Liederkranz Hirschlanden Einst Silcher – heute auch die Beatles

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Reiner Sigle leitet den Liederkranz Hirschlanden. Er singt sowohl im Männerchor als auch im jungen Chor TonArt. Foto: factum

Ditzingen - Pop, Choral und Volkslied – alles hat im Repertoire des Liederkranzes seinen Platz. Wenn dann mehrere Generationen im Chor miteinander singen – und ihm zuhören, birgt das bisweilen Konflikte. Das müsse man aushalten, sagt der Vereinsvorsitzende Reiner Sigle.

Herr Sigle, wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie bei den Männern leisten, um mit TonArt auch Englisch zu singen?

Die war gar nicht nötig. Wir haben zum Beispiel „Yesterday“ von den Beatles gesungen. Selbst bei den Männern, die 75 oder 80 sind, gibt es kein Problem. Wir singen Englisch, wir singen Deutsch, wir singen auch mal eine Messe in Lateinisch. Wir sind aber eben nicht wie ein Kirchenchor auf geistliche Musik beschränkt.

Sie singen also alles?

Wir können alle Genres bedienen, wenn es die Fähigkeiten, die Stimmen unserer Sänger zulassen. Vielleicht können nicht alle Sänger Noten lesen und den Rhythmus zählen. Aber heute kann man ja mit Whatsapp Stimmen einspielen, damit man zuhause seine Stimme einstudieren kann. Der Probenfortschritt ist bei TonArt ein ganz anderer. Da kommen wir nach drei Wochen zusammen und haben die Stimmen drin – das war früher die Arbeit von einem halben Jahr.

Die Chorliteratur stellt kein Problem für die ältere Generation dar?

Nein. Bei „Marmor Stein und Eisen bricht“ haben sich die Männer mitziehen lassen. Der älteste ist 87. Was haben sie früher gesungen? „Ich hatte einen Kameraden“, zum Beispiel. Als TonArt gegründet wurde, haben wir Gospel und Englisches gesungen. Da kam dann vom Publikum die Frage „Könnt ihr nur Englisch?“ Da muss man den Generationenkonflikt aushalten.

Woher kommt dieser Wandel?

Die Leute sehen die Enkel, sie sehen den gesellschaftlichen Wandel, und wenn man Neues mitnimmt, bleibt man geistig frisch. Man singt heute Sachen, da hätte man früher gesagt ‚Seid ihr verrückt?’.

Reiner Sigle pfeift „Always look on the bright side of life“.

Das ist herzerfrischend! Und wie unsere Chorleiterin herausfindet, was die Sänger können – Respekt! Damit steht und fällt ein Chor. Wir waren im Schwarzwald bei einem Konzert; den Chor gibt es in fünf Jahren sicher nicht mehr. Für mich sind das auch Erfahrungen. Wir sollten dankbar dafür sein, eine gute Leitung zu haben.

Sie könnten alle Genres bedienen, aber kann der Liederkranz auch alles singen?

Nein. Wir haben vor 15 Jahren Schubert-Konzerte gesungen. Wir haben wirklich die hohen Töne singen können. Aber wenn die nicht da sind, brauche ich das Konzert nicht machen. Mit der Notenauswahl steht und fällt der Erfolg. Wenn das Publikum sagt, die haben etwas Schweres gesungen, weiß man, dass es nichts war.

Warum?

Die Zuhörer müssen das Gefühl haben, dass die Sänger auf der Bühne Spaß haben. Diese Emotion muss sich übertragen auf das Publikum, dann fühlt es sich wohl und hat einen schönen Abend. Dann beflügelt einen dieses Tun. Wenn mich der Chorleiter mit Anspruchsvollem belästigt und ich verstecke mich hinterm Notenblatt, ist das schlecht. Aber ich kann ja nicht so einfach den Chorleiter rausschmeißen, man muss erst eine Alternative haben. Das ist in dem Bereich nicht so einfach.

Der komplizierte Brahms-Chorsatz muss es also wirklich nicht sein?

Wenn man das möchte, soll man zum Württembergischen Kammerchor Stuttgart gehen, also zu Auswahlensembles, die ihre Sänger selektieren. Das ist bei uns nicht der Fall, wir sagen nicht ‚Du musst vorsingen. Kannst du Notenlesen?‘. Wir sagen ‚Versuche mit den Möglichkeiten, die du hast, dich einzubringen.’ Bei uns ist es das Erlebnis des gemeinsamen Singens, das müssen wir vermitteln. Das ist der große Auftrag des Laienchorgesangs.

Manches Kulturgut geht doch damit verloren! Bedauern Sie das nicht?

