Leonberger Zeitgeschichte Die Werke eines ehemaligen KZ-Häftlings

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Moshe Neufeld zeigt 2003 dem württembergischen Landessrabbiner a. D., Foto: factum/Archiv

Leonberg -

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, schrieb 1949 Theodor W. Adorno. Kann man nach Auschwitz das Geschehene in gemalten Bildern festhalten? Ja, das kann man, wenn man wie der Leonberger KZ-Häftling Moshe Neufeld Auschwitz selbst erlebt und überlebt hat und dort die ganze Familie verloren hat.

Im Jahr 2003 hat die Stadt Leonberg 27 von Moshe Neufeld gemalte großformatige Bilder in einer Ausstellung im Stadtmuseum gezeigt. Die Hälfte dieser Bilder sind dem Thema Auschwitz gewidmet. Sie sind der Versuch eines anerkannten Künstlers, der in Israel, seiner Wahlheimat, seine Traumatisierung durch Auschwitz in gemalten Bildern zu verarbeiten versuchte.

„Des Vaters gequälte Seele“

Jetzt sind die Bilder – 2003 vom Fotografen Volker Kucher festgehalten – in einem 64-seitiigen Kunstband zugänglich, jedes Bild fachgerecht interpretiert von der Diplomkulturwissenschaftlerin Christina Ossowski, der langjährigen Leiterin des städtischen Kulturamtes .

Eberhard Röhm, ein Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg, hat ein ausführliches Lebensbild von Moshe Neufeld (1926 – 2008) verfasst. In einem Vorwort kommt auch einer der Söhne Oded Neufeld zu Wort. Er sagt, was für ihn diese Bilder bedeuten: „Die Bilder spiegeln des Vaters gequälte Seele wider.“

Er verlor Eltern und Geschwister

Der Bildband stellt ein einzigartiges Zeugnis der Erinnerung dar, vielleicht sind die Bilder sogar das einzige Beispiel der Aufarbeitung von Auschwitz-Traumatisierungen in Bildern eines Shoah-Überlebenden als anerkannter Künstler.

Moshe Neufeld stammte aus Satu Mare in Nord-Siebenbürgen, das 1940 durch den Wiener Schiedsspruch an Ungarn fiel und heute zu Rumänien gehört. Er wuchs im Zentrum des orthodoxen und chassidischen Ostjudentums auf. Im April 1944 wurde er mit seiner ganzen Familie in ein Ghetto gesperrt und im Juni 1944 nach Auschwitz deportiert. Dort verlor er Vater, Mutter, Bruder und Schwester. „Alleine bin ich geblieben im Leben“,sagte er in einem Film, den die KZ-Gedenkstätteninitiative 2002 in Israel drehen ließ.

Auf Umwegen nach Palästina

Nach dem Aufenthalt im KZ Leonberg, dem anschließenden Todesmarsch nach Bayern und der Befreiung durch die US-Armee schloss er sich 1946 einer Partisanengruppe an, die auf illegale Weise nach Palästina einreisen wollte – was auf Umwegen schließlich auch gelang. Nach Gründung des Staates Israel gehörte Moshe Neufeld zu den Gründungsmitgliedern des Kibbuz Barkai im Norden Israels.

Die Präsentation des Buches findet in einer gemeinsamen Veranstaltung der örtlichen KZ-Gedenkstätteninitiative, der evangelischen Erwachsenenbildung und des städtischen Kulturamtes statt.

Bei der Präsentation am Freitag, 15. März, um 19.30 Uhr, im Haus der Begegnung in der Eltinger Straße 23 werden auch die beiden Söhne des Künstler, Zwie und Oded Neufeld, anwesend sein.

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