Leonberg Wie zwei Menschen den Weg der Vergebung gehen

Von Brunhilde Arnold
Mircos Mörder wurde gefasst. So hätten sie abschließen können, sagen die Eltern. Foto: dpa

Leonberg - Das Schlimmste, was Eltern passieren kann, haben Sandra und Reinhard Schlitter erleben müssen: Ihr Sohn wurde 2010 im Alter von zehn Jahren entführt, missbraucht und ermordet. Das Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen schildert in einem Buch mit dem Titel „Mirco“ diese schwere Zeit: Die 145 Tage, in denen nach dem Kind in der größten Aktion der Polizeigeschichte gesucht wurde, die Zeit nach dem Auffinden der Leiche und später die Verhaftung des Täters, eines 45-jährigen Familienvaters.

Die Eltern berichten über den Prozess und darüber, wie ihre drei anderen Kinder mit dem Verschwinden des Bruders umgegangen sind – und sie sprechen vor den rund hundert Zuhörern im voll besetzten Schickhardt-Forum im Seehaus vor allem über ihren Glauben.

Der Glaube hat ihnen stets geholfen

Denn dieser habe die heute 39-jährige Mutter und den 47-jährigen Vater an dem Schicksalsschlag nicht zerbrechen lassen. Davon sind die beiden fest überzeugt. Und dass sich das Paar in dieser Krise besonders einander zuwandte. Reinhard Schlitter: „Das war der Schlüssel dafür, dass unsere Beziehung nicht zerbrochen ist, so wie dies bei anderen in einer solchen Situation oft vorkommt.“ Sie hätten einander nie Vorwürfe gemacht für das, was geschehen ist. „Wir stellten uns unserer gemeinsamen Verantwortung. Nichts konnte uns auseinanderbringen“, ergänzt Sandra Schlitter.

Für die drei anderen Kinder der Familie – der Älteste war damals 13 Jahre – sei der Zusammenhalt in der Familie ebenfalls sehr wichtig gewesen. Sie hätten versucht, trotz der großen Medienaufmerksamkeit so normal wie möglich weiter zur Schule zu gehen. „Auch die enorme Solidarität von anderen Menschen, die Gebete, Briefe und Päckchen, die oft von völlig Fremden gekommen sin , das alles hat unser Herz sehr berührt“, erzählt die 39-Jährige.

Die Verurteilung des Täters zur Höchststrafe – lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung – sei für die als Nebenkläger aufgetretenen Eltern wichtig gewesen. „Dadurch hatten wir die Chance abzuschließen“, sagt Sandra Schlitter. Urteilen wollten sie allerdings nicht über den Täter: „Das ist Aufgabe des Gerichts“, betont Mircos Mutter. Und sie versuchten auch, ihn nicht zu hassen. „Hass würde uns bremsen in unserer eigenen Entwicklung“, so Sandra Schlitter. „Der Weg der Vergebung ist der einzig richtige Weg für uns.“

Zweifelnde Fragen hat es schon gegeben

Das Ehepaar macht deutlich, dass es im christlichen Glauben fest verankert ist, dass er Quelle der Kraft und des Trostes ist. Allerdings, so gesteht Reinhard Schlitter ein, habe es schon Fragen gegeben wie: „Gott, wo bist du, hast du geschlafen, hast du weggeschaut?“ Trotzdem habe er stets gewusst, dass Gott bei ihnen gewesen sei, auch in dieser schwierigen Situation. „Gott will uns ja nicht als Marionetten. Wir haben einen freien Willen, etwas zu tun oder auch nicht, und müssen für unsere Taten selbst Verantwortung tragen“, fügt er hinzu.

Dass die Eltern des getöteten Kindes heute in der Öffentlichkeit über das Geschehene reden können, hänge auch mit ihrer Besinnung darauf zusammen, was sie noch haben und in ihrem Leben schätzen. „Und das ist viel“, sagt die Mutter. „Sandra und ich haben gelernt, dass es wichtig ist, loslassen zu können“, ergänzt ihr Mann. Der große Zusammenhalt in der Familie habe ihnen die Gewissheit gegeben, dass der Tod nicht das Ende ist.

→ Der Lebensberichtsabend wird im Seehaus als „der etwas andere Gottesdienst“ begangen, bei dem Menschen Bewegendes aus ihrem Leben erzählen. Die Termine zu den Veranstaltungen stehen im Internet unter www.seehaus-ev.de.

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