Leonberger Kommunalpolitik Ein Plädoyer für eine Stadt mit hoher Qualität

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Eine Szenerie mitten im Leonberger Zentrum: Der winterliche Sprudler im Stadtpark. Foto: factum/Granville

Leonberg - Es brummt in und um Leonberg . Rein wirtschaftlich gesehen sowieso und in Sachen Verkehrslärm erst recht. Doch nicht nur das beinahe tägliche ­Stauchaos ist eine direkte Folge der prospe­rierenden Industrie im Ballungsraum. ­Mindestens genauso schwer wiegt der mangelnde Wohnraum. Die attraktiven Arbeitsplätze machen das Mieten oder Kaufen teuer, für manche gar unmöglich.

So spricht Martin Kaufmann nicht nur in Superlativen, als er die „stärkste Wirtschaftsregion in Deutschland, wenn nicht gar in Europa“ analysiert. Leonberg liegt mitten drin, ist mit Fluch und Segen des Booms also direkt konfrontiert.

Sieben Jahre für ein Gewerbegebiet sind zu lange

Martin Koppenborg, der Vorsitzende des Leonberger Business Network (LBN), hat den neuen Oberbürgermeister eingeladen, auf dass er den im LBN zusammengeschlossenen Unternehmern und Führungskräften darlegt, wie er sich die Entwicklung seiner Stadt vorstellt.

Kaufmann sieht den größten Nachholbedarf nicht in noch mehr Betrieben. Natürlich sind neue Firmen willkommen, sagt der OB. Natürlich müsse die Ansiedlungspolitik dynamischer werden. „Wir sind nicht richtig unterwegs, wenn wir sieben Jahre brauchen, um ein Gewerbegebiet zu realisieren“, sagt er mit Blick auf die schier endlose Geschichte vom Gewerbepark Leo West am Längenbühl.

Aber um für die bereits ansässigen und noch kommenden Unternehmen attraktiv zu sein, brauche die Stadt mehr Qualität. Das fängt für ihn bei ausreichendem Wohnraum an, geht weiter über umfangreiche Schul- und Betreuungsplätze, vielfältige Freizeitangebote und reicht bis zu einer Gesamtatmosphäre, in der sich die Menschen wohlfühlen. Die Altstadt, das Reiterstadion oder der Stadtpark – all diese Orte könnten die Lebensqualität und damit die Attraktivität der Stadt deutlich erhöhen, wenn sie denn richtig funktionieren.

Kaufmann verhehlt nicht, dass er hier noch Luft nach oben sieht. Ein Grüngürtel, wie unlängst im Gemeinderat vorgestellt, könne nicht nur diese markanten Orte miteinander verbinden, sondern auch die natürlichen Ruhezonen im Zentrum erhöhen.

Neue Wohnquartiere in Randlagen

Dass gerade hier die sogenannte Nachverdichtung, also das Schließen von Bau­lücken, Grenzen hat, liegt für den Oberbürgermeister auf der Hand. Platz für Wohnquartiere, die über die gerade diskutierten Projekte hinausgehen, sieht er vor allem in den Randlagen und in den Stadtteilen.

Den Begriff Qualität definiert Martin Kaufmann zudem über Angebote. Weitere Geschäfte, Gastronomie und ein neues Hotel können in seinen Augen das Profil der Stadt stärken. Besonders Übernachtungsmöglichkeiten im Premium-Segment für zahlungskräftige Geschäftsleute seien begrenzt. „Viele Unternehmen bringen ihre Gäste in Stuttgart unter, weil sie bei uns nichts Adäquates finden“, beklagt der OB.

Ein Fünf-Sterne-Hotel hingegen würde nicht nur die örtliche Nachfrage stillen, sondern zudem Gäste von der Messe, dem Flughafen oder aus der Landeshauptstadt selbst anlocken. Kaufmann siegt darin keine Konkurrenz zur bestehenden Hotellerie, sondern eine hochwertige Ergänzung.

Verkehr umorganisieren

Ohne eine Lösung der Verkehrsprobleme, das räumt er ein, lässt sich freilich ­keine echte Qualität herstellen. „Das Leo-Center fällt kaum auf, weil eine Asphalt-Wüste davor ist“, kommentiert der OB den vierspurigen Neuköllner Platz. Das „innere Dreieck“, wie er es nennt, zwischen Center, Bahnhof und Altstadt bedürfe daher einer städtebaulichen Überarbeitung. Eine breite autogerechte Straße sieht er in einem Zukunftskonzept nicht. Schritt für Schritt, müsste der städtische Verkehr umorganisiert werden, antwortet Kaufmann dem Fahrradhändler Joachim Mayer, der durch ein wirtschaftliches Wachstum mehr Autos befürchtet und beklagt, dass Elektroladestationen oder moderne Fahrradgaragen Mangelware seien. Insbesondere am Bahnhof stellt Kaufmann Verbesserungen in Aussicht. Das überregionale Verkehrschaos hingegen, das könne auch nur überregional bekämpft werden.

Alle anderen Aufgaben, so meint der Rathauschef, müssten in Eigenverantwortung angegangen werden. „Wir sind selbstbewusst genug, um uns alleine darzustellen“, antwortet er auf einen Einwurf aus dem Publikum, ob diese Themen nicht interkommunal gelöst werden sollten. Allenfalls bei Gewerbegebieten kann er sich nachbarschaftliche Modelle vorstellen.

Immer wieder betont der Oberbürgermeister die Notwendigkeit einer attraktiven Stadt und verschweigt nicht, dass das Geld kostet. „Aber die Menschen haben Verständnis für Investitionen in die Infrastruktur, wenn sie etwas davon haben.“

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