Lokstoff spielt Kafka im Breuninger-Parkhaus Mit dem Laubbläser gegen die Atemnot

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Jeder ist für sich allein: Natanael Lienhard als Käfer Foto: Frederik Laux Fotography

Stuttgart - Es gibt sogar kostenlose Getränke und Knabberzeug – wobei es sich ja eigentlich nicht gehört, im Theater während der Vorstellung zu essen und zu trinken. Manche haben auch ein paar Flaschen Bier im Gepäck, als sie ins Breuninger-Parkhaus einfahren und einen Platz zugewiesen bekommen auf Deck zwei, das schöner ist, als man es kennt. Kunstrasen wurde ausgelegt, auf dem Blumen mit roten Blüten fröhlich tanzen und über den ein großer Wasserball rollt – wie in schönster Sommerfrische.

Es ist ein ungewöhnlicher Schauplatz, an den das Theater Lokstoff für seine neue Produktion lädt. In Straßenbahnen, Möbelhäusern und im Hauptbahnhof hat das freie Ensemble schon Stücke herausgebracht, im Gerber und in Kleinbussen. „VORHER/NACHHER – die Verwandlung der Welt“ spielt dagegen im Parkhaus, wo das Publikum wahlweise im eigenen Wagen oder auf Klappstühlen sitzt. Corona lässt grüßen – auch auf der Bühne, denn die Schauspieler befinden sich in mannshohen, durchsichtigen Ballons. Eingesperrt in diese „Bubbles“ präsentieren sie Franz Kafkas „Die Verwandlung“, eine Erzählung über einen jungen Mann, der sich plötzlich in „Ungeziefer“ verwandelt, in einen Käfer mit zahllosen Beinchen, die „eilig tanzen“.

Die Schauspieler müssen mit Sauerstoff versorgt werden

Auch dieser Gregor Samsa sitzt in der Inszenierung von Wilhelm Schneck in einem Ballon und spielt versonnen Cello. Es ist erstaunlich, wie behände die Schauspieler sich bewegen, wie sie in den „Bubbles“ flink übers Parkdeck eilen – der Vater mit seinem Rollator, die Schwester tanzend, die Mutter greinend. Alsbald aber stellt man sich aber die bange Frage, ob die Luft in diesen abgeschlossenen Ballons nicht dünn wird? Tatsächlich tauchen schon bald vermummte Helfer in Schutzkleidung auf, die die Bubbles öffnen, den verbrauchten Mief ablassen und mit dem Laubbläser frische Luft hineinblasen, damit das Spiel weitergehen kann. Ein schauriges Bild, das unweigerlich an Atemnot und Intensivstationen für Covid-19-Patienten erinnert.

Zugegeben, Kafkas Erzählung mit Corona in Verbindung zu bringen, ist gewagt. Der Abend hat auch zunächst Anlaufschwierigkeiten, allmählich aber wird das Bild einer Kleinfamilie mit Schrullen und Marotten greifbar. Der Vater ein Faulpelz, die Mutter pathetisch, die Schwester zu Höherem berufen. Gregor hat sie all die Jahre durchgefüttert, jetzt, da er zum hässlichen Käfer wurde, wird es finanziell eng. Die Mutter muss für fremde Leute die Wäsche machen und in der Wohnung werden „Zimmerherren“ einquartiert. Und während Gregor über Wände und Decken kriecht und noch versucht, die Schwester am Rock zu zupfen, beschließt die Familie: „Wir müssen es loswerden“ – es, das Viech, das doch einst ein Teil von ihnen war.

Wer nicht nützlich ist, wird aussortiert

So schnell wird man aussortiert, wenn man nicht mehr nützlich ist, lässt sich dieser Abend deuten, bei dem die Menschen nicht zusammenkommen, weil jeder eingesperrt ist in seinen Ballon – und sich damit selbst am nächsten. Aber auch das Publikum kann den Figuren nicht wirklich nahe kommen. Selbst wenn Kathrin Hildebrand als Mutter, Hannah Jasna Hess als eitle Schwester oder Sebastian Schäfer als lästiger Prokurist größte Aktivität in ihren Bubbles entfalten, entwickelt sich die Geschichte in erster Linie über die Sprache, die durchs Autoradio dringt.

Am Ende zeigt sich ein Hoffnungsschimmer, der allerdings einen bitteren Beigeschmack hat. Die Tochter ist „zu einem schönen, üppigen Mädchen herangereift“ und die Familie beginnt ein neues, ein besseres Leben – ohne den lästig gewordenen Sohn.

Termine
am 3., 13., 14., 20., 21., 27., 28. Juli

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