank, hin zur Gebrauchsware auf den Tischen. Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin etwa bietet einen Becher für Coffee to go aus Porzellan an. Und diverse Manufakturen haben viel Geld investiert, um ihr bemaltes Porzellan an eine wichtige Erfindung des späten 19. Jahrhunderts anzupassen: Porzellan muss heute spülmaschinenfest sein. Der Tüftler Böttger hätte wahrscheinlich seine Freude daran gehabt.

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