Ich bedauere es nicht, sehe es eher kritisch, wenn sich Chöre mit Haydns „Schöpfung“ auseinandersetzen. Das sind hochkomplizierte Chorsätze. Es macht den Sänger stolz, äußerst Anspruchsvolle gesungen zu haben, aber das sollen Menschen machen, die sich damit auch auseinandersetzen können. Ich hatte mal eine Konzertmiete für die Bachakademie. Das sind Profis. Wenn die zusammenkommen, wird nur noch am musikalischen Ausdruck gefeilt. Wenn man Bach oder Brahms singt, ist das anspruchsvoll. Die Komponisten hatten eine Vorstellung davon, was die menschliche Stimme leisten kann, das haben sie auch ausgereizt. Da lass ich doch die Finger davon! Kirchenlieder, die vor 400 Jahren geschrieben wurden, sind schwierig. Es gibt wenige, die das noch heute singen können. Ich habe ein altes Gesangbuch von 1923. Im neuen evangelischen Gesangbuch sind die Lieder einen Halbton tiefer gesetzt.

Woher kommt diese Veränderung?

Die menschliche Stimme wird nicht mehr so gebraucht, wie früher. Es wird schon nicht mehr telefoniert, es werden Whatsapps, SMS oder Mails geschrieben - wo findet Sprache heute statt?

Soll man es also ausschließlich Profis überlassen, Liedgut in die nächste Generation zu transportieren?

Nein, aber man muss erkennen, was man leisten kann. Wir singen auch Brahms. Und die Deutsche Messe von Schubert ist bei uns ein tief verankertes Werk mit acht Stücken. Wir haben auch Sänger, die sich an jedem Geburtstag ein Ständchen von Schubert wünschen. Schubert hat die Werke so wunderbar bearbeitet, dass es Laien singen können.

Also ist es doch auch die Aufgabe eines Chors, Kultur weiterzugeben.

Selbstverständlich ist es Aufgabe des Chors, Kulturgut zu transportieren. Aber wer singt in 30 Jahren noch Volkslieder? „Im schönsten Wiesengrunde“ zum Beispiel. Vielleicht hat man 1950 auch solche Hits geschrieben – das sind Schlager wie „Griechischer Wein“, der blieb hängen oder „Die kleine Kneipe“. Das sind Klischees, aber darin fühlt man sich beheimatet, so verändert sich das. Silcher war einst der Taktgeber für jeden Männerchor. Wir lernen heute keine neuen Silcher-Chorsätze mehr.

Kein Silcher mehr – und dann wird auch noch ein zweiter, junger Chor namens TonArt gegründet. Stellte das kein Problem für den Männerchor dar?

Nein, das Gute war, dass der Männerchor noch sehr gut singfähig war. Wir wollten etwas Separates schaffen, wir mussten nicht ad hoc etwa Neues machen, weil der Männerchor nicht mehr hätte singen können. Die Männer sind in ihrer Aura unangetastet, das funktioniert wunderbar. So etwas kann man sich nicht kaufen, das muss sich fügen.

Gab der neue Chor einen Schub für den Männerchor?

Nein. Der Männerchor läuft auf eine Endlichkeit zu. Die Heimerdinger kooperieren bereits, der Liederkranz Ditzingen hat sich bereits vor 45 Jahren für einen gemischten Chor geöffnet. In der Gesellschaft ist es nicht mehr verortet, zu singen. Vor 50 Jahren hat man bei den Honoratioren gesungen, da war man stolz.

Wenn nicht mehr gesungen wird, wie konnte dann ein junger Chor gegründet werden?

Zum Glück hatten wir zwischen 1967 und 2007 im Kinderchor – den Frechen Früchtchen – rund 300 Chormitglieder. Wenn wir zehn Prozent davon erreichen, wären wir ein Chor, das war unsere Überlegung. Im Jahr 2008 waren wir beim ersten Treffen knapp 30 Frauen und vier Männer vom Männerchor. Der Kern ist fest verankert im Chor, auch im Vorstand. Das ist die Zukunft für den Liederkranz.

Die Sänger im Männerchor sind im Schnitt 73, bei TonArt 48. Sie selbst singen in beiden Chören. Was macht den Reiz aus, in beiden zu sein?

Da kann meine Frau mitsingen, es ist das gemeinschaftliche Freizeiterlebnis.

So erfolgreich TonArt ist: Einen Kinderchor gibt es nicht mehr.

Er ruht, aber wir hoffen, dass wir wieder eine Kooperation auf die Beine stellen. Wir müssen neue Projekte machen. Wir sind eine Eventgesellschaft, es muss stets etwas passieren. Unsere Chorleiterin haben wir nächstes Jahr seit 25 Jahren. Vielleicht schaffen wir etwas, um das noch zu unterstreichen. So lange hat es im 110-jährigen Vereinsbestehen noch kein Chorleiter geschafft. Wir müssen versuchen, mit Angeboten mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich hoffe, dass wir nach den Bauarbeiten wieder intensiver mit der Theodor-Heuglin-Schule kooperieren.

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