Die Kliniken schreiben rote Zahlen und ­müssen um jeden Patient kämpfen. Zwei Ärzte erklären, warum kleine Krankenhäuser wie Leonberg trotzdem überleben.
Herr Quendt, Herr Metz, in Böblingen soll ein Großkrankenhaus entstehen. Landrat Roland Bernhard sagte, Leonberg solle erhalten bleiben, weil die Menschen älter werden. Darauf müsse das Konzept ausgerichtet werden. Wird das Krankenhaus zu einem Altersheim mit Intensivstation?
Joachim Quendt: Aus Leonberg wird kein Seniorenheim. Was aber richtig ist: bei Veränderungen müssen wir für alle Häuser des Klinikverbunds Südwest ein gemeinsames Konzept entwickeln. Wir sollten uns überlegen, welche Leistungen wir wo anbieten. Es geht darum, die Patienten in unseren Kliniken zu halten. In Leonberg müssen wir einen breiten Leistungs­katalog anbieten, denn sollte unser Standort wegfallen, würden die Menschen nicht nach Böblingen ausweichen und im Verbund bleiben. Wer in Ditzingen wohnt, kommt derzeit zu uns. Gebe es uns nicht mehr, ginge dieser Patient nach Ludwigsburg oder Stuttgart.
Werner Metz: Ich war von den Plänen ein wenig überrascht. Allerdings muss etwas getan werden, angesichts der Defizite, die erwirtschaftet werden. Dazu kommt, die Kliniken in der Region wurden Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre gebaut. Allein die Sanierungskosten wären enorm. Außerdem sollen sich die Patienten wohlfühlen. Wir stehen in Konkurrenz zu anderen Krankenhäusern.

Was erwarten Sie von einem neuen Klinikum auf dem Böblinger Flugfeld?
Metz: Eben aus der beschriebenen Konkurrenzsituation heraus ist ein Neubau sinnvoll. Eine Sanierung während des laufenden Betriebs einer Klinik bedeutet außerdem für die Patienten großen Stress. Die Frage ist allerdings: wer bezahlt das Ganze? Aus meiner Sicht sind unsere Krankenhäuser strukturell unterfinanziert. Und die Fördermittel vom Land sind nicht unerschöpflich.
Quendt: Es ist sinnvoll für den Klinkverbund, Synergien auszubauen. Böblingen und Sindelfingen sind organisatorisch schon zu einem Haus geworden. Das dauerhaft auf zwei Standorten zu betreiben, ist finanziell nicht machbar. Außerdem sind die Sanierungskosten für zwei Häuser viel zu hoch. Daher muss etwas passieren. Mit den beiden vorhandenen Standorten können wir auch die Patientenzahlen nicht mehr steigern. Daher sind wir schon aus wirtschaftlichen Gründen zum Handeln gezwungen.

Wie wird sich die medizinische Versorgung in der Region künftig entwickeln?
Quendt: Leonberg und Böblingen haben ein Krankenhaus vor Ort. Das bedeutet kurze Wege. In anderen Regionen ist das nächste Klinikum schon deutlich weiter entfernt. Kleine Häuser sind aus diesem Grund gerade auf dem Land sehr wichtig. Auch die Zeit, die Menschen durchschnittlich im Krankenhaus verbringen, wird eher wieder länger werden. Auch das ist dem steigenden Alter unserer Patienten geschuldet.
Metz: Eine medizinische Anlaufstelle nahe am Wohnort ist wichtig, weil die Patienten älter werden. Allerdings kämpfen wir mit widersprüchlichen Aufgaben. Zum einen müssen die Kliniken ihre Fallzahlen steigern, um profitabel zu sein. Auf der anderen Seite muss man dem Patienten individuellen Service bieten, da er sonst in eine andere Klink abwandert. Mehr Zeit pro Fall und mehr Fälle in der gleichen Zeit, das geht nicht zusammen.

Mit welchen Problemen haben Ärzte im Krankenhaus zu kämpfen?
Quendt: Um attraktiv für die Patienten zu sein, müssen wir ein attraktiver Arbeit­geber sein. Nur mit qualifizierten Mitarbeitern können wir die Patienten angemessen behandeln. Auf der anderen Seite wird der Kostendruck nicht kleiner. Das ist ein Spagat. Es ist nicht leicht, gute Mitarbeiter zu finden, im medizinischen und im Pflegebereich. Und die guten Leute rennen den Kliniken nicht gerade die Tür ein. Das liegt zum Teil an den Arbeitsbedingungen. Junge Mediziner haben den berechtigten Wunsch, Freizeit, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Bei Nachtschichten und 24-Stunden-Diensten ist das nicht einfach.

Und mit welchen Problemen haben niedergelassene Ärzte zu kämpfen?
Metz: Das sieht ähnlich aus wie bei den Kollegen im Krankenhaus. Die Arbeit hat sich verdichtet. Es muss mehr geleistet werden. Ein Facharzt mit eigener Praxis arbeitet 60 bis 70 Stunden die Woche. Allein in Leonberg haben kürzlich zwei Praxen geschlossen, und Nachfolger sind nicht in Sicht.

Es heißt oft, unsere Krankenhäuser seinen unterfinanziert. Was sagen Sie?
Metz: Die kommunalen Träger haben den Versorgungsauftrag. Daher ist das Land auch für seine Krankenhäuser zuständig. Doch das hat in den vergangenen 50 Jahren zu wenig investiert. Dieser Fehler holt uns jetzt ein, und wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Daher kommen die hohen Sanierungskosten, die jetzt in fast allen Häusern anstehen.
Quendt: Das hängt vom Träger ab. Die privaten sind profitorientiert und können sich die Rosinen rauspicken. Die stehen sicherlich besser da als die kommunalen Träger. Problematisch ist, dass die Hauptkosten mittlerweile nicht mehr auf den Betrieb entfallen, sondern für Investitionen und Sanierung aufgewendet werden.

Wie beurteilen Sie die Ziele für den Neubau auf dem Flugfeld – endgültiger Beschluss 2012 und Einweihung 2020?
Metz: Wer als Erster baut, bekommt als Erster etwas von den Fördermitteln. Daher das Interesse, möglichst schnell zu sein. Den Zeitplan halte ich für sportlich.
Quendt: Die Erfahrung spricht gegen den Optimismus der Planer. Großprojekte verzögern sich häufig. Denken Sie an den Klinkneubau in Winnenden. Außerdem sorgt hoher Zeitdruck oft für Mängel in der Qualität. Dennoch spricht zunächst mal nichts Grundlegendes dagegen, sich einen sportlichen Zeitplan zu setzen.