Ludwigsburg Die Kultur hofft auf ein Stück Normalität

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Bleibt uns treu: Der Aufruf des Scala hat gewirkt, das Onlineangebot wurde vom Publikum gut angenommen. Foto: factum/Simon Granville

Ludwigsburg - Mit viel Mühe hat die Tanz- und Theaterwerkstatt (TTW) in den vergangenen Tagen ein Sicherheits- und Hygienekonzept erarbeitet. „Aber das ist nun schon wieder auf den Kopf gestellt“, sagt TTW-Geschäftsführerin Bettina Gonsiorek. Statt der ursprünglichen zehn Quadratmeter pro Person sind nun plötzlich 25 vorgeschrieben. „Wer hat solche Räume? Wie soll das gehen? Und wo bleibt die Wirtschaftlichkeit?“, fragt Gonsiorek frustriert. Eigentlich wollte der Verein aus Ludwigsburg Mitte Juni sein Kursprogramm – wenn auch mit deutlich weniger Teilnehmern – wieder aufnehmen. Mit acht bis zehn Leuten hatte Gonsiorek gerechnet, normalerweise kommen zu den Kursen mehr als doppelt so viele.

Für die Tanz- und Theaterwerkstatt ist das Kursangebot deshalb so wichtig, weil mit ihm auch die Veranstaltungen finanziert werden. Zu Beginn der Krise wurden die Kurse, die per Videokonferenz stattfanden, noch gut angenommen, „aber das wird nun auch immer weniger“, so Gonsiorek. Die Leute seien wild darauf, sich wieder zu sehen.

Im Netz ist das Publikum teilweise deutlich größer

Andere Kulturbetriebe fahren nach wie vor gut, mit dem digitalen Angebot. Im Kulturkeller Luke in der Ludwigsburger Weststadt haben sie schon zu Beginn des Jahres überlegt, wie sie mehr Menschen an den intimen Konzerten teilhaben lassen können. Ein kanadischer Künstler, der in dem Gewölbekeller aufgetreten war, hatte einen Livestream vorgeschlagen. Also machten sich die Ehrenamtlichen an die Arbeit – und dann kam Corona.

„Das war wirklich ein großer Zufall“, sagt Vorstand Andreas Prangenberg. Nun sehen sogar deutlich mehr Menschen als normalerweise die Konzerte, die im Netz übertragen werden. In den Keller passen nämlich nur 50 Leute, die Livestreams verfolgen auch mal mehrere Hundert. Und die füllen bereitwillig den digitalen Kulturbeutel. „Die meisten sind echt großzügig“, sagt Prangenberg. 60 Prozent der Spenden gehen an die Künstler, der Rest an den Kameramann und die Luke. „Ein echtes Live-Erlebnis ersetzt so ein Stream natürlich nicht“, sagt Prangenberg. Deshalb sollen demnächst auch wieder Zuschauer kommen dürfen – wegen der beengten Platzverhältnisse zunächst nur acht Leute. Mit Mundschutz würden auch mehr Platz finden, dann könnte die Luke aber keine Speisen und Getränke servieren. Und davon lebt der Verein auch.

Ein Stückchen Normalität soll bald auch im Scala einkehren. Wie in der Luke planen die Macher dort „Hybridformate“. Einige Zuschauer dürfen dann die Veranstaltungen, die gleichzeitig gestreamt werden, wieder live sehen – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln. Auch das Scala ist zufrieden mit den Abrufzahlen der Diskussionsrunden und Vorträge (Scala TV) sowie der aufgezeichneten Konzerte (Scala unplugged). Geschäftsführer Edgar Lichtner ist froh, dass er so zumindest einigen Künstlern und Videofirmen Aufträge zuschanzen konnte, denn die hätten in den vergangenen drei Monaten besonders gelitten. „Da war es gut, dass für sie auch die Selbstständigenhilfen galten.“

Angst um den Betrieb selbst, hatte Lichtner aber nicht. Weil das Scala früh alle Termine vorsorglich abgesagt hatte, musste man keine Aufallgagen zahlen. Und Lichtner war sich sicher, dass die Politik die Kulturbetriebe nicht vergessen würde. Er hat sich für zwei Förderprogramme des Bundes und des Landes beworben.

Wie hoch fällt die Fördersumme der Stadt aus?

Geld, das nicht nur das Scala, sondern viele Kulturbetriebe brauchen werden. Denn die Stadt kann sie in diesem Jahr nicht in dem Maß unterstützen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. 50 Prozent der Fördersumme hat sie zu Beginn als Soforthilfe ausgezahlt, derzeit bereitet die Verwaltung die Vorlagen für den Gemeinderat vor. Er entscheidet letztlich, wie viel Förderung die einzelnen Betriebe bekommen.

Als das Thema im Ausschuss für Wirtschaft, Kultur und Verwaltung diskutiert wurde, gingen die Meinungen der Stadträte nicht weit auseinander: Ludwigsburg soll Kulturstadt bleiben. Das Angebot in der Spitze mit den Schlossfestspielen und dem Programm im Forum, das dann auch sogleich für das kommende Jahr abgesegnet wurde, solle genauso bestehen bleiben wie die kleinen Bühnen. Besonders Freie Wähler und CDU wiesen aber auch daraufhin, dass auch bei der Kultur gespart werden müsse. „Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um ideelle Unterstützung“, sagte Klaus Hermann (CDU). Reinhardt Weiss (FW) wünschte sich, die Hilfen nicht mit der Gießkanne auszuschütten, sondern da zu helfen, wo es dringend notwendig ist.

Oberbürgermeister Matthias Knecht (parteilos) hofft, dass am Ende 85 bis 90 Prozent der ursprünglichen Summe an die Kulturbetriebe ausgezahlt werden, bei der Förderung der Schlossfestspiele geht Knecht von einer Kürzung von maximal 25 Prozent aus. Dass 36 Millionen Euro Gewerbesteuer in der Kasse der Stadt fehlen, werde auch die Kultur spüren, so Knecht. „Deshalb können wir auch keinen extra Rettungsschirm für sie aufspannen“, so der OB. Die Stadt hat sich deshalb auch für ein Förderprogramm des Bundes beworben, dass vor allem den kleinen Bühnen in der Stadt zugute kommen soll. Außerdem werde Ludwigsburg mit großer Wahrscheinlichkeit auch von den Hilfen für Kommunen, die die Bundesregierung vor Kurzem mit dem Konjunkturpaket beschlossen hat, profitieren, mutmaßt Knecht. Darüber eine Aussage zu treffen, wie viel Geld tatsächlich fließe und ob davon auch etwas für die Kultur übrig bleibe, sei noch zu früh.

Die Situation ist bislang noch für niemanden dramatisch

Die Situation der einzelnen Betriebe sei zwar sehr unterschiedlich, sagt Knecht, „bislang hat sie aber noch nirgends dramatische Ausmaße angenommen“. Das werde sie erst, falls der Kulturbetrieb auch im Herbst noch nicht wieder anlaufe. So ähnlich sehen es auch die Verantwortlichen der Kulturbetriebe. „Wenn im Herbst wieder alles normal läuft, werden die meisten mit einem blauen Auge davon kommen“, sagt Scala-Geschäftsführer Edgar Lichtner.

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