Leonberg Zwei Masken als späte Trauma-Therapie

Von
Noch sitzen Amalia und Helene auf dem Schoß. Aber Corina Foto: factum/Bach

Leonberg - Wissbegierig und ängstlich inspizieren sie schon mal den Leonberger Marktplatz. Helene und Amalia sind neugierig, schließlich ist das die neue Heimat der beiden Gebersheimer Neubürgerinnen. Sieht eigentlich ganz gemütlich aus, zumindest auf dem Schoß von Christine Pfeffer und Corina Gehring.

Das ist gut so, denn mit diesen beiden jungen Mädels werden es Helene und Amalia von Dienstagabend an noch öfter zu tun haben. Da packen die Leicha-Hexa in Gebersheim ihr Taufwasser aus – und das hübsche Gesicht von Corina Gehring (29) verschmilzt mit der Maske Amalia, aus Christine Pfeffer (35) wird Helene.

„Den Namen für unsere Masken haben wir uns selbst ausgesucht“, erklärt Christine Pfeffer . „Helene hieß meine Oma in Haigerloch, der Fasnetshochburg. So lebt sie jetzt weiter.“ Zumindest ab heute Abend dann, nach der Tauffeier. Wenn die Leicha-Hexa wieder zuschlagen und sich die unschuldige Christine und die Corina einverleiben.

Höchste Zeit also für ein letztes Interview. Und die Frage, wo ihnen die Hexen zum ersten Mal aufgelauert haben. Corina erinnert sich da nur noch an eine Szene. „Babysport“, sagt sie und lächelt. „Das war nach der Schwangerschaft mit meinem Sohn.“ Und da war auch noch eine weitere Sportlerin – eine erfahrene Leicha-Hex’. „Wir fanden uns gleich sympathisch“, erzählt sie, „da hab ich dann gleich gesagt: Okay, ich komm zu euch.“

Christine war schon einmal einer Zunft verfallen

Und Christine? Die war früher schon mal einer Zunft verfallen, konnte sich aber befreien – und machte die seltsame Erfahrung: „Es fehlt ’was.“ Beim Pferdemarkt im vergangenen Jahr war es dann so weit. „Da haben die Leicha spontan gesagt: Lauf mit!“, erinnert sie sich. „Und nach fünf Minuten war klar, es passt.“

Christine ist also bereits eine richtig erfahrene Fasnetsnudel – und grinst. „Corina, das wird eine Umstellung für dich“, sagt sie. Dann nämlich, wenn auch Corina zum ersten Mal eine Maske aufsetzen wird. Und von da an mit einem Sichtfeld von etwa einem DIN-A4-Blatt durch die Gegend marschieren muss. „Schon ein kleiner Absatz in der Straße wird da zum Problem“, weiß Christine Pfeffer. Und Straßen haben sie viele zu beackern, wenn heute die Hexensaison beginnt. Jedes Wochenende fahren die Leicha-Hexa zu Umzügen.

Bevor es los geht, müssen sich Christine und Corina, die Neulinge, aber noch ein klein wenig vorbereiten. „Hast du schon einen Fettstift?“, fragt die erfahrene Christine Pfeffer. Der ist eigentlich gemacht worden, um Tiere zu markieren. „Das funktioniert aber auch wunderbar bei unschuldigen Umzugszuschauern“, weiß Christine. „Man kann ihn nämlich kaum abwaschen.“

Und auch sonst hat die Neuhexe ein reiches Repertoire an Tipps, die bei Umzügen zum notwendigen Hexen-Handwerkszeug gehören. „Bei denen, die am ängstlichsten schauen, musst du immer vorbeigehen“, sagt sie etwa, „und dann von hinten wieder zurückkommen.“

„Ich glaub, ich ess an dem Tag nix“

Corina Gehring hört gebannt zu, schließlich muss auch ihre Schnürsenkel- und Haargummi-Trophäensammlung schnell wachsen. „Man wird ja selbst nicht erkannt“, hofft sie. Zumindest von heute Abend an, nach der Taufe. „Wenn ich die überstehe, kann es eh nur noch besser werden“, sagt Corina und überlegt sich schon mal eine Strategie für diese Zeremonie, von der sie bis jetzt nur die schlimmsten Gerüchte vernommen hat. „Ich glaub, ich ess an dem Tag nix“, murmelt sie.

Auch Christine Pfeffer ist froh, wenn’s rum ist – und sie endlich wieder selbst eine Hexe ist. „Als Kleinkind haben mich mal Weil der Städter Hexen versaut“, erinnert sie sich. Dann habe sie nur noch gebrüllt und sei weggerannt. „Aber das ist normal“, versichert Christine. „Wenn man als Kleinkind so ein Trauma hat, wird man später selbst eine Hexe.“

Artikel bewerten
13
loading
Strohgäu Leonberg Rutesheim Weil der Stadt Renningen Weissach Enzkreis-Gemeinden

Sonderthemen