Lieferengpässe im Handwerk Neukunden müssen auf die Warteliste

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Tilo Kraus, Chef von „Schaal Bad + Design“ aus Leonberg, hat wie viele andere Handwerker mit Engpässen in den Lieferketten zu kämpfen. Foto: Simon Granville

Leonberg - Auf dem Weg aus der Coronapandemie stockt die Weltwirtschaft, die Lieferketten sind in ein Ungleichgewicht geraten. Längst bekommen es ganze Branchen und auch die Verbraucher zu spüren, dass Materialien oder Bauteile fehlen, dass Aktionsware in Discountern oder Sportgeschäften nicht zur Verfügung stehen. Weil Containerschiffe sich im Hafen stauen, weil Produktionsfirmen geschlossen sind. Das betrifft auch die lokalen Handwerker.

Engpässe in allen Lieferketten

Vor allem in den vergangenen beiden Jahren musste Jürgen Ziegler, der in der Leonberger Bruckenbachstraße ein Zimmereigeschäft führt, sich und auch seine Kunden darauf einstellen, extrem flexibel zu sein. „Wir haben momentan keine ruhige Zeit und einen großen organisatorischen Aufwand, um an Material heranzukommen“, sagt er. Die Lieferdauer von Dämmmaterial aus dem Schwarzwald beispielsweise habe sich auf Grund der hohen Nachfrage von zwei Wochen auf drei Monate verlängert. Auch bei Dachziegeln gibt es Engpässe. Für die Elektronik in Dachfenstern oder Rollläden fehlten die Platinen, die in der Regel aus Fernost angeliefert werden. Schrauben gibt es nicht mehr termingerecht in allen Größen.

Die Hersteller waren zu Beginn der Pandemie in Kurzarbeit

„Das kommt alles zeitversetzt“, sagt Ziegler, der in diesen Fällen immer versucht, alternative Lieferanten zu finden. „Die Engpässe ziehen sich quer durch alle Lieferketten.“ Vor allem in der Anfangszeit von Corona hätten viele Hersteller ihre Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt und vorher aber nicht ihre Lager aufgefüllt. Irgendwann seien sie eben leer gewesen. Zudem habe sich der Holzpreis zuletzt verdoppelt. Allerdings habe sich die Situation wieder entspannt.

Die Auftragsbücher der Zimmerei sind voll. „Potenziellen Neukunden muss ich derzeit leider eine Absage erteilen, da geht erst wieder was im Frühjahr“, sagt Ziegler. Die Nachfrage vor allem nach energetischen Sanierungen sei deutlich gestiegen. „Der Grund ist nicht nur die viele freie Zeit während der Kurzarbeit, die die Kunden gerne mit Heimwerkerarbeit genutzt haben. Das hat schon früher begonnen, seit es keine Zinsen mehr für Erspartes auf der Bank gibt. Da investiert man lieber in das Eigenheim.“ Ziegler ist ganz gut durch die Coronazeit gekommen. „Ich musste zum Glück keine Kurzarbeit anmelden und habe rechtzeitig Materialien bestellt und mein Lager aufgefüllt. Hierzu braucht man natürlich die Kapazität und auch die finanziellen Mittel.“

Wenn das Alublech fürs Dach fehlt

Die Unterbrechungen in den Lieferketten bekommt auch Tilo Kraus, Geschäftsführer der Leonberger Firma „Schaal Bad + Design“ zu spüren. „Bei Warmwasser- oder Pufferspeichern haben wir Lieferengpässe zwischen drei und vier Monaten, bei Heizungsanlagen bis zu sechs Monaten“, sagt der Innungsobermeister der Innung Sanitär und Heizung Stuttgart-Böblingen.

„Manchmal fehlt nur ein Bauteil, sodass der Artikel nicht fertig produziert und geliefert werden kann.“ So gab es beispielsweise im Frühjahr Engpässe bei Rohrleitungssystemen oder WC-Spülkästen. Dann konnten bestimmte Alubleche für Dacharbeiten nicht beschafft werden. „Nach Möglichkeit haben wir nach anderen Herstellern gesucht“, sagt Kraus. Wo es letztendlich klemmt, könne der Handwerkerbetrieb vor Ort gar nicht nachvollziehen. „Die Folge dieser gesamten Verkettung ist, dass wir bereits zum dritten Mal die Preise erhöhen mussten, und im Dezember wird die nächste Erhöhung folgen“, sagt Tilo Kraus. Deshalb seien einige Kunden verärgert, viele zeigten aber auch Verständnis.

Auch auf der Baustelle stockt es

Stark betroffen von den Lieferengpässen ist auch der Kölner Bauherr Pandion, der auf dem ehemaligen Gelände der TSG Leonberg zwölf Häuser hochzieht. „Es hat bis jetzt annähernd alle Ausbaugewerke auf der Baustelle betroffen, was wir jedoch gemeinsam mit den Unternehmen lösen konnten“, sagt Michael Hermes, technischer Leiter der Niederlassung Stuttgart. „Wegen der verlängerten Lieferzeit haben wir seit einigen Monaten einen gestörten Bauablauf, der sich auch bis zur Übergabe der Wohnungen nicht heilen lässt“, bedauert Hermes.

Durch eine veränderte Gewerke-Abfolge, die allerdings mit mehr Aufwand und Mehrkosten für den Bauherren verbunden sei, kann Pandion etwas Zeit wettmachen und den Bauverzug hinsichtlich der Übergaben auf vier Wochen reduzieren. „Wir arbeiten weiter intensiv daran, trotz allem die Vertragstermine einhalten zu können“, sagt Hermes.

